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Sebastian Vesper
26.04.2012   News
Ein Armutszeugnis, wahrhaftig
 
Von einem "sehr negativen Signal" ist im Netz die Rede, das "hoffentlich ein einmaliger Fehltritt" bleibe: Die Entscheidung der unabhängigen Jury aus 23 Kommunikationsverantwortlichen, bei den PR Report Awards 2012 keinen "Student des Jahres" zu prämieren, stößt auf Unverständnis. Dies sei "ein Armutszeugnis für die Verantwortlichen und eine Zumutung gegenüber dem hochqualifizierten deutschen PR-Nachwuchs", so eines der deftigsten Zitate.

Um es gleich vorwegzunehmen: Es gab für 2012 ganze drei Bewerbungen in dieser Kategorie. Das ist das wirkliche Armutszeugnis für die Branche. Nicht etwa die souveräne Entscheidung der Jury, hier in diesem Jahr ausnahmsweise keinen Preis zu vergeben - weil sie zwar gute Beiträge sah, aber schlicht nicht völlig von diesen überzeugt wurde. Vielleicht hätten wir dies durch die Moderation des Abends stärker herausstellen sollen. Den Schuh ziehe ich mir an, denn ich habe am Skript mitgeschrieben.

"Student des Jahres": Das war vom ersten Tag an eine schwierige Kategorie bei den PR Report Awards, die wir vor einer Woche in Berlin zum zehnten Mal verliehen haben. Wir veranstalten bewusst keinen "Wissenschaftspreis", der Abschlussarbeiten auszeichnen würde. Wir suchen die Person, die Persönlichkeit, die sich optimal auf den PR-Beruf vorbereitet hat - und dies "an einer Hochschule", wie es in der Ausschreibung heißt. Über viele Jahre hinweg wurde diese Definition verfeinert, insgesamt 80 verschiedene Jurorinnen und Juroren aus Unternehmen und Agenturen haben in dieser Zeit daran mitgewirkt.

Dabei stellten und stellen sich immer wieder grundsätzliche Fragen, die in jedem Jahr in der Jury leidenschaftlich und intensiv diskutiert werden. Sollen wir "Quereinsteiger" würdigen, die sich zum PR-Menschen "umschulen" lassen, oder bewusst Teilnehmer grundständiger PR-Studiengänge? Entscheidet die "Papierform" oder zeichnen wir die Persönlichkeit aus? Was ist wichtiger: gute Noten, zielstrebiges Studium, viele Praktika oder ein breites und erfolgreiches Engagement bei Forschungsprojekten oder in der Fachschaft? Oder ein Mix aus allem? Führt letzteres dann womöglich zu "Kompromisskandidaten"?

Schließlich: Wie finden wir überhaupt die Besten? Seit Jahren funktioniert das eigentlich recht gut über Empfehlungsschreiben der Uni- und FH-Professoren. Wir sprechen diese ganz gezielt an und bitten sie darum, uns ihre Besten vorzustellen. Ich formuliere diese Briefe persönlich und signiere sie handschriftlich. Selbstverständlich ist die Einreichung in dieser Kategorie kostenlos, und wir laden die Nominierten zur Gala nach Berlin ein.

Konsens in der Jury war zuletzt: Wir bekennen uns zum Fokus auf Fachhochschulen und Universitäten. Und: Wir wollen mehr über die Persönlichkeiten der Leute erfahren, als auf zwei DIN-A4-Seiten aus der geneigten Professorenfeder passt. Also baten wir in der Ausschreibung 2012 erstmals darum, dass die Studierenden kurze Filme von sich hochladen, in denen sie über sich erzählten. Über ihre Motivation, sich für den PR-Beruf zu entscheiden, und über sich als Person. Vielleicht war das zu viel verlangt, mag sein. Aber wir haben uns darüber den Kopf zerbrochen.

Die Forderung engagierter Kommentarschreiber, gerade die PR-Agenturen sollten sich doch diese Form der Nachwuchsförderung auf die Fahnen schreiben, kann ich nur unterstreichen. Tatsächlich war die GPRA von 2006 bis 2008 Pate dieser Kategorie. Auch die damalige Agentur Publicis (2003), die Weiterbildungs-Anbieter DAPR (2004) und PR Plus (2009) sowie der Dienstleister Zimpel (2010) haben unser Ansinnen, einen Award für den Nachwuchs zu vergeben, unterstützt.

Die frei erfundene Spekulation, die Wettbewerbsjury der PR Report Awards habe sich in diesem Jahr gegen eine Preisvergabe entschieden, weil es keinen Kategoriensponsor gab, wird nicht richtiger, indem man sie von einer anderen Website abschreibt. Auch im Vorjahr gab es keinen Sponsor - aber fünf wohlverdiente Nominierte, unter denen Martin Höfelmann das Rennen machte.

Es ist legitim, mit der Entscheidung der Jury 2012 nicht einverstanden zu sein. Es ist aber nicht fair, ohne Kenntnis der Hintergründe von "Fehltritt" oder "Zumutung" zu schreiben. Ich finde, das wird der Arbeit der Jury nicht gerecht. Wir würden diese Entscheidung wieder so treffen.

Für uns, die Macher der PR Report Awards, ist diese Diskussion auf jeden Fall ein Ansporn, die schwierige "Nachwuchs-Kategorie" in der kommenden Saison weiter zu entwickeln - denn sie liegt uns am Herzen. Konstruktive Vorschläge sind uns willkommen, an mich über sebastian.vesper@haymarket.de oder den künftigen Juryvorsitzenden, Nico Kunkel unter nico.kunkel@haymarket.de.

von
Sebastian Vesper, Editorial Director von Haymarket Deutschland und Vorsitzender der Jury der PR Report Awards 2012
 

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