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News / Inhalte auf Knopfdruck
Sebastian Vesper
27.03.2013   News
Inhalte auf Knopfdruck
 
Zauberwort „data driven journalism“

Wenn Journalisten kurzzeitig ihr Hamsterrad der Content-Produktion verlassen oder Verleger vorübergehend von den Controlling-Cockpits aufblicken können, kommt es schon mal vor, dass sie über „the next big thing“ nachdenken: den nächsten großen Trend in den Medien – und was der wohl bedeuten wird für sie und ihre Existenz in einer digitalisierten Welt, in der niemand mehr für Inhalte bezahlen mag und immer weniger Werbegelder fließen. „Data driven journalism“ ist momentan ein Zauberwort. In Großbritannien elektrisiert es die Reste einer am Boden zertrümmerten Medienbranche derzeit sogar stärker als das längst in den journalistischen Alltag integrierte Social-Media-Wesen. Und das will was heißen.

Der erhoffte Aufstieg des „Datenjournalismus“ fällt zusammen mit dem unvermeidlichen Niedergang klassischer Redaktionsarbeit. Weil es zunächst nicht gelang, das archaische Prinzip, für Inhalte zu bezahlen, ins digitale Zeitalter zu retten, verschrieben sich die Medienveranstalter jahrelang sklavisch der „Reichweite“, um wenigstens Geld mit Werbung zu machen. Nur leider investieren Werbungtreibende ihre Budgets (falls sie noch welche haben) heute lieber in Formate, die sie selbst kontrollieren können oder die ihnen direkte und qualifizierte Kontakte zu Zielgruppen bringen. Weil bei den Medien kräftig gespart werden muss, produzieren und reproduzieren immer weniger Fließbandarbeiter immer mehr „News“.

Nur noch wenige journalistische Medienangebote haben etwas an sich, was sie vom Rest der Welt abhöbe. Das aber wäre Voraussetzung dafür, Nutzer bezahlen zu lassen – sei es mit Geld oder mit wertvollen Daten, die wiederum für die Werbevermarktung einsetzbar wären. Fertig ist der perfekte Teufelskreis.


Trüffeln, heben, visualisieren
„Data driven journalism“ verspricht Medienunternehmen in dieser prekären, selbst verschuldeten Situation Abhilfe. Das Prinzip: Man stellt sich eine Frage, auf die kein anderer gekommen wäre, und ertrüffelt die Antwort, indem man Datenkolonnen miteinander vergleicht: Muster, Unterschiede, Veränderungen, Bruchstellen und Ausreißer nach oben wie nach unten. Die erste Stufe der redaktionellen Wertschöpfung besteht darin, die Befunde zu visualisieren und im Wege einer „Nachricht“ in die Welt zu setzen. In weiteren Schritten lassen sich Folgeprodukte generieren, zum Beispiel Analysen und Interpretationen der Daten.

Die Produktion ist weniger aufwändig als gedacht und erfolgt teilautomatisiert: Man nehme eine gute Idee, besorge sich öffentlich zugängliche Daten, eine studentische Aushilfe, eines der vielen tollen Google-Tools und vielleicht noch eine API-Schnittstelle. Das Produkt lässt sich prima zu Häppchen verarbeiten und über Social Media teilen. Selbst die Visualisierung ist ein Kinderspiel: Wofür früher ein tariflich entlohnter Grafiker eine halbe Woche gebraucht hätte, das erledigt heute ein Knopfdruck.


Nächster Trend: „data driven PR“
Die Zeitschrift, bewegte Bilder, das Web, die App: Kaum ein Medienformat wird heute kommerziell mehr von Medienunternehmen beherrscht, sondern von der werbungtreibenden Industrie, die es selbst produziert und für sich einsetzt. Der nächste Evolutionsschritt auf dem Weg zur Krone der Kulturtechnik ist folgerichtig „data driven PR“. Das ist für Medienunternehmen noch praktischer, denn sie sparen sogar die studentische Aushilfe! Und auf PR-Seite ist der Trick, Themen mit „Studien“ zu bespielen, ohnehin gelernt. Warum sollten Pressestellen und PR-Agenturen künftig aufwändige Umfragen fabrizieren, wenn doch alles in den „big data“ steckt? Die Welt lässt sich lesen, die Daten lassen sich von links nach rechts und von oben nach unten durchkneten – und besser an eigenen Interessen ausrichten als Umfragen. Glaubhaft und effizient.

Der Siegeszug der Daten, die uns die Welt erklären werden, dürfte dann sogar noch ein paar ewig gestrigen Redakteuren Beschäftigung geben, die zur Freude schrumpfender Eliten über all dies kritisch in den Feuilletons reflektieren können. Für immer weniger Leute, die das lesen wollen und die dafür bezahlen werden.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.

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