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19.07.2012   News
"Wo zum Teufel sind all die anderen?"
 
Ende Juni in Cannes, das Kreativ-Klassentreffen ist auf dem Höhepunkt. Am Strand - zu Füßen des Carlton-Hotels - taucht Dave Senay (Foto) auf, Global CEO von Fleishman-Hillard. Jovial, amerikanisch grinsed und leger im Blumenhemd fügt er sich nahtlos in die Szenerie zwischen Sonne, Sand und Palmen. Anders als im Vorjahr ging seine Firma in diesem Jahr in Cannes zwar leer aus. Aber Senay glaubt an die Relevanz des Festivals für die PR-Szene - und beklagt, dass die sich an der Côte d'Azur rar macht.

Dave, schön, hier in Cannes endlich mal einen PR-Profi zu treffen. Haben Sie denn hier bereits viele Kollegen aus der Branche getroffen?

Dave Senay: Tatsächlich bin ich hier schon einigen Leute aus der PR-Branche über den Weg gelaufen.

Trotzdem waren die diesjährigen PR Lions einmal mehr dominiert von Werbeagenturen. Warum ist die PR-Branche hier eigentlich nicht so präsent wie sie es sein könnte?

Senay: Erstmal bin ich fest davon überzeugt, dass weltweit betrachtet die beste PR-Arbeit von Agenturen und PR-Mitarbeitern in Unternehmen gemacht wird. Es ist allerdings nicht verwunderlich, dass eben diese Arbeit keinen Lion in Cannes gewinnt. In Cannes punktet man in erster Linie mit Kreativität. Hier gewinnen hochkreative, sensationelle, aber eben kurzfristige Ideen. Darauf ist PR im Allgemeinen nicht ausgerichtet. Wir denken beim Aufbau von Beziehungen und Reputationswerten immer langfristig. PR hat zwar seine kreativen Elemente, aber unsere Branche schafft es nicht, die Cases so gut zu verpacken wie es andere hier tun. Das, wie ich es nenne, filmische "Short-Form Story-Telling" ist hier in Cannes einfach exzellent. Von daher sind in unserer Kategorie Videos das wichtigste Element. Aber da müssen wir noch dazulernen.

Warum ist Cannes der dennoch "Place to be" für die PR-Branche? Welchen Eindruck nehmen Sie persönlich mit, wenn Sie mit Leuten aus der Werbe- und Digitalszene hier sprechen?

Senay: Es ist sehr wichtig, dass die PR-Branche hier in Cannes Präsenz zeigt. Innerhalb von drei Jahren haben wir drei goldene, zwei silberne Lions sowie einen Teil des Grand Prix gewonnen. Zudem standen wir in dieser Zeit 15 Mal auf der Short-List. Wir machen also unsere Hausaufgaben. Ich frage mich nur: Wo zum Teufel sind all die anderen? Man muss hier vertreten sein, um überhaupt eine Chance zu haben. Wir müssen uns hier behaupten, denn Cannes ist auch ein "Kunden Festival". Etwa 1/3 der Vertreter vor Ort kommen von der Kundenseite - bei 11.000 Delegierten macht das mehr als 3.000 potenzielle Kunden. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie die Werbeagenturen allen den Eindruck vermitteln, sie würden die bessere PR machen. Auf den ersten Blick hinken wir im Wettbewerb im direkten Vergleich hinterher, aber wir müssen es dennoch weiter probieren. Du kannst nicht erfolgreich sein, ohne von deinen Fehlern zu lernen. Unsere Branche braucht mehr Mut. Wir haben bewiesen, dass PR-Firmen in Cannes gewinnen können. Also, worauf warten wir noch!

Dieses Jahr habe ich hier auffallend viele Vertreter aus Süd-Amerika, Asien, Indien und aus den Arabischen Emiraten getroffen. Über welche Themen haben Sie mit denen gesprochen?

Senay: Abseits des Wettbewerbs ging es meistens um die großartigen Chancen, die unsere Branche in der Zukunft haben wird. Wir sind alle einer Meinung: Wir sind in einem neuen goldenen Zeitalter der Public Relations angekommen und müssen nur noch mutig genug sein, den Moment jetzt auch zu nutzen.

Lassen Sie uns kurz über Deutschland reden: Sie haben gerade einen neuen CEO angestellt. Wolfgang Küsters hat Fleishman Hillard verlassen, dafür kommt nun Hanning Kempe. Wie sehen Sie die jüngste Entwicklung der deutschen Geschäfte?

Senay: Wolfgang hat viele Jahre einen wunderbaren Job für uns gemacht. Ich betrachte ihn als Freund und bewundere ihn zutiefst. Wir sind sehr dankbar für das, was er in die Firma eingebracht hat und wünschen ihm natürlich für seine nächste Position viel Erfolg. Gleichzeitig freuen wir uns sehr, dass Hanning Kempe zu uns stößt. Er bringt neue Ideen und neue Energie rein und glaubt zu hundert Prozent an unsere Vision, dass wir die am breitesten aufgestellte Kommunikationsagentur weltweit werden können. Uns ist enorm wichtig, Hanning voll und ganz bei uns zu integrieren. Wir wissen, dass er einen riesigen Einfluss auf uns haben wird.

Ich habe gehört, dass Sie in Deutschland weitere Übernahmen planen. Welche Ziele haben Sie da im Auge?

Senay: Wir sind immer an Firmen interessiert, die Teil unseres ausgewählten globalen PR- und Public Affairs-Netzwerks werden wollen. Dabei sind unser Schwerpunkte und Interessensgebiete breit gefächert, von Unternehmenskommunikation, Public Affairs und Marketing über Social Media, Change Management und Werbung.

Wo geht es für Sie denn nach dem Cannes-Festival hin?

Senay: Zuerst geht es erstmal zurück in unser Headquarter nach St. Louis, Missouri. Nächste Woche werde ich dann in New York City sein. Dort bin ich in letzter Zeit ziemlich häufig anzutreffen. Ich reise im Durchschnitt 140 Tage im Jahr, und mein Reise-Kontingent für dieses Jahr ist bei weitem noch nicht erschöpft. Man kann ein Netzwerk mit 85 Büros weltweit nicht allein von St. Louis aus managen. Man muss auch vor Ort sein.

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