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News / Die ewige Selbstfindung
Sebastian Vesper
25.04.2013   News
Die ewige Selbstfindung
 
Es lebe der Reflex: Warum sich PR (nicht erst seit Social Media) immer wieder „neu entdeckt“

PR-Menschen sind mitverantwortlich dafür, dass der Begriff PR immer mehr zerredet wird. Und sie merken nicht, dass viel von ihrem verzweifelten Gegensteuern alles nur noch nebulöser macht. Mittlerweile erschöpfen sich ermüdend viele Beiträge über PR und vor allem digitales Kommunizieren in Banalitäten und Allgemeinplätzen. Es wird immer abgegriffener, immer platter. Ein Gros der Beiträge zeigt, wie verkrampft viele PR-Menschen mit ihrer Profession umgehen.

Wer solche Sätze liest, wird sich in dieser Kolumne sofort zuhause fühlen: Das hätte glatt von Vesper sein können. Aber der Autor dieser Zeilen ist sechs Jahre jünger als das hier schreibende Schlachtross: Dennis Sulzmann, Betreiber des Blogs heutigentags.de, seines Zeichens „Journalist und Berater“. In einem klugen Beitrag arbeitet sich Sulzmann daran ab, dass sich PR-Leute so gern daran abarbeiten, was Dritte über die PR-Disziplin von sich geben, obwohl sie nicht dazu gehören und keine Ahnung von PR haben.

In diesem Fall hatte kein Geringerer als Sascha Lobo den von Sulzmann angeprangerten Zerredungsprozess getriggert. Die Web-Ikone Lobo, anfänglich von der kommerziell orientieren Kommunikation als Exot bestaunt, aber seit Jahren auf deren Podien heimisch, hatte mit einem Erklärbär-Interview zur Lage der Kommunikation im Social-Media-Zeitalter Lieschen Müller ins Staunen und PR-Profis wie Mirko Lange in Rage versetzt. Denn Lobo operiert offensichtlich mit einem Klischee: „PR-Leute traditioneller Bauart sind gewohnt, über Bande zu spielen, nämlich über redaktionelle Medien. Damit kennen sie sich aus (...)“, Social Media aber gehe anders.


Verteidigung in drei Spiegelstrichen
Gute PR-Leute wissen das natürlich. Aber sie hassen es, wenn Promis wie Lobo ihnen dieses Wissen absprechen. Der Reflex: Die Disziplin muss verteidigt werden, und ich will auch was dazu sagen! Lange lebt wie Lobo seit Jahren vom Social-Media-Erklären, auch wenn er weder dessen unverwechselbare Frisur vorweisen kann noch dessen Coolness und schon gar nicht dessen mediale Präsenz. Ein wackerer PR-Berater eben: leidenschaftlich in der Sache, klug in der Gedankenführung, flink auf der Tastatur und immer auf der Suche nach einem Mikrofon, um sich der Fachwelt zu erklären. Diesem Reflex folgend, sinnierte Lange auf seiner Website talkabout.de: „Kann (und muss) man ‚PR‘ in Zeiten von Social Media vielleicht wieder neu entdecken?“ Was für eine Frage. Und doch nervt sie.

Seit nunmehr 18 Jahren darf ich das spannende Berufsfeld „PR“ als Fachredakteur begleiten – und seitdem debattiert, entdeckt und erfindet es sich fortwährend neu. In diesem Fall fand Lange in seinem trotz der abschreckenden Einleitung lesenswerten Traktat drei sinnvolle Spiegelstriche: Agieren auf Augenhöhe, Vermittlung nach innen, Aushalten von Interessenartikulation. Ja, ja, ja. Haken dran. Das ist nicht neu, aber manchmal braucht es eben einen Trigger, um Altbekanntes noch einmal aufzuschreiben, denn es wird dadurch nicht falsch.


Postings unter Gleichgesinnten
Es ist die permanente Identitätssuche einer geschundenen Zunft, die irgendwo zwischen Unternehmensführung, Marketing und Werbung um ihren Platz kämpft und sich dabei notorisch missverstanden fühlt. Am Ende aufgeregter Postings ist sich dann ein relativ keiner Kreis Gleichgesinnter (hier finden Sulzmann und Lange in ihrer Debatte dann auch wieder zueinander) letztlich darüber einig, was „PR“ eigentlich ist oder sein sollte.

Wahrscheinlich ist diese andauernde und stark von Theorie geprägte Selbstvergewisserung (der übrigens bei weitem nicht alle PR-Schaffenden in der Praxis folgen können oder wollen) der einzige Weg, um „PR“ als Denkgebäude überhaupt noch zusammenzuhalten und zu kräftigen. Insofern sollten wir solche Debatten mit null Neuigkeitswert ertragen: als stärkenden Mörtel für eine wertvolle Gedankenkathedrale. Außerhalb der Clique der Gläubigen aber ist das kaum vermittelbar (das meint Sulzmann wohl mit „Zerreden“). Womit sich die Katze in den Schwanz beißt.

Aber das hat ja auch Vesper schon das eine oder andere Mal aufgeschrieben. Willkommen zuhause.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.
 

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