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News / Pressesprecher auf Zeit
21.11.2011   News
Pressesprecher auf Zeit
 
Das Leben als Interimsmanager bietet Unabhängigkeit, Abwechslung und wird meist gut bezahlt. Doch nicht jeder PR- Berater eignet sich für diesen Job. Wer dauerhaft im Markt bestehen will, muss flexibel und schnell sein, Stressresistenz beweisen und braucht den Mut zur Lücke. Von Geraldine Friedrich

Die Mandate kommen plötzlich und unerwartet, quer durch die Branche. Manchmal müssen nur 48 Stunden reichen, um sich in ein Unternehmen einzuarbeiten. „PR-Leute, die als Interimsmanager arbeiten, müssen sich extrem schnell in neue Strukturen einfinden. Sie müssen zügig neue Beziehungen aufbauen können und natürlich dürfen sie nicht stressempfindlich sein, denn da gibt es keine 100- Tage-Regel“, betont Ulrich Schuhmann, geschäftsführender Gesellschafter der gleichnamigen Personalberatung aus Köln.

Janetta Cordier arbeitet seit 2003 von Frankfurt aus als selbstständige Strategieberaterin und Interimsmanagerin im Bereich Personal – oft, wenn in den Unternehmen Veränderungen und damit auch Kündigungen anstehen. Als selbstständige Interimsmanagerin Personal wird sie von ihren Kunden wiederum häufig mit der Auswahl von Interimsmanagern für Kommunikation und PR betraut. Die 53-Jährige spricht offen an, dass man als Manager auf Zeit gegen Vorurteile kämpfen muss: „Viele denken, dass nur Führungskräfte Interimsmanager werden, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Da muss man sich beweisen.“

Die Grenzen zwischen den Dienstleistungen, die angestellte Berater einer PR-Agentur bieten, die externe selbstständige PR-Berater wie Spin-Doktoren erbringen und besagte Interimsmanager leisten, verlaufen fließend. Für Schuhmann sind Interimsmanager immer Selbstständige, die meist kurzfristig und zeitlich begrenzt „in einer speziellen Situation“ wie Übernahmen, Restrukturierung, Börsengang, der Lancierung einer neuen Kampagne oder eben für die Elternzeit des bisherigen Stelleninhabers als Pressesprecher oder Kommunikationschef einspringen. Und sie sitzen immer vor Ort im Unternehmen. Schuhmann zufolge dauern die Einsätze drei bis sechs Monate, seltener auch bis zu einem Jahr.

Arbeitsplatz vor Ort ist Vertragsbedingung
Für Hans Obermeier aus Bad Soden ist eine Zusammenarbeit von mindestens vier bis sechs Monaten sowie der Arbeitsplatz vor Ort „Vertragsbedingung“, es kann und darf aber auch bis zu einem Jahr oder länger dauern. „Als Interimsmanager komme ich als Problemlöser ins Unternehmen, ich führe einen sehr operativen Job aus, das ist keine reine Blabla-Tätigkeit“, bringt der 52-Jährige seine Vorstellungen auf den Punkt. Das gehe nur, wenn er vor Ort im Büro seines Kunden sitze und für das Unternehmen offiziell – von der Visitenkarte bis zur eigenen Telefonnummer – nach außen auftrete. Ein Job als Ratgeber im Hintergrund, der die Fäden zieht, kommt für ihn nicht infrage. „Das offene Auftreten hat den Vorteil, dass ich mich einerseits mit dem Unternehmen identifiziere, andererseits bin ich nicht so in die machtpolitischen Spielchen eingebunden. Ich bleibe so ein unabhängigerer Ratgeber und bewahre mir den Blick von außen.“ Unter dem Namen Obermeier Communications ist er seit zwei Jahren als selbstständiger Interimsmanager unterwegs. Bei einem seiner Mandate arbeitete er acht Monate für Greenpeace International in Amsterdam, eine Zeit, die er als „großartige Chance“ und „Privileg“ beschreibt und die er, wäre er Angestellter geblieben, wohl kaum erfahren hätte: Vor seiner Zeit als Freiberufler wirkte Obermeier unter anderem als Kommunika-tionschef der mittlerweile verstaatlichten Hypo Real Estate und der West LB, davor war er rund 16 Jahre Chefredakteur Deutschland des Wirtschaftsnachrichtendiensts Reuters.

Auch für Jörg Wilmes aus Rosbach vor der Höhe ist es ein entscheidender Pluspunkt, dass er sich als Interimsmanager aus politischen und hierarchischen Fragen heraushalten kann. „Ich habe es in meiner Zeit als Festangestellter immer wieder erlebt, dass die beste Lösung nicht umgesetzt wurde, weil zwei Bereichsleiter nicht miteinander klarkamen“, sagt Wilmes. „Als Interimsmanager stehe ich völlig abseits dieser Hahnenkämpfe, ich sehe mich als Lösungsarchitekt, der daran gemessen wird, dass er für den Nachfolger ein bestelltes Feld hinterlässt.“ Der 45-Jährige arbeitet erst seit 2011 als Interimsmanager, nachdem er sich von seinem vorherigen Arbeitgeber, einem Wertpapieremissionshaus, getrennt hat. Dort war er als Kommunikationschef tätig. Zu seinem ersten Auftrag im Produktmarketing eines Finanzdienstleisters kam er über eine auf Fach- und Führungskräfte spezialisierte Zeitarbeitsfirma. „Offiziell habe ich keine Leitungsfunktion. Das ist der Spagat, zu dem man als externer Manager fähig sein muss: Man darf bestimmte Dinge nicht tun, weil man nicht fest angestellt ist, und muss die Arbeit im Team doch gut verteilen und organisieren.“ Auch er hält es für notwendig, vor Ort bei den Kollegen zu sitzen. „Dadurch, dass ich permanent im Unternehmen präsent bin, werde ich von den fest angestellten Kollegen auch als Kollege wahrgenommen – wir sitzen im selben Boot.“ Drei Monate hält er für ein Minimum, um etwas zu bewegen: Vier Wochen, um sich einzuarbeiten und die Firma kennenzulernen, zwei Monate um etwas zu verändern.

Für beide Seiten eine saubere Lösung
Eine besondere Nische hat Cordula Lachmund aus Köln entwickelt: Sie vertritt als Interimsmanagerin Kommunikationsführungskräfte, die sich in Elternzeit begeben – sei es für einige Monate oder ein Jahr und länger. Praktisch heißt das: Sie tritt gegenüber der Presse als Unternehmensvertreterin auf, samt entsprechender Visitenkarte und E-Mail-Adresse. Seit 2008 arbeitet sie als Interimsmanagerin, davor war sie 15 Jahre lang in Unternehmen der Konsumgüter- und Telekommunikationsindustrie tätig. „Der Job als Interimsmanagerin hat auch eine starke psychologische Komponente. Die Frauen, die ich vertrete, wollen einerseits für die Zeit ihrer Abwesenheit ihre Arbeit und ihr Team in guten Händen wissen, andererseits wollen sie auch sicher gehen, dass sie nach der Elternzeit ihren Job wiederbekommen“, erläutert die 48-Jährige. Oftmals sei es so, dass Unternehmen die Tendenz haben, die Aufgaben einer frei gewordenen Stelle intern zu verteilen. „Für mich ist ganz klar, dass ich selbstständig bleiben möchte. Eine Interimsmanagerin bietet eine saubere Übergangslösung zu beiderseitigem Nutzen“, findet Lachmund. Auch Personalberater Schuhmann hebt diesen Vorteil hervor: „Bei der Variante Interimsmanagement muss sich niemand zwingend Sorgen um seinen Job machen. Der Interimsmanager geht ja irgendwann wieder.“ Das stimmt in den meisten Fällen, aber nicht immer. Laut Hans Obermeier gab es in seiner zweijährigen Karriere als Interimsmanager bereits die Situation, dass ein Kunde ihn fest übernehmen wollte. In der Regel sei es aber so, dass er das Unternehmen bei der Personalauswahl unterstütze beziehungsweise den Nachfolger aus dem vorhandenen Team aufbaue.

Von der Agentur „ausgeliehen“
Britta Lange aus Köln war früher für einen Automobilzulieferer interimistisch als Manager Corporate Communications tätig und sendet inzwischen als Geschäftsführerin der PR-Agentur Bourquin & Partner in Köln selbst Interimsmanager zu Kunden. In der Regel dauern diese Einsätze aber nur vier bis acht Wochen und die Interimsmanager bleiben Angestellte der Agentur. Ein Modell, welches die 41-Jährige vor elf Jahren selbst erfahren hat. Damals, im Jahr 2000, war Lange Seniorberaterin bei Burson-Marsteller in Frankfurt. Der Agenturkunde Visteon, ein Spin-Off des Automobilherstellers Ford, benötigte dringend Unterstützung für Presse und PR. Also „lieh“ die Agentur Lange über zehn Monate an den Automobilzulieferer aus, wobei Lange, im Gegensatz zu den klassischen Interimsmanagern, nicht auf eigene Rechnung arbeitete, sondern fest angestellt bei der Agentur blieb. Nach der besagten Periode von zehn Monaten bekam sie das Angebot, fest angestellt als Manager Corporate Communications zu Visteon zu wechseln. Sie sagte zu und blieb dort sechs Jahre lang. Sie machte also, im Gegensatz zu manch anderem Kollegen, den Sprung von der Interimsmanagerin und Dienstleisterin zur fest angestellten Kraft des Kunden

Flexible Arbeitsverhältnisse sind gefragt
Lange sieht einen steigenden Bedarf an Interimsmanagern, weil der Stellenmarkt der Kommunikationsbranche immer noch unter den Folgen der Finanzkrise 2008 leide. Daher sagt sie einen wachsenden Bedarf an flexiblen Lösungen voraus – und dazu zählen eben auch Interimsmanager. „Zwar steht den Unternehmen wieder mehr Geld für Marketing und Kommunikation zur Verfügung, aber ich sehe immer noch die Tendenz, dass sie die ehemals ‚eingesparten‘ Headcounts nur schwerfällig wieder freigeben“, sagt Lange. „Die Unternehmensführung erscheint zunehmend zögerlicher, insbesondere in der Vergabe unbefristeter Stellen – sie möchte ‚flexibel‘ bleiben, um für die nächste Krise ‚gerüstet‘ zu sein.“ Andererseits sei der Bedarf an Personal in der Unternehmenskommunikation genau deswegen weiterhin sehr hoch. Dies spricht Lange zufolge für einen erhöhten Bedarf an externen Beratern und Interimsmanagern. Wichtig: Gefragt seien Leute auf dem Level von Seniorberatern, weniger Berufseinsteiger. In der internen Kommunikation eignen sich Mitarbeiter ab fünf Jahren Praxis, Pressesprecher und leitende Funktionen in der Unternehmenskommunikation müssten mindestens acht und mehr Jahre an Berufserfahrung mitbringen, weil Interimsmanager, so Lange, „teilweise mit bisherigen Strukturen brechen“ müssten. Lange: „Man muss als externer Neuling genug Standing mitbringen, um seine Position auf CEO-Level zu behaupten und um die passenden Kommunikationsstrategien und -maßnahmen durchsetzen zu können.“

Neue Kollegen, neue Stadt, neues Hotel
Wer dauerhaft als Interimsmanager arbeitet, bekommt langfristig aber auch die Nachteile dieser Arbeitsform zu spüren. Zum einen ist das Leben als Manager auf Zeit auf Dauer anstrengend. „Neues Mandat heißt eben auch jedes Mal neue Kollegen, neue Stadt, neues Hotel“, fasst Obermeier zusammen. Jörg Wilmes erzählt: „Momentan ist bei mir der Idealfall eingetreten: Ich lebe nördlich von Frankfurt und mein Kunde sitzt in Frankfurt, aber natürlich bin ich auch bereit, Jobs in anderen Städten anzunehmen. Ich würde dann versuchen, es auf vier Tage pro Woche zu begrenzen.“ Als Kernproblematik nennen alle Interimsmanager dasselbe: Die Engagements auf Zeit erfordern meist ihre volle Kraft. Im Vergleich zu Agenturen oder Beratern, die mehrere Mandate gleichzeitig betreuen, kann ein Interimsmanager für den vorgesehenen Zeitraum aufgrund seiner Präsenz beim Kunden nur einen großen Auftrag annehmen und allenfalls kleinere Mandate nebenher betreuen. Auch bleibt kaum Zeit, zusätzlich zu einem Mandat neue Kunden zu gewinnen. Wilmes: „Während eines Jobs bleibt kaum Zeit für Akquise. Man muss Durststrecken einkalkulieren.“ Hans Obermeier sagt: „Ich glaube, wenn man es als Interimsmanager schafft, sich zwischen den Mandaten eine Pause zu gönnen und diese zu genießen, dann funktioniert es. Wenn ich dagegen nach dem Ende eines Auftrags sofort Existenzangst bekomme und denke, ,wann kommt endlich der nächste?‘, bin ich in diesem Job nicht gut aufgehoben.“ Für Obermeier bedeutet ein Interimsauftrag in der Regel eine Auslastung von 80 Prozent: „Ich gestalte meine Verträge so, dass ich nebenher für ein bis zwei andere Kunden arbeiten darf.“ Wenn es allerdings beim Hauptkunden brennt, kann ein Interimsmanager kaum den Griffel nach der erbrachten vereinbarten Zeit fallen lassen.

Schuhmann vermittelt als Personalberater auch Interimsmanager. „Diese Anfragen haben wir nicht jeden Tag, aber ab und zu kommen Unternehmen auf uns zu. Wir reden hier, je nach Schwierigkeit, über Tagessätze von fast 1.000 Euro, manchmal auch etwas mehr, das beinhaltet dann eben auch im Ernstfall einen Zwölf-Stunden-Job.“

1.000 Euro Tagespauschale über einen längeren Zeitraum – davon träumen viele freiwillig und unfreiwillig selbstständige Kommunikationsprofis. Die Realität dürfte jedoch woanders liegen. Als Faustregel gilt: Je länger das Engagement dauert, desto niedriger fällt die Tagespauschale aus – so weit, so allgemein. Während jedoch etwa Janetta Cordier Tagespauschalen von 1.000 bis 2.000 Euro als üblich beschreibt und sie keinem empfehlen würde unter 1.000 Euro pro Tag anzutreten, fallen die Angaben aller anderen niedriger aus, gerade in Disziplinen wie Marketingkommunikation seien eher niedrige Tagespauschalen von 300 bis 400 Euro üblich. Positiv bei den Tageshonoraren ist, dass sie über einen vergleichsweise langen Zeitraum garantiert sind. Sie geben dem selbstständigen Interimsmanager damit eine gewisse Sicherheit, samt Puffer für die fast zwangsläufig auftragslose Zeit danach. Obermeier: „Der Paketpreis eines Interimsmanagers liegt niedriger als die theoretische Tagespauschale eines externen Agenturberaters. Man muss auch realistisch bleiben. Unsere Zielgruppe sind weniger die Dax-Unternehmen als der Mittelstand. Da funktioniert die Kalkulation 1.500 Euro mal 20 mal sechs für ein halbes Jahr nicht. Das wird dann für das Unternehmen viel zu teuer.“ Letztlich sei es eine Mischkal- kulation für beide Seiten: Das Unternehmen spart Sozialabgaben und vergibt keine feste Stelle, der Interimsmanager hat durch die Arbeit vor Ort ein bezahltes Büro samt Infrastruktur und über einen längeren Zeitraum ein garantiertes monatliches Honorar. Wichtig: Kosten für Interimsmanager tauchen in der Bilanz nicht als Personalkosten auf, sondern werden als Sachkosten verbucht, da „wo auch Tische, Stühle, Bleistifte und Toilettenpapier anfallen“, scherzt Janetta Cordier.

Jobs auf Zeit sind keine Lückenbüßer
Im Lebenslauf dürfen Interimsjobs auch als solche bezeichnet werden. „Ich sehe keinen Grund, nicht ehrlich damit umzugehen“, sagt Personalberater Schuhmann. Gar nicht gut käme es dagegen an, wenn man freie Tätigkeiten vertuschen oder kaschieren wolle. Auch rät er von Standardtricks ab, wie beispielsweise nur mit Jahreszahlen zu arbeiten, damit ließen sich zwar bis zu 23 Monate „verstecken“, aber: „Das Netz vergisst nichts. Und es findet sich vielleicht noch irgendwo eine Pressemitteilung.“ Auch Cordier rät zur offenen Darstellung im Lebenslauf. „Mittlerweile sehen es die Unternehmen als Wert an sich, wenn eine Führungskraft schon mehrere Welten gesehen hat. Der Wert eines Mitarbeiters steigt nicht mehr mit der Betriebszugehörigkeit.“ Ihr Tipp für künftige Interimsmanager: „Sagen Sie niemals, wenn es für Sie das erste Engagement als Interimsmanager ist. Kein Unternehmen will das Versuchskaninchen sein.“

Checkliste für Interimsmanager
Ich bin räumlich flexibel und bin bereit, unter der Woche im Hotel zu wohnenIch kann mir sehr schnell einen Überblick über eine neue Branche verschaffenIch kann schnell Kontakte zu Kollegen knüpfen und Beziehungen zu den Entscheidern aufbauenIch kann schnell erkennen, wo ich Freunde und wo ich Feinde habeIch erkenne schnell, wo die Hebel sind, um in kurzer Zeit gute Ergebnisse zu erzielenIch habe keine Existenzängste, wenn ich ein paar Wochen oder Monate ohne Mandat binIch arbeite gerne selbstständig auf eigene RechnungIch kann in Krisensituationen mehrere Wochen hintereinander zwölf Stunden am Tag arbeitenIch bin flexibel in meiner Urlaubsplanung
 

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