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News / Unter der Wortschwalldusche
Sebastian Vesper
21.02.2013   News
Unter der Wortschwalldusche
 
Kommunikatoren können prima reden, dürfen es aber leider nicht immer

Die meisten PR-Leute, die ich kenne, reden wahnsinnig gern und wahnsinnig viel. Oft genügt ihnen ein Stichwort, um ihr Gegenüber unter eine angenehm warme Schwalldusche zu stellen. Im Laufe eines Berufslebens entwickelt der beflissene PR-Mensch seine ganz persönliche Methode der Gegenüberbeschallung, die ihm dann niemand mehr so leicht nachmacht.

Zur Gattung gehören Schnellsprech-Champions ebenso wie Wortverknappungs-Filigrantechniker. Manch einer punktet mit technisch-politischem Detailwissen in der Sache, das in Rekordzeit ausgesprudelt wird und den Gesprächspartner unweigerlich in den Bann zieht. Ein anderer wirft alles, was sie oder er an Persönlichkeit, Empathie und Autobiografischem zu bieten hat, in die emotionsgespickte Umarmungsrede. Das, je nach Situation, nicht minder erfolgreiche Gegenstück hierzu wird markiert durch Ironie, Zynismus und schwarzen Humor – vorausgesetzt natürlich, man beherrscht diese scharfen Waffen. Wieder andere operieren gekonnt mit frei erfundenen, aber unglaublich zutreffenden Termini, die es nie in ein Lexikon schaffen werden. Oder mit kraftvoller Metaphorik nach dem Vorbild griechischer Philosophen oder deutscher Romantiker, artistisch variiert.

Manche sprechen in langgestreckten Essays, andere hören sich an wie pfeilartig abgefeuerte Tweets. Ob Kladde oder Powerpoint: Jeder PR-Mensch hat sein persönliches Sprechschwall-Rezept. Und für alle gilt: Je druckreifer, desto beeindruckender.


Wann haben Sie zuletzt geschwiegen?
Falls Sie sich in einer der geschilderten Varianten selbst erkannt haben, sei die Frage erlaubt: Wann haben Sie eigentlich zuletzt geschwiegen? Vielleicht neulich auf dem Bewerberstuhl oder im Meeting mit der Geschäftsleitung in größerer Runde. Schließlich wissen (oder lernen) wir ja alle: Bisweilen ist es durchaus von Vorteil, einfach mal die Klappe zu halten.

Oder haben Sie sogar schon mal einen Journalisten angeschwiegen? Wahrscheinlich nicht, denn wenn ein Medienfritze das Kontor betritt und der Pressesprecher hinter dem offiziellen Verkaufstresen „kein Kommentar“ brummelt, landen beide am Ende meistens doch im Hinterzimmer unter der Schwalldusche. Aber, bitte, nichts davon weitererzählen, das war schließlich alles „off the records“!

Dass sich der frisch geduschte Journalist auf dem Nachhauseweg dann mit der Frage grämt, wie die Story denn jetzt, verdammt noch mal, rund werden soll, ist sein Problem, nicht das Ihre. Öffentlichkeitsarbeit besteht nun mal, wenn sie strategisch angegangen wird, mitunter zu einem gewissen Teil auch aus dem Verhindern von Öffentlichkeit. Weil man zwar einerseits eine wichtige Pflicht zur Transparenz hat, andererseits aber nicht immer alles allen vermitteln kann.
Niemand weiß das besser als die Bundeskanzlerin, deren Herausforderer zum Jahresauftakt einfach zu viel gesagt hat, an Stellen, wo andere, ganz sicher, die Klappe gehalten hätten.


Arenen voller Trash
Der Preis Ihres Schweigens, liebe PR-Mechaniker, besteht darin, dass die öffentlich sichtbaren Arenen voll sind mit Trash: Dschungelcamper, belanglose Sternchen und uninteressante Spielerfrauen füllen die alten Medien, und an den Oberflächen der neuen Medien bekommen destruktive Trolle bisweilen mehr Raum, als ihnen gebühren sollte.

Gewiss ist es richtig (und hat sich auch bei klugen PR-Menschen mittlerweile als Erkenntnis durchgesetzt), nicht jeden Tweet und nicht jedes Facebook-Posting wortreich zu beantworten. Aber es gibt sie: die Journalisten, Nachbarn, Aktivisten, die Digital Natives, Kunden oder Betriebsräte, denen an einer qualifizierten inhaltlichen Position der Organisation, für deren öffentliche Beziehungen Sie verantwortlich sind, gelegen ist und die mit dieser Position umgehen können.

Diese Leute sind daran zu erkennen, dass sie Ihr Schwall-Rezept durchschauen – und vielleicht gerade deshalb sogar wertschätzen, zumindest aber schmunzelnd genießen können. Finden Sie diese Leute – und nehmen Sie sie auch in Zukunft ruhig ab und zu mit unter die warme Dusche!

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.
 

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