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News / Werben um den Nachwuchs
Sebastian Vesper
24.05.2012   News
Werben um den Nachwuchs
 
Wie sich die PR-Branche gegenüber Berufseinsteigern präsentiert
„Mein Junge“, raunte der damalige Kommunikationschef eines Weltkonzerns, der sich an einem Spätnachmittag vor mehr als 20 Jahren netterweise Zeit für mich nahm, mit Gravitas in die gedämpfte Atmosphäre der Hotellobby und ließ sein Gegenüber, einen 19-Jährigen Abitur-Frischling, in dessen Sessel um einen guten Dezimeter einschrumpfen: „Bevor Du was mit Kommunikation machst, lern lieber was Anständiges. Studiere Jura oder BWL!“

Das saß. Mein Berufswunsch aber war (und blieb es zunächst), PR-Profi zu werden.
Wer träumt eigentlich heute noch diesen Traum? Und wie präsentiert sich die Zunft – so sie denn überhaupt eine ist oder sein will – dem Nachwuchs? Einer Generation, die, anders als meine, mit dem Internet und ohne die alte BRD aufwuchs, die folglich eine ganz andere Welt gesehen hat als jene Leute, die Anfang der Neunziger entschieden, „was mit Kommunikation“ zu machen?
Kommunikation, Medien, PR – das hatte damals etwas Verheißungsvolles. Die nächste Generation („Praktikum“) wurde bitter enttäuscht. Mittlerweile herrscht im Berufsfeld ein Mangel an guten Leuten. Wer die Bildungsapparate erfolgreich durchgalloppiert hat, kann sich seinen Arbeitgeber fast aussuchen. Denn es mangelt an Fachkräften, und die Berufskommunikation glitzert nun mal längst nicht mehr so wie vor 20 Jahren.


Die Vorbilder bleiben lieber unsichtbar
Wer sich heute als Berufseinsteiger für PR interessiert, den erwartet ein unübersichtliches Google-Ergebnis: Branchenverbände mit geringem Organisationsgrad oder unklarem Fokus, ein Gewirr an Qualifikationsmöglichkeiten vom VHS-Abendkurs bis zum grundständigen Uni-Studiengang, ein paar sendungsbewusste Einzelkämpfer, die ständig ihre Lieblingsthemen facebooken, und ein Ranking für den Agentursektor, das im internationalen Vergleich eher exotisch daherkommt. Das Berufsbild wandelt sich, aber anders als in der Phase seiner Entstehung und Etablierung gibt es keine sichtbaren Vorbilder.
Es mangelt ja beileibe nicht an Ideen und Innovationen zum Kommunikationsberuf, aber es mangelt an Identifikationsfiguren und überdies an einem „Wir“-Gefühl. An etwas, das die bunte Szene, bei all ihrer Vielschichtigkeit (die ein Wert ist und kein Fehler!), gedanklich und kulturell einen würde. Gewiss gäbe es Leitfiguren, die durch ihr berufliches Wirken Orientierung geben könnten. Doch leider ziehen die es vor, unsichtbar zu bleiben. Bis auf einige rühmliche Ausnahmen sind deshalb im öffentlichen, für die gemeine Nachwuchskraft zugänglichen Sichtfeld der PR-Zunft vielfach Schwätzer am Werk, deren Dauerpräsenz wiederum die wirklichen Hochkaräter erst recht nicht hinter ihrem Vorhang hervorlockt.


Bringt auch Geld: Heizdeckenverkauf
Selbst wenn ein fähiger junger Mensch heute noch den PR-Traum träumt, vernebeln Management-Überforderung, Testosteron und Adrenalin schon mal, dass Entscheider ein Talent erkennen. Der Student Dennis Kroll (das ist natürlich nicht sein richtiger Name) hatte vor Jahren die Idee, als „Assistent der Leitung Unternehmenskommunikation“ in einen Konzern einzusteigen. Keiner war bereit, eine solche Stelle zu schaffen. Dennis entschied sich am Ende dafür, in seinen früheren Beruf zurückzukehren: Er vertickte Kleinanzeigen an Hotelliers, die Busunternehmer zu Heizdecken-Events beherbergen. Das kostete Dennis ein paar Schnäpse auf dem Land und brachte dem jungen Mann eine Menge Geld ein.
Andere schaffen zwar den Einstieg, werden dann aber derart verheizt, dass sie sich enttäuscht abwenden. Ein Kumpel, der wirklich alles Zeug dazu gehabt hätte, die Branche zu rocken, wäre ihm nur jemals so etwas wie Personalentwicklung zuteil geworden, resignierte nach ein paar schmerzhaften Agenturjahren und schrieb mir: „Ich will nie, nie mehr für diesen Verein arbeiten.“
Einzelfälle? Ich glaube nicht. Eine Szene, die sich selbst toll findet, kann aber daran arbeiten, dass PR (wieder) ein Traumberuf wird.
Der Abi-Frischling ist übrigens nicht PR-Mensch geworden. Er hat aber auch nichts „Richtiges“ gelernt. Er wurde Journalist. Und liebt es, die PR zu beobachten.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket Deutschland. Von 1997 bis 1009 war er Chefredakteur beim PR Report.
 

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