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News / Das Argument – die einzig wirksame Waffe
Adrian Peter
25.04.2013   News
Das Argument – die einzig wirksame Waffe
 
Adrian Peters Thesen zum Verhältnis von PR und Journalismus (4)

Das Material beeindruckt: Es zeigt Bilder aus einer Schweinezuchtanlage, in der tausende Tiere gemästet werden. Millionen von Fliegen sitzen auf den Absperrungen, die Futtertröge sind voller Maden. Der Stall ist sehr schmutzig. Keine Frage, die Bilder sind ausreichend ekelerregend. Würden sie ausgestrahlt, hätte das Unternehmen mit einem erheblichen Imageschaden zu rechnen. Doch eine Kleinigkeit macht die Fachleute, die das Material begutachten, stutzig: Die Fliegen fliegen nicht, sitzen nur herum. Es stellt sich heraus: Es handelt sich offenbar um die Art Ophyra aenescens. Nicht appetitlich – aber auch kein großer Skandal, weil sie die Schweine kaum stört. Ein „Killerargument“ – das Material wurde nie gesendet.

Vor nichts fürchten sich Journalisten mehr: Dass trotz aller Sorgfalt bei der Recherche am Ende das Unternehmen recht und das Magazin unrecht haben könnte. „Killerargumente“ töten mehr Geschichten als sämtliche PR-Agenturen und Anwaltskanzleien zusammen. Es ist gut für den Journalisten, wenn er auf solche Argumente in einem frühen Stadium der Recherche stößt, teuer, wenn bereits wochenlang recherchiert wurde, verheerend, wenn das Argument erst nach Veröffentlichung die Recherche als Unsinn entlarvt.

Investigativ arbeitende Redaktionen rechnen immer mit dem „Killerargument“ und nehmen es ernst. In jeder Redaktion gibt es mindestens einen advocatus diaboli, der sich in die Rolle der Gegenseite versetzt und die Glaubwürdigkeit der Informanten und der Geschichte infrage stellt. Was könnte der Gegenseite recht geben? Und was bedeutet das für die Story? Diese Fragen werden intensiv diskutiert, bevor eine Redaktion Geld in die Hand nimmt, um eine Geschichte ins Blatt oder in die Sendung zu bekommen.


Sich erklären hilft
Unternehmen, die sich im „Visier“ von investigativen Journalisten befinden, sind deshalb gut beraten, wenn sie ihr Handeln erklären. Mit echten Argumenten. Mit wahrhaftigen Argumenten. Häufig liefern Pressesprecher ein „Killerargument“, das sich nach zwei Telefonaten als Nebelkerze oder schlichte Lüge entlarvt. Das bringt dem Unternehmen bestenfalls einen Zeitvorteil, wird aber keine gute Geschichte aufhalten. Je nachvollziehbarer, glaubwürdiger und überprüfbarer ein Gegenargument ist, desto schwerer ist die von vielen Unternehmen befürchtete „Skandalisierung“.

Aber: Nicht jedes ehrliche, gute Argument muss ein Killerargument sein: Wenn ein Textilfabrikant schlüssig betriebswirtschaftlich darlegt, warum er nur dann existieren kann, wenn er zu Hungerlöhnen in Bangladesch produzieren lässt, ist das aus seiner Sicht sicher ein gewichtiges Argument. Nur: Es muss sich kein Journalist dem anschließen, gibt es doch eine Reihe von Argumenten, die gegen diese Form Ausbeutung sprechen und seien es politische und moralische. Das Gute daran ist: Darüber kann man streiten – öffentlich, politisch. Am Ende muss sich die Gesellschaft entscheiden, welchen Preis sie für welches Produkt sie zu zahlen bereit ist. Meinungsbildung ist nichts anderes, als diese Diskussion führbar zu machen. Und das ist letztlich der Auftrag von Journalismus.

Peters Thesen
Zehn Thesen zum Verhältnis von Journalismus und PR hat Adrian Peter aufgestellt, CvD bei der SWR-Sendung Report Mainz. Hier präsentiert er seine vierte These, sechs weitere stellen wir in loser Reihe vor – und freuen uns über Beifall oder Gegenrede, auf Ihren Kommentar per Mail, auf prreport.de oder bei Facebook, Google+ oder Twitter!
 

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