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Ion Linardatos
11.05.2012   News
"Es wirkt, als seien die Sitten verroht"
 
Lassen Sie mich an dieser Stelle einmal über Pitche schreiben, es ist mir ein dringendes Bedürfnis. In den letzten Wochen und Monaten, so mein Eindruck, ist in vielen Agenturen, aber auch in Unternehmen der Unmut gewachsen. Es geht um nichtbezahlte Pitche, Pitche mit ungewöhnlich vielen Agenturteilnehmern und vor allem geht es um Umsonstkonzepte.

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich manchen Unmut nachvollziehen: Es wirkt gelegentlich, als seien die Sitten verroht. Ich erlebe selbst Vorgänge, die in dieser Form vor einigen Jahren in der Branche nicht denkbar gewesen wären. Ein Beispiel aus 2012, selbst erlebt: Ein Kunde mit wirklich gutem Namen schreibt einen unbezahlten, zweistufigen Pitch aus und lässt sich in der ersten Runde zehn Konzepte schicken.

In der zweiten Runde, in die auch unsere Agentur gelangt, dürfen vier Agenturen präsentieren. Bei der Agentur-Präsentation fehlt zunächst die Hälfte der avisierten Teilnehmer. Wir müssen warten und den Termin auf Grund von Zeitnot erheblich verkürzen. Der Hammer folgt drei Wochen später: Die Absage kommt vom Werkstudenten, auch die Begründung ist klar: Man hätte sich entschieden, das Thema doch besser intern umzusetzen, man bitte um Verständnis - und viele Grüße, bis zum nächsten Mal. Was das bedeutet, ist klar: Der Kunde klaut einfach die Ideen von zehn Agenturen.

Ich meine, dieses Beispiel zeigt: Wir müssen den Diskurs um einige wichtige Ebenen erweitern. Es geht nicht mehr nur um unbezahlte Pitche versus bezahlte Pitche. Es geht viel mehr auch darum, wie wir in Zukunft miteinander umgehen wollen. Es geht um Fairness und Anstand. Vor allem geht es aber um Respekt. Als Geschäftsführer einer Hamburger Agentur kommt mir natürlich der "ehrbare Hamburger Kaufmann" in den Sinn: Geschäfte werden getätigt, teilweise unter harten Bedingungen, aber immer ehrvoll und mit gegenseitigem Respekt vor der Leistung des anderen. Genau da, zum ehrbaren Kaufmann, müssen wir wieder hin. Wir brauchen eine neue Ethik im Geschäftsleben, die Standards des Umganges definiert.

Hierin inkludiere ich explizit auch die Agenturen. Auch wir müssen wieder von unserem hohen Ross runterkommen und dem Kunden auf ehrliche und respektvolle Weise entgegentreten!

In der kommenden Woche setzen sich die großen Branchenverbände mit den Pitchagenturen an einen Tisch, um einen Code of Conduct zu verabschieden. Mein Wunsch wäre es, wenn wir diesen Termin nutzen könnten, um auch über die neue Ethik in der Branche zu sprechen. Der Bedarf ist groß.

Von
Ion Linardatos,
Geschäftsführer der Agentur Straub & Linardatos und Mitglied im Präsidium der GPRA
 

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