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News / Blasse Streber, coole Typen
Sebastian Vesper
25.09.2012   News
Blasse Streber, coole Typen
 
Wie viel „Schulnote“, Wie viel „Begabung“ für den Kommunikationsberuf?
Montagmorgen. Der ICE hat Berlin pünktlich verlassen und schnurrt angenehm klimatisiert mit fast 300 Sachen durch Brandenburgs verlassene Dörfer gen Westen, Kurs alte Bundesrepublik. Gegenüber hat ein Typ Platz genommen. Auftreten und Erscheinung fesseln mich. Das liegt nicht nur am gelegentlichen Augenkontakt bei Brezel und Morgentee, sondern bereits an seinen ersten, so verdammt wahren Worten: „Ich staune immer wieder über das Aufregungspotenzial der Bahnfahrer.“ Zum Schutz vor Konversation tauche ich in das vor mir liegende Manuskript ab, das vom Wochenende übrig geblieben ist. Ohnedies hat der Junge, den ich auf Ende 30 schätze, in seinem androgynen Adlatus, der neben mir sitzt, einen willfährigen Zuhörer. Richtig bemerkt: Die beiden quatschen quer über den Tisch, an einem Montagmorgen um halb acht, irgendwo in Brandenburg.

Der Typ ist lässig angezogen, Loch im Strumpf, Dreitagebart, Retro-Tropfenbrille in Metallic. Ehe- und Siegelring verweisen auf ein bürgerliches, vielleicht aristokratisches Lebenskonzept. Sein hauchdünnes MacBook Air weist eindeutige Gebrauchsspuren auf; wahrscheinlich dient es die meiste Zeit als Unterlage für geschnorrten Latte Macchiato und bewegt sich durch fremdfinanzierte W-LANs am Prenzlauer Berg, denke ich. Auf dem hauchdünnen Rechner prangt ein Aufkleber: „Das hier ist alles nicht wirklich.“ Selbstironie pur.


Was ist ein „High Potential“?
Die Konversation mit dem Adlatus kreist um „urbane Projekte“ im Kontext „gesellschaftlicher Entwicklung“, angedickt mit einer Überdosis an Projekt-Sprech. Das macht es anstrengend, aber der Dreitagebart redet insgesamt angenehm druckreif und gewählt. Als die Fahrkarten kontrolliert werden, fällt mein Blick auf seinen Personalausweis.

Würde dieser junge Mann nach klassischem Verständnis als „High Potential“ durchgehen? Ganz sicher nicht. Und doch dürfte sich jede Kommunikationsberatung nach einem wie ihm die Finger lecken. Cool, entspannt, erwachsen, projektsprechversiert und (mit Ausnahme der Socken) definitiv und überall vorzeigbar. MacBook Air statt Plastekiste von Lenovo. Zwar bringt mich die Prenzlberg-Attitüde in ihrer Distinguiertheit auf die Palme, aber der Typ hat was. Als Typ.

Neulich hat der Europachef einer großen Kommunikationsagentur auf meine suggestive Frage, wie es denn um die Attraktivität des Kommunikationsberufs bei den „High Potentials“ stehe und ob man weiterhin gedenke, diese Leute an Unternehmensberatungen zu verlieren, geantwortet: Wollen wir die denn wirklich? Wollen wir die Mitte-20-Bleichgesichter mit Prädikat, die eine Commerzbank fast in den Ruin getrieben hätten? Die der Welt Ratings vorgeben, nach denen die Finanzmärkte dann verrückt spielen? Das war eine sehr gute, suggestive Gegenfrage, die wir dann einfach mal so im Raum stehen ließen.


Keine Chance gegen McKinsey
Es war lange Zeit verpönt, von Kommunikation als „Begabungsberuf“ zu philosophieren. Als Benchmark gelten heute landläufig vielmehr stromlinienförmige, fertig gebackene „High Potentials“, die das Bachelor-/Master-System im Saison-Rhythmus zu Korn zermahlt und ausspuckt: Manager-„Typen“, die sich dann für eine Karriere bei McKinsey oder bei Ketchum entscheiden. Meistens nehmen sie übrigens lieber McKinsey. Was Arbeitgeber in der Kommunikationsbranche dennoch nicht davon abhält, den verzweifelten Kampf um Köpfe, den sie nicht gewinnen können, wenigstens zur Positionierung zu verwenden.

Aber, um mit dem Deckel des Dreitagebart-Computers zu sprechen: Ist das alles wirklich?

Montagabend – die Bahn hat an diesem Klimaanlagen-Gedächtnistag für mich eine Verspätung in Spielfilmlänge produziert – gebe ich zuhause in der Küche den Namen, den ich morgens im Vorbeiflug an Brandenburgs verfallenden Dörfern auf dem Personalausweis gelesen habe, einfach mal bei Google ein. Der Typ ist Jahrgang 1974, zwei Jahre jünger als ich, Professor Dr., und er lehrt „Designtheorie“ und „kuratorische Praxis“. Warum arbeitet einer wie der nicht in der Kommunikationsbranche? Weil die „High Potentials“ sucht.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.

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