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News / Denkt endlich in Bildern!
Sebastian Vesper
26.04.2012   News
Denkt endlich in Bildern!
 
Eine Milliarde Dollar soll Facebook neulich für die Übernahme des Fotodienstes Instagram hingeblättert haben. Das Unternehmen hat ein Dutzend Angestellte und offenbar sehr viel Potenzial. Es geht um Bilder und mithin um nicht weniger als die Emotionalisierung von Social Media.

Erwachsene Menschen, die einst Marketing oder PR gelernt haben, lechzen derzeit nach „Studien“ und „Experten“-Meinungen zu Social Media; geklickt wird alles, ganz egal, wie bescheuert es auch sein mag. Denn jeder fürchtet, bei diesem Thema etwas zu verpassen. In den Bauchladenverkaufsabteilungen der Netzwerk-Agenturen werden Tools und Sales-Prospekte geschustert, um die Nachfrage der Kunden und potenziellen Kunden zu befriedigen oder zu schüren. Nachdem die PR-Leute Social Media lange Zeit im Rahmen der ihnen bekannten, der gelernten Kategorien „öffentliche Meinungsbildung“ und „personale Kommunikation“ durchgekaut haben, gesellt sich nun eine weitere Dimension hinzu: das Bild, das, wenn es gut gemacht ist, mehr sagen kann als tausend Worte. Wenn, tja, wenn es gut gemacht ist.


Graue Balkendiagramme
Blöderweise war die PR-Zunft in Sachen Visualisierung schon immer ziemlich schlecht. Von jeher wird dem Wort, dem Inhalt, dem Argument mehr Bedeutung beigemessen als einem guten Bild. Wer als PR-Mensch Events organisieren muss, weiß: Das Budget für ein Live-Feuerwerk ist schnell überzogen – zur Not wird am Ende eben der Fotograf eingespart.

In den Niederungen der gewöhnlichen Pressearbeit sind gute Bilder sowieso Fehlanzeige: Eine einfache Bildersuche beim führenden Verbreitungsdienst ots zu einem nicht ganz unwichtigen Stichwort wie „Rente“ fördert graue Balkendiagramme und langweilige Stock-Optiken zutage. Wie will man mit derlei Material in Social Media Emotion transportieren?

Der stiefmütterliche Stellenwert von Visualisierung in Öffentlichkeitsarbeit wurde schon lange vor dem Aufkommen von Facebooks augenfreundlicher „Timeline“ oder dem granatenhaften Wachstum von Plattformen wie Pinterest beklagt. Ein Beispiel: Bei den PR Report Awards, die in diesem Jahr zum zehnten Mal verliehen werden, haben wir bereits vor Jahren und lange vor Social Media eine Kategorie mit der Bezeichnung „Bild, Audio und Video in der Medienarbeit“ eingeführt; schließlich leisten sich einzelne Anbieter hier ganze Produktionsapparate. Doch diese seinerzeit von vielen geforderte Wettbewerbsrubrik musste bald wieder gestrichen werden, mangels Masse und mangels Qualität. Offenbar waren Kunden nicht bereit, an dieser Stelle Geld auszugeben. Schade eigentlich.

Daran hat das Social-Media-Fieber nichts geändert. Der an den Rand des Erträglichen geratene Eifer der Kommunikationsdienstleister, hier ihre Kompetenz anzupreisen, geht allerdings bislang auch kaum in Richtung visueller Inszenierung.


Teilen statt Senden
Neue mediale Plattformen (Instagram wird nicht die letzte gewesen sein) erfordern nicht zuvorderst neue Inhalte, sondern eine dem Medium angemessene Darbietung jener Inhalte und Botschaften, die Unternehmen unter die Leute bringen wollen. Gewiss stellt sich die Frage, ob der gerade beginnende Hype in Sachen Visualisierung langfristig trägt. Ich meine, vieles spricht dafür. Kommunikation über Social Media ist, in gelernte Schubladen sortiert, zwar „öffentlich“ mehr oder weniger sichtbar, ihrem Charakter nach aber eher „privat“ oder „persönlich“. Der zentrale Aspekt ist hier nicht (an andere) zu „senden“ sondern (mit anderen) zu „teilen“. Und eingängige, emotionale Bilder oder Bewegtbilder teilen sich nun mal leichter und schneller als Worte; sie bewegen, sie bleiben in Erinnerung. Die Werber haben genau deshalb längst die „Viral-Spots“ erfunden, die sich oft erfolgreich durch die sozialen Netzwerke verbreiten.

Wenn das gute alte Multiplizieren heute nicht mehr „Senden“ meint sondern „Teilen“ bedeutet, ergeben sich besondere Qualitätsanforderungen an Inhalte: an Texte, aber eben auch an Bilder. PR-Menschen können Buchstaben. Social Media zwingen sie, auch in Bildern zu denken.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket Deutschland. Von 1997 bis 1009 war er Chefredakteur beim PR Report.
 

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