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News / Hochburg vor dem Fall?
24.02.2012   News
Hochburg vor dem Fall?
 
München gilt zurecht auch heute noch als Epizentrum für die IT- und Technologie-Kommunikation. Doch mit dem Wandel dieses Sektors bröckelt auch die Bedeutung des Standorts.

Twitter sucht nach einer deutschen Heimat. Neben Hamburg, Köln und Frankfurt buhlt auch die deutsche IT-Zentrale München um den deutschen Hauptsitz des US-Players. Vor Jahren noch wäre die Entscheidung wohl leichter gefallen: Im Speckgürtel rund um Siemens, Microsoft, Oracle und Forschungseinrichtungen (Max Planck) hat sich eine Vielzahl von Dienstleistern für die Szene angesiedelt, darunter PR-Agenturen, die sich auf die IT- und Tech-Szene spezialisiert haben.

Neben Alteingesessenen sind große Netzwerke mit Büros präsent und stemmen meist schwere Etats. Bisweilen sprangen Mitarbeiter ab, um kleine Agenturen zu gründen, die heute gute Namen haben und neben einer Vielzahl an Einzelkämpfern den Markt abdecken. Die Zeiten, in denen man ausschließlich wegen eines Tech-Kunden in München die Zelte aufgeschlagen hätte, sind passé – auch wenn selbst Agenturchefs ohne Münchner Büro noch von „nostalgischer“ Vorliebe „älterer“ IT-Klienten für München berichten.

Dezentrales Arbeiten und internationale Vernetzung, zudem eine erwachsene Tech- und Telekommunikationsbranche, die zusehends mit Consumer Electronics verschwimmt, befördern einen Wandel des Agenturstandorts München. Die PR-Community vor Ort beschwört die Nähe zur Fachjournaille, eine reiche Veranstaltungskultur und einen Arbeitsmarkt, der kompetente IT-PR-Berater ausspuckt – auch weil die lokale IT-Fachpresse sinkende Auflagen beklagt und geschultes Personal entlassen muss. „Die Bedeutung Münchens als Epizentrum der Tech- und IT-Kommunikation in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren stark relativiert, vor allem, weil das Thema hat seinen Exotenstatus verloren hat“, beschreibt Stephan Fink von Fink & Fuchs PR den Wandel; er überblickt die Szene seit 25 Jahren. „Unsere Ansprechpartner in den Medien sind daher mittlerweile in der ganzen Republik verteilt, unsere Aufgabenfelder ändern sich, weil IT-Themen auch in der Publikums-, Tages- und Wirtschaftspresse stattfinden.“

Vor allem Tech-PR bezieht heute Internet- und soziale Medien ein. Überdies hat es die Branche verstärkt mit der Wirtschafts- und Publikumsmedien zu tun, weil die sich für Nutzerfreundlichkeit von Produkten, Quartalszahlen größerer Unternehmen oder gesellschaftlichen Folgewirkungen interessieren. Entsprechende Medien sitzen in Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg.

Zunehmend umfasst IT- und Tech-Kommunikation das Internet, mobile Medien und Telekommunikation, rein räumlich erweitert sich der Radius damit auf den Westen (Telekom, Vodafone), die Rhein-Main-Neckar-Schiene (United Internet) mit dem für internationale Kunden wichtigen Flughafen, Hamburg (Facebook und Google) und Berlin, wo eine mittlerweile weltberühmte Web-Startup-Szene floriert. Präsenzen in der Hauptstadt bedeuten zudem Nähe zur Politik, die die Tech-, Internet- und Telekommunikationsbranche regulieren will und inzwischen ein Auge für Datenschutzthemen hat.

In München kümmern sich viele Agenturen nach wie vor um Mittelständler aus der Tech-Nische, sie weiten aber parallel den Blick auf saubere Energie und grüne Technologien aus, die am Wissenschaftsstandort München gedeihen.

Einen guten Ruf bei Tech- und IT-PR genießt die Agentur Fink & Fuchs PR, die mittlerweile vorwiegend vom Wiesbadener Stammsitz aus arbeitet, nahe am Verkehrsknotenpunkt Frankfurt. Nach Verlusten zweier Etats (o2, Microsoft) hat sich die Mannstärke im Münchner Büro reduziert. Alteingesessene sind auch Agenturen wie vibrio, Dr. Haffa & Partner, häberlein & mauerer und Maisberger, die sich zuletzt auch in der Clean-Tech-Branche umtun.
Oft als Ausgründungen großer Agenturnetzwerke haben sich in München und Umgebung namhafte IT-Agenturen etabliert, darunter Schwartz PR (Ex-Burson-Marsteller) und LoeschHundLiepold (ehemals Weber Shandwick). Sie bedienen oft kleine und mittelständische Kunden, haben auch internationale Player im Portfolio. Zuletzt abgetaucht war die kleine Lucy Turpin Communication, die mit dem neuen Chef Thomas Hahnel (Ex-H+K, Ex-Maisberger) wieder sichtbarer werden will. Neben IT-Kunden buhlt er auch um Clean-Tech-Etats.
Der Fall HWP: Die ehemalige Tochter des Netzwerkes Hill + Knowlton wurde 2009 geschlossen, nachdem Großkunde HP verloren ging. Mittlerweile führt Ute Richter (Ex-Hotwire) unter H+K-Flagge die Tech-Practice von Frankfurt aus und will sie enger mit anderen Sparten, etwa Consumer, vernetzen. Richter hat Hotwire in Deutschland etabliert, gilt als Tech-Profi und Frankfurt-Fan – erneutes München-Engagement ist aber nicht ausgeschlossen. Die HWP-Leute kamen teils bei Schwartz PR unter oder arbeiten auf eigene Rechnung, wie Heidi Schall oder Timothy Göbel. Ex-HWP-Chef Markus Hermsen führte bis Ende Januar das München-Büro von Fleishman-Hillard, das bis heute den HP-Etat hat. Hermsens Nachfolger Robert Belle ist lange in der Agentur, er teilt das IT- und Tech-Geschäft mit Frankfurt.
Beinahe alle großen Netzwerke haben im Laufe der Zeit Büros in München eröffnet. Edelman, Fleishman-Hillard. Weber Shandwick und F&H Porter Novelli liegen am Standort im Pfeffer-Ranking vorne, freilich aber nicht nur mit Tech-Kommunikation. Viel Geschäft kommt übers Netzwerk. Präsent sind auch britische Gruppen, darunter Lewis PR. Unter der Leitung von Florian Hohenauer (Ex-Talkabout) hat im Dezember Hotwire PR einen Standort eröffnet. Hohenauer will Social Media in der PR promoten. Im Oktober kam die britische IT-Agentur Bite Communications hinzu – nachdem sie Stefan Ehgartners Trademark PR aufgekauft hatte.
Abseits von München leben zahlreiche PR-Agenturen von IT- und Tech-PR, etwa die Tübinger Agentur Storymaker, Concept PR (Augsburg), pioneer communications (Leipzig) und die Hamburger Agentur Faktor 3, die von der Elbe aus größtenteils die PR-Arbeit von Microsoft stemmt. Auch die fischerAppelts und achtung! – beide mit München-Teams – arbeiten für IT- und Tech-Kunden.
 

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