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21.02.2013   News
Losfliegen und loslassen
 
Ausgleich durch Auszeit, Raum für sich selbst und „neue Bilder im Kopf“: Der Traum vom Sabbatical ist verbreitet, verwirklicht wird er aber noch selten. Von Andrea Munz

Nach 17 Jahren in der Kommunikationswelt suchte Antje Lüssenhop Erdung und Entschleunigung: Die Leiterin PR & Interne Kommunikation bei der Deutschen Bahn gönnte sich ein Sabbatical. Knappe zwei Monate reiste Lüssenhop 2012 allein durch Indien und Sri Lanka. Ihre Absicht: „Ein wenig Geschwindigkeit aus meinem Leben nehmen, mir Zeit für alltägliche Dinge gönnen. Ich hatte das Bedürfnis nach neuen Bildern im Kopf, nach neuen Farben und Gerüchen...“, erzählt die erfolgreiche PR-Chefin. Konkrete Erwartungen hatte sie nicht. „Fast bis zum Abflugtag war ich komplett im Job-Stress, sodass ich mich nicht auf die Reise vorbereiten konnte“, so Lüssenhop. „Ich bin einfach losgeflogen und habe alles auf mich zukommen lassen.“

Ein wunderbarer Weg sei das, man lasse sich einfach treiben. „Sehr gesund, wenn man sonst ein fremd-bestimmter Mensch ist.“ Was der Managerin besonders in Erinnerung geblieben ist: „Das Gefühl für Zeit. Zeit spielt in diesen Ländern keine wirkliche Rolle – perfekt für Entschleunigung.“ Heute lässt sich Antje Lüssenhop nicht mehr so durch den Tag peitschen und gönnt sich mehr bewussten „Denk-Raum“. Zudem versucht sie regelmäßig einen Homeoffice-Tag einzulegen.

Weltreise, Fortbildung, Neuorientierung: Es gibt zig Anlässe für eine Auszeit. Der Traum vom Sabbatical ist verbreitet, verwirklicht wird er aber noch selten. Entweder es fehlt der Mut oder die äußeren Rahmenbedingungen passen nicht.
„Die Möglichkeiten, Sabbaticals zu nehmen und selbstbestimmt zu nutzen, sind hierzulande noch sehr begrenzt“, erklärt Sozialwissenschaftlerin Barbara Siemers, die ihre Dissertation zum Thema „Sabbaticals – Optionen der Lebensgestaltung jenseits des Berufsalltags“ geschrieben hat. Auch in der PR-Branche sind Sabbaticals eher ein Randthema. Dabei würde es die Hektik des Joballtags geradezu nahelegen eine geplante Auszeit als sinnvolles Gegengewicht einzusetzen.


Eine „Pause im Lebensarbeitsprozess“
„Die Arbeitswelt ist im ständigen Wandel“, betont Siemers. „Und gekennzeichnet von einer zunehmenden Dynamik der Veränderungen und damit einhergehend wachsenden Anforderungen an jeden einzelnen Beschäftigten, seine Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsfähigkeit möglichst zu verbessern, mindestens aber zu erhalten. Das ist anstrengend, zum Teil überfordernd.“ Siemers zufolge können Sabbaticals einen Beitrag zur Erhaltung von Beschäftigungsfähigkeit und Gesundheit leisten – „als eine Art in den Lebensarbeitsprozess eingebaute Pausen, deren Lage, Dauer und Inhalte allerdings individuell bestimmbar sind“. Generell werde es für Arbeitgeber „immer wichtiger“, eine gesunde Work-Life-Balance zu fördern.

Denn der Job beansprucht zunehmend Raum im Privatleben. Begünstigt wird dies durch die mobile Kommunikation, mit der jeder immer und an jedem Ort erreichbar ist. In der Work-Life-Balance-Studie „Leben & Arbeiten in Deutschland“ des GfK Vereins klagen 57 Prozent der Befragten über eine berufliche Belastung, wovon zwölf Prozent sogar mehr als vier belastende Aspekte nennen. Jeweils 43 Prozent empfinden viel Stress und starken Zeitdruck bei der Arbeit. Auch gesundheitliche Beeinträchtigungen sind weit verbreitet: Insgesamt 58 Prozent leiden unter Beschwerden – dazu zählen am häufigsten Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Rückenschmerzen. Rund ein Drittel der Befragten gibt an, dass ihr Hobby zu kurz kommt. Und 28 Prozent meinen, zu wenig Zeit für Freunde zu haben.


Geschäftsführerin von 9 bis 15
Work-Life-Balance ist längst auch in Kommunikationsagenturen ein Thema. Gerät das Verhältnis zwischen Privat- und Berufsleben aus dem Gleichgewicht, gefährdet das nicht nur die Gesundheit. „Es leiden auch Produktivität und Kreativität“, sagt Susanne Marell, CEO Edelman Deutschland. „Wir setzen deshalb stark auf individuelle Lösungen, da wir die Erfahrung gemacht haben, dass jede Situation eine eigene Betrachtung erfordert. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine meiner Geschäftsleitungskolleginnen arbeitet von 9 bis 15 Uhr, weil sie dann ihre Kinder abholen muss. Und sie macht einen extrem guten Job.“

Das Ziel seien zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Spaß an ihrer Aufgabe haben und gerne zum Erfolg von Kunden und Agentur beitragen. Wenn dies der Fall sei, so Marell, sei natürlich auch die Agentur insgesamt erfolgreicher. „Klar ist aber auch, dass wir diesem Anspruch an manchen Tagen nicht gerecht werden, zum Beispiel, wenn eine Pitch-Präsentation nicht rechtzeitig fertig geworden ist.“ Dann sei es die Aufgabe von Team- und Standortleitern gegenzusteuern, damit die Balance in Summe wieder stimme.

Markus Mayr empfiehlt für eine harmonische Work-Life-Balance, seinen eigenen Rhythmus zu finden: „Wo fängt die Arbeit an und wo hört sie auf?“ Der Leiter Unternehmenskommunikation bei Scholz & Friends, der 2012 in einer viermonatigen Auszeit eine Weltreise unternahm, ist überzeugt: „Die Ergebnisse unserer Arbeit werden durch eine gesunde Work-Life-Balance besser, wir bleiben produktiver, wenn wir dafür sorgen, dass wir immer wieder kleine Auszeiten haben. Das kann auch ein langes Gespräch mit einem Freund oder ein Handy- und medienfreies Wochenende sein.“ Scholz & Friends unterstütze die persönliche Fort- und Weiterbildung, vor allem langjähriger Mitarbeiter. „Für Sabbaticals bedeutet dies, dass in einer Agentur flexible Modelle oft einfacher umzusetzen sind als in anderen Unternehmen“, bemerkt Mayr. Die Agentur biete ihren Mitarbeitern „sowohl während der Arbeitszeit als auch darüber hinaus zahlreiche Vergütungen“.

In welchem Maße der Arbeitgeber verantwortlich für das Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Privatleben ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Stefan Schanz, Geschäftsführender Gesellschafter der Stuttgarter Agentur pr+co, bezeichnet Work-Life-Balance als „eine sehr persönliche Angelegenheit mit einer hohen Selbstverantwortung“. Als Arbeitgeber sieht Schanz zwei Ansatzpunkte, zur individuellen Balance beizutragen: „Erstens eine hohe Arbeitszufriedenheit und eine angenehme Arbeitsatmosphäre – das nimmt viel Druck aus dem Thema. Zweitens: ein Arbeitsumfeld, das zeitliche Spielräume ermöglicht. Wir verstehen darunter nicht nur formale Teilzeitangebote, sondern auch persönliche Freiheiten bei der Gestaltung des Arbeitstages.“

Wie wichtig jemandem seine persönliche Work-Life-Balance ist, scheint auch vom Alter abzuhängen. Ob in Agenturen oder Unternehmen – tendenziell legt offenbar die jüngere Generation mehr Wert auf das Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben. Viele Nachwuchskräfte sind gut ausgebildet und leistungswillig – aber nicht um jeden Preis. Sie definieren die Vereinbarkeit von Job, Freizeit und Familienleben auf neue Art und läuten damit möglicherweise einen Wertewandel ein.

Die „Generation Y“ betrachtet das Paket aus Privatleben und einem guten Job mit angenehmer Arbeitsatmosphäre, Gestaltungsfreiraum, flexiblen Arbeitszeiten und Home-Office-Möglichkeiten in seiner Gesamtheit. Die Konsequenz: Das Thema Work-Life-Balance rückt näher an den Bereich Talent-Management. „Arbeitgeber, die sich nicht darauf einstellen, werden es in ein paar Jahren schwerer im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter haben“, prognostiziert Agenturmanagerin Marell.


„Wir müssen irgendwann wieder lernen, Prioritäten zu setzen“
Ulrich Schuhmann, Geschäftsführender Gesellschafter Schuhmann Personalberatung

Ist Work-Life-Balance in der PR- Branche schwieriger zu erreichen als in anderen Branchen?
Die PR ist sicherlich nicht grundsätzlich anders zu sehen als viele andere Branchen. Allerdings sind ihr Punkte immanent, die eine gute Work-Life-Balance tendenziell eher schwieriger erreichbar erscheinen lassen. Das gilt insbesondere für die externe Kommunikation, die in den letzten Jahren eine starke Beschleunigung erfahren hat.

Wenn Sabbaticals ermöglicht werden: Was sagt das über die Kultur des Unternehmens?
Das würde ich vorsichtig beurteilen. Es könnte auch „der Not gehorchend“ möglich gemacht werden, nicht weil es Teil der Kultur sein soll. Gefährlich – ja man kann sagen meist tödlich – ist die Frage im Vorstellungsgespräch nach dem Umgang mit Sabbaticals. Ich kenne sehr wenige Unternehmen, die Sabbaticals in ihre Personalkonzepte integrieren und damit offensiv umgehen, sie sogar als Teil ihrer Kultur wahrnehmen.

Wie haben sich die Anforderungen der Arbeitswelt in den letzten Jahren verändert?
Es sind die Anforderungen, die heute für alle Branchen gelten: immer und überall erreichbar, keine Ruhephasen, Gefühl des Getriebenseins durch Informationsflut, kein Abstand mehr um Dinge ins Lot zu bringen usw. Manche treffen natürlich für die PR-Branche ganz besonders zu. Wir müssen irgendwann wieder lernen, Prioritäten so zu setzen, dass zwischendurch häufiger Phasen wirklicher Entspannung möglich sind. In der Folge kommt es nicht mehr so häufig dazu, dass man die radikale Reißleine in Form einer längeren Auszeit ziehen muss.


PR-Chefin im Konzern: „Machen, nicht zögern!“
Antje Lüssenhop, Leiterin PR & Interne Kommunikation Deutsche Bahn, reiste zwei Monate allein durch Indien und Sri Lanka.

Hat die Auszeit Ihrer Karriere genützt oder geschadet?
Mein Sabbatical hat mich persönlich bereichert. Meine Reise hat mir Ruhe, Glück, Demut aber auch große Freude geschenkt. Deshalb kann es mir in keiner Weise geschadet haben, weder privat noch beruflich. Alles was mich stark macht, stärkt mich im Job. Und bis heute hat es keine Situation gegeben, in der mir mein Chef oder ein Kollege das Sabbatical negativ vorgehalten hätte. Das Gegenteil ist der Fall, das Interesse ist groß, da viele früher oder später ihre „eigene Reise“ planen.

Welche Tipps würden Sie Menschen geben, die gern ein Sabbatical umsetzen möchten?
Machen, nicht zögern. Die Welt im Büro dreht sich auch ohne einen ganz gut. Der Job ist noch da, wenn man zurückkehrt und man wird erfahren, dass sich nicht allzu viel verändert hat.


Agenturmensch: „Alle haben begeistert reagiert“
Markus Mayr, Leiter Unternehmenskommunikation bei Scholz & Friends, war 111 Tage auf drei Kontinenten unterwegs. Was war das Ziel ihres Sabbaticals? Wer sich Ziele setzt, setzt sich selber unter Druck. Und das ist für eine „Auszeit“ nicht die beste Ausgangslage. Wenn ich konkrete Ziele hatte: Ich wollte die Welt sehen, Vorurteile abbauen, Menschen kennenlernen und mein Spanisch in Südamerika aufpolieren. Warum da gar keine beruflichen Ziele mit verbunden sind? Weil es für mich von vornherein eine „Auszeit“ war. Wie haben Freunde, Kollegen und Vorgesetzte reagiert? Von der Familie über Kollegen bis zum CEO der Agentur haben alle mit Begeisterung reagiert und mich entsprechend unterstützt. Ein Sabbatical ist immer auch eine Belastung für den Arbeitgeber. Gemeinsam mit ihm muss man Strukturen schaffen, um die eigene Auszeit zu überbrücken. Scholz & Friends bin ich deshalb dankbar, dass sie mir – ohne zu zögern – diese Reise ermöglicht haben. Und meinen Kollegen, dass sie mich trotz der vielen Fotos auf Facebook immer noch mögen. Inwieweit profitieren Sie heute von Ihrer Auszeit? Ich habe einige Erkenntnisse über mich persönlich und die Welt allgemein gewonnen. Die wichtigste: Jedes Land ist besonders. Japan beispielsweise ist eine komplett andere Welt, in der die Regeln unserer Gesellschaft – und damit auch unserer Kommunikationslandschaft – nicht gelten. Eine wahnsinnig spannende Zeit, in der ich gelernt habe, dass man mit lediglich fünf Sätzen, seinen Händen und einer tiefen Verbeugung unheimlich weit kommen kann. Wer keine Termine hat und niemanden, der auf einen wartet, erfährt das große Glück der Gelassenheit. Ob der Bus fünf Stunden Verspätung hat oder der Flieger ausfällt, spielt irgendwann keine Rolle mehr. Entscheidend ist am Ende, sich ein Stück dieser Gelassenheit in der Heimat zu bewahren.

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