Please wait...
News / "Wulff tappte in eine Authentizitätsfalle"
Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Peter Szyszka sieht Wulff in der Authentizitätsfalle
02.04.2012   News
"Wulff tappte in eine Authentizitätsfalle"
 
Nun ist Joachim Gauck doch Bundespräsident. 20 Monate und 18 Tage nachdem er am 1. Juli 2010 Christian Wulff, dem Kandidaten der Bundeskanzlerin, in neun Stunden und drei Wahlgängen unterlegen war.

Seither galt er als ein "Bundespräsident der Herzen". 80 Prozent Vertrauensvorschuss, die er Umfragen zufolge bei seiner Wahl bei den Deutschen besaß, unterstreichen dies. Gauck scheint schon deshalb eine gute Wahl, weil Hoffnung besteht, dass damit nun wieder Ruhe einkehrt in die Diskussion um das höchste Amt im Staate, das doch eigentlich nur ein repräsentatives ist.

Christian Wulff passe nicht zum Amt: Dieser Tenor in Medien und Öffentlichkeit begleitete seine gesamte Amtszeit. Vielleicht war es am Ende tatsächlich die öffentliche Meinung, die einen Prozess in Gang setzte, an dessen vorläufigem Ende eine vermeintliche Fehlentscheidung korrigiert wurde. Aber war es nur Zorn der Öffentlichkeit auf eine Bundesregierung, die einen Präsidenten wählen ließ, den sie schon damals mehrheitlich nicht wollte, der Christian Wulff am Ende scheitern ließ? Oder passte der Mann tatsächlich nicht zum Amt, wie es des Volkes Meinung zu wissen glaubte? Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive lässt sich hierauf eine Antwort geben: Wulff tappte in eine Authentizitätsfalle.

Glaubwürdigkeit und vor allem Authentizität waren zu Recht Schlüsselbegriffe in der öffentlichen Diskussion. Auch der Neologismus "Wulffen", der für ein nachtägliches "Zurechtbiegen" zuvor gemachter Aussagen steht, ist ein Indiz für Widersprüche rund um Wulff und das Amt des Bundespräsidenten. Die Frage seiner Glaubwürdigkeit wurde breit diskutiert. Beim Stichwort Authentizität dagegen waren Medien und Öffentlichkeit eher von einem Gefühl bestimmt, das hier etwas nicht stimme. Mit Glaubwürdigkeit in einem Atemzug genannt und mit Unwahrheit oder unvollständige Wahrheit in Beziehung gesetzt blieb Authentizität bis zum Schluss ein Schlagwort.
"Abgleich von Verhaltenserwartungen mit Verhaltensbeobachtungen"
Authentizität lässt sich, so zeigt es nicht zuletzt eine jüngere Fachdebatte der PR-Forschung, wie Glaubwürdigkeit als ein psychosoziales Konstrukt einordnen. Beide sind Zuschreibungen oder Unterstellungen von Beobachtern, die auf einem Abgleich von Verhaltenserwartungen mit Verhaltensbeobachtungen beruhen. Bei Glaubwürdigkeit geht es dabei um Konsonanz oder Dissonanz zwischen Aussagen zu einer Sache und der Kommunikation über diese Sache. "Wulffen" stand in diesem Sinne also für Wulffs mangelnde Glaubwürdigkeit.

Authentizität dagegen steht - abseits moralischer Wertungen - zunächst für Kontinuität im Verhalten über die Zeit. Authentizitätszuschreibungen beziehen sich auf die Identität einer Person, Organisation oder Institution, unabhängig davon, ob deren Verhalten nun als wünschenswert beurteilt wird oder nicht. Und da Christian Wulff in seinem öffentlichen Auftreten er selbst blieb und es dem Amt nicht anpasste, blieb er als Person auf verhängnisvolle Weise authentisch.
Authentizität reduziert Komplexität
Authentizität gehört zu den sozialen Mechanismen zur Reduktion von Komplexität. Erfahrungen, wie auch immer gemacht, kondensieren zu einem Rollenstereotyp, das als Kontinuitätserwartung an Person, Organisation oder Amt herangetragen wird. Im Falle von Christian Wulff ging es gleich um zwei Rollenstereotype, die sich miteinander vermischten: das seiner Person, die sich fortwährend für persönliches Verhalten rechtfertigte, und das seines Amtes, zudem er dies nicht ausreichend in Beziehung setzte. Wulff saß damit in einer Authentizitätsfalle. Ob er bewusst hineingelockt wurde, ist Spekulation.

Nun sind Rollenvermischungen nichts Besonderes. Jeder von uns lebt mit einer Vielzahl von Rollen und nicht immer kompatiblen Rollenerwartungen. Aus der Arbeitssoziologie ist bekannt, dass immer ein Spannungsverhältnis zwischen formaler Rollenerwartungen und personaler Rollenerfüllung besteht, bei der am Ende die Rollenerwartung maßgeblich ist, wie Rollenerfüllung bewertet wird. Und an dieser Stelle schnappte die Authentizitätsfalle zu. Es ging um Christian Wulff als Rollenträger einer politischen Institution. Er aber argumentierte mit einer bürgerlichen Rolle, die er schon 1994 bei seiner Wahl zum Landtagsabgeordneten und erst recht zum Ministerpräsident 2003 abgegeben hatte.

Im Spiegel öffentlicher Ämter spielt nicht nur Legalität - auf dieser Ebene argumentierte Wulff durchgängig -, vor allem auch die Legitimität von Verhalten eine zentrale Rolle. Legitimitätsansprüche wachsen und engen den moralisch goutierten Handlungsspielraum der Betroffenen ein. Je höher ein Amt, desto schmaler der Spielraum. Und dies führt zur Person Christian Wulff, seiner Biographie und dem Amt des Bundespräsidenten zurück. Es ging nicht um das Recht einer Privatperson, sondern um seine Biographie und ein hiermit  verbundenes Rollenstereotyp, das die Erwartungen an seine Amtsfähigkeit prägte.
Die Authentizität der Inszenierung als Amtsträger zählt
Rollenträger sind also nicht nur gezwungen, eine erwartete Rolle zu leben, sondern auch, sich rollenadäquat zu inszenieren. Auf Christian Wulff übertragen bedeutete dies, dass es um die Authentizität seiner Person, eine Authentizität des Bundespräsidentenamtes und - quasi als Schnittmenge - die Authentizität seiner Inszenierung als Amtsträger ging. Das seiner Biographie unterstellte Rollenstereotyp machte seine glaubwürdige und amtsauthentische Inszenierung als Bundespräsident problematisch. Die Schnittmenge wurde in der öffentlichen Diskussion nicht erst am Ende als zu klein oder nicht ausreichend bewertet.

Bei Joachim Gauck scheint dies anderes. Hier scheint diese Schnittmenge von Anfang an zu stimmen, weil seine Biographie auf ein anderes Rollenstereotyp verweist als bei Christian Wulff.

Von
Prof. Dr. Peter Szyszka,

Kommunikationswissenschaftler und Professor für Public Relations/Organisationskommunikation an der Hochschule Hannover. Peter Szyszka ist Mitglied der Jury der PR Report Awards 2012.
 

Newsletter

Sie wollen immer auf dem Laufenden sein?

Magazin & Werkstatt