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Sebastian Vesper
24.02.2012   News
Überfordert und erschöpft
 
Als ich die automatische Abwesenheitsnotiz schon wegklicken wollte, erschrak ich. Freundlich pixelte mir der Out-of-Office-Assistent entgegen: „Ich werde für eine längere Zeit nicht im Büro sein.“ Eine längere Zeit? Weiß der Empfänger denn nicht, wann er zurückkehren wird? Darunter stand: „Ihre E-Mail wird weitergeleitet.“ Komisch, die meisten, die ich kenne, verzichten auf Weiterleitung; es könnte ja sonst der Eindruck entstehen, man sei ersetzbar. Aus genau diesem Grund beantworten wir Helden der Arbeit ja auch Mails drittklassiger Prio an Wochenenden oder nach Mitternacht.

Hier aber hatte sich jemand abgemeldet. Sich abgeschaltet. In der gehetzten und vernetzten 24/7-Geschäftswelt haben wir für ein solches Verhalten nur eine Erklärung parat: Da muss eine Erkrankung vorliegen. Schnell ist man beim B-Wort.

Medienkolumnisten klagen zu recht darüber, dass „Burnout“ seit geraumer Zeit in allen inhaltlichen Varianten rauf und runter durch sämtliche bekannten Medienformate dekliniert wird. Es nervt, wie sich ein sehr ernstes Problem unserer postindustriellen Gesellschaft zum Partytalk entwickelt. Aber das Phänomen bleibt, ob nun „echter“ Burn-out oder eine Vorform: Die Arbeitswelt macht viele Leute krank. Die Arbeitswelt überfordert, sie frustriert und erschöpft uns.


Falsches Tugendverständnis
In Agenturen zerschellen überforderte Menschen mit Anfang 20 am „Druck“, in Unternehmen prügeln sich hundemüde Mittdreißiger durch Hierarchien und Politik. Arbeitstage kennen keinen Anfang und kein Ende. Vorgesetzte versagen, wenn es darum geht, die ihnen anvertrauten Menschen einzuschätzen. Viele Chefs machen sich kaputt und erwarten das auch von ihren Leuten. Manche bewerten massive und chronische Überstunden in ihrem Team als Tugend anstatt als das, was es ist: Symptom ihres eigenen Versagens als Manager.

PR-Menschen dürften zu den besonders überforderten Berufsgruppen gehören. Das liegt an den spezifischen Bedingungen ihrer Arbeitswelt. Den ganzen Tag reden. Die Social-Media-Kanäle vollschreiben, natürlich auch in der „Freizeit“. Geistig anspruchsvolles Arbeiten ohne anfassbares „Werkstück“. Zeitdruck. Immer neue „Trends“, zu denen man informiert sein und eine Meinung haben soll. Dauernd Personalauf- und Personalabbau: Also haben immer alle schrecklich viel zu tun. Keine, die falschen oder zu komplizierte interne Abläufe. Zu hohe Fluktuation, fehlende Einarbeitung als Manager, viel Verantwortung für Einsteiger mit wenig Erfahrung, die auf sich allein gestellt sind. Kaum Zeit für Weiterbildung oder Feedback, keine Fehlerkultur.

Vieles davon ist in der Praxis nicht zu ändern. Manches schon. In der PR-Szene haben sich in den vergangenen Jahren einige schwere und tragische Burnout-Fälle ereignet. Überforderung kann eine Vorstufe davon sein.


Signal an die Kollegen
Überforderung ist allerdings nicht nur in der Kommunikationswelt allgegenwärtig. Es gibt sie im gesamten Wirtschaftsleben. In großen, traditionellen Berufsgruppen besetzen Gewerkschaften und Krankenkassen das Thema. Die vergleichsweise kleine PR-Szene hingegen muss andere Wege finden. Die strukturellen Gründe dafür, dass gerade dieser Beruf manchmal besonders anstrengend ist, lassen sich natürlich nicht allein dadurch beseitigen, dass man sie branchenintern thematisiert. Aber ein offensiver Umgang, eine differenzierte inhaltliche Auseinandersetzung mit Überforderung und Erschöpfung im PR-Beruf würde vielen Kolleginnen und Kollegen signalisieren: Uns geht es irgendwie allen so.

Wenn sich Menschen innerhalb ihrer Arbeitswelt über deren spezifische erschöpfende und überfordernde Faktoren vergewissern, ist das hilfreicher als der nächste Magazin-Titel zu „Burnout“ & Co. Die Voraussetzungen in der PR-Szene sind eigentlich gut: Kommunikationsprofis gelten selbst als ausgesprochen kommunikativ und menscheninteressiert, man findet sich und seine Arbeit toll und redet gern drüber.

Oder erhalten Sie längst nur noch den Schein aufrecht? Dann übernimmt demnächst der Abwesenheits-Assistent.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.

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