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News / Goliath hat Konkurrenz
27.10.2011   News
Goliath hat Konkurrenz
 
Noch konnte kein Wettbewerber der dpa-Tochter news aktuell das Wasser reichen. Ihr Presseportal hat eine bundesweit marktbeherrschende Stellung. Doch seit eineinhalb Jahren wildern ehrgeizige Berliner im Hamburger Revier. Der Dienstleister ddp direct hat mit dapd ebenfalls eine Nachrichtenagentur im Rücken. Die Geschäftsführer der Wettbewerber geben sich demonstrativ entspannt. Von Peer Brockhöfer

Bei news aktuell schaut man entspannt in die Zukunft. 1989 begann Carl-Eduard Meyer damit, seinen Originaltext-Service (ots) zu starten, mit dem bis heute Mitteilungen im Auftrag von Unternehmen an die Presse verschickt werden. Das Presseportal hat einen Pagerank (Verlinkungsgrad) von Sieben. Zum Vergleich: Spiegel.de liegt mit einem Pagerank von Acht einen Punkt höher. Das Presseportal, so kann man sagen, hat sich über die Jahre zu einer etablierten Quelle für Redaktionen entwickelt, die Pressemitteilungen, Audio-Files oder PR-Bilder suchen. Nach Angaben von Geschäftsführer Frank Stadthoewer, der 1996 auch die erste Version des Presseportals programmierte, hat die Website 30.000 Mail-Abonnenten. Dazu kommen alle Nutzer, die die Inhalte des Presseportals per RSS-Feed oder Twitter lesen.

news aktuell hat etwa 20 Jahre Vorsprung
Das Gegenstück zum Presseportal heißt Themenportal und kommt von ddp direct aus Berlin. Beide Internetseiten weisen Parallelen auf: Im Zentrum laufen aktuelle Meldungen gemischt ein, darüber führen waagerecht angeordnete Stichworte zu einzelnen Ressorts wie „Wirtschaft“, „Kultur“ und „Politik“. Rechts finden sich Verweise auf andere Formate wie „Social Media Release“, „Audio-Beiträge“ oder „Video“ und werden eigene Angebote beworben. Hier setzen zwei auf dieselbe Zielgruppe –nicht nur bei den Adressaten der Informationen, sondern auch bei den Auftraggebern.

ddp direct ist seit April 2010 von Berlin aus aktiv, Geschäftsführer ist Wolfgang Zehrt. Er ist auch Vorstand Business Development der dapd-Holding und damit für die Gestaltung von neuen Geschäftsmodellen im Medienbereich zuständig – auch für die PR-Services. Zehrt hatte bereits in Leipzig den PR-Dienstleister directnews gegründet, der 2006 von der norwegischen Hugin Group übernommen wurde. Hugin gehört mittlerweile zu Thomson Reuters, spielt aber hierzulande nur eine kleine Rolle.

news aktuell hat gegenüber ddp direct einen Vorsprung von etwa 20 Jahren und eine entsprechend luxuriöse Position. Dem Vernehmen nach haben die Hamburger einen Marktanteil von nahezu 90 Prozent, wobei ein Viertel der Kunden PR-Agenturen sind, den restlichen Teil machen Pressestellen von Unternehmen, Institutionen und Organisationen aus. ddp direct hat bisher nach eigenen Angaben 1.200 Kunden gewinnen können. Davon sind die Hälfte Agenturen –„Darunter sind 19 der 20 größten Agenturen in Deutschland“, sagt Zehrt. Die Netzwerkagenturen und Platzhirsche. In der anderen Hälfte des Kundenstamms finden sich Institutionen wie die Bertelsmann Stiftung und der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände. Bis zum Jahresende will Zehrt verglichen mit 2010 ein Wachstum vom 90 Prozent erreichen. Und in den folgenden zwei Jahren sollen noch viel mehr Kunden dazukommen. Zehrt: „Wir wollen 2014 beim Umsatz news aktuell das Wasser reichen.“ Das hat bisher noch niemand geschafft. Die Start-ups, die es versucht haben, hatten allesamt gegen die dpa- Tochter aus Hamburg keine Chance. Auch die Amerikaner Business Wire oder PR Newswire konnten sich letztlich nicht behaupten.

Zehrt profitiert davon, dass hinter seinem Projekt zwei namhafte Presseagenturen stehen. ddp direct gehört zur dapd-Holding, zu der auch der Deutsche Auslands-Depeschendienst (dapd) gehört, ein Zusammenschluss des Deutschen Depeschendienstes (ddp) und der Associated Press (AP) Deutschland. Im Dezember 2009 übernahm die ddp media holding AG den hiesigen Dienst der US-amerikanischen Nachrichtenagentur AP und wurde zu dapd. Bis September 2010 agierten die beiden Agenturen eigenständig, dann startete ein gemeinsamer neuer Dienst der beiden früheren Einzelagenturen. Die dapd-Holding macht damit nicht nur der dpa-Tochter news aktuell Konkurrenz, sondern auch der Deutschen Presseagentur (dpa) selbst.

Bei den Kunden schafft diese Aufstellung Vertrauen, da die Services von dapd bei Journalisten akzeptiert sind. Zugleich hat das Holding-Konstrukt Zehrt von Anfang an ein finanzielles Polster verschafft. „Mittlerweile fließt aber kein Geld mehr von der Holding zu uns. Alle Investitionen bei ddp direct werden aus dem Cashflow bezahlt“, betont Zehrt. So kann er in neue Kunden investieren – was er auch muss, denn um gegen news aktuell zu bestehen, braucht es einen klangen Atem.

„Entscheidend ist die Auffindbarkeit im Netz“
Ob Zehrt jemals mit seinem Themenportal gegen das Presseportal ankommen kann, ist wohl eine Frage der Zeit, sei aber gar nicht so wichtig: „Ich glaube, dass solche Portale eine immer geringere Bedeutung haben werden“, sagt er. „Entscheidend ist die Auffindbarkeit im Netz und hier vor allen Dingen im Bereich Social Media.“ Im Gegensatz zu news aktuell bietet ddp direct explizit eine Social-Media- Meldung an. Als großes Pfund sieht Zehrt hier die Suchmaschinen-Optimierung in seinem Haus an. Diese sei überragend gut – nicht nur durch die Verbindung von Audio, Text und Bild. Hier wolle er auch ungewöhnliche Wege gehen – etwa durch „Real-Time“-Kommunikation. So habe man bei der Jungfernfahrt des neuen Brennstoffzellenfahrzeugs von Daimler Bilder, ein Video-Interview und den Text quasi „live“ auf das Themenportal gebracht.

Grundsätzlich decken sich die Dienstleistungen der beiden Anbieter aber zu einem großen Teil. Außer der schlichten Verbreitung von Pressemeldungen über Push- und Pull-Kanäle haben beide Audio- und Video-Verbreitung im Angebot. Auch bieten sie die Produktion von Multimedia-Inhalten an, wobei jeder auf externe Dienstleister zurückgreift. Sowohl ddp direct als auch news aktuell haben Infografiken, eine Bild- und eine Video-Datenbank im Portfolio. Eine App für Smartphones und Tablet-PCs dürfte auch bei ddp direct nicht mehr lange auf sich warten lassen – hat die dapd-Tochter doch schon erfolgreich eine App für die WAZ-Gruppe gebaut.


„Jeder soll Nachrichten von uns finden“
Die Preise des Newcomers liegen unter denen des Marktführers. ddp direct nimmt 250 Euro für die nationale Verbreitung ohne Beschränkung der Textlänge. Bei news aktuell kosten 300 Wörter 325 Euro. Bald wird es bei den Berlinern Ermäßigungen geben: „Für die Sicherheit der Budgetplanungen bei den Kunden bieten wir zum Jahresende Distributions-Pakete an, die von fünf bis zu zwanzig Meldungen verfügbar sind und mit bis zu 56 Prozent rabattiert werden“, kündigt Zehrt an. So könne ein Kunde mit einem 20er-Paket für Text und Bild je Meldung 280 Euro gegenüber dem Listenpreis sparen und bekomme für 220 Euro den nationalen Versand per dapd-Nachrichtensatellit für Texte mit unbegrenzter Länge und einem Multimediaobjekt. Um auf den Listenpreis von ddp direct zu kommen, muss man bei news aktuell mindestens 24 Meldungen im Jahr verschicken. Ab 36 Meldungen werden individuelle Angebote unterbreitet. Aber diesen Durchsatz dürften nur Agenturen und Konzerne schaffen.

Frank Stadthoewer von news aktuell schaut dem Treiben von ddp direct interessiert zu. Während man in Berlin Aufbauarbeit leistet, macht Bild.de eine Klickstrecke zum PR-Bild-Award. Dass news aktuell seit 2006 die besten PR-Bilder aus dem deutschsprachigen Raum prämiert, ist eine imagefördernde Maßnahme in einem nahezu gesättigten Markt. Wodurch die Hamburger immer noch neue Kunden hinzugewinnen. „Auch App-Hersteller verschicken Pressemitteilungen“, nennt Stadthoewer eine Branche, bei der noch was geht. „Allein zu diesem Thema hatten wir viele Hundert Meldungen und haben dazu ein Topthema im Presseportal gemacht.“

Dass news aktuell die Meldungen auch ins Web 2.0 leitet, ist bei mehr als 300 Contentpartnern zu erwarten. Allein 30 thematische Twitter-Accounts unterhält der Distributions-Service. Für Stadthoewer sind Pressemitteilungen das täglich Brot und nicht die Herausforderung. „Es geht darum, Resonanz zu erzeugen“, sagt er. „Dabei steht der Journalist gar nicht mehr so sehr im Fokus. Jeder, der googelt soll die Nachrichten von uns finden.“ Das Presseportal sei inzwischen ein Steinbruch für viele Medienschaffende und Interessierte, das außer Aktualität auch nachhaltige Kommunikation biete. „Es ist wichtig für Unternehmen, langfristig mit den eigenen Botschaften und Sichtweisen im Netz präsent zu sein“, sagt Stadthoewer. Deshalb bündeln die Hamburger ihre ots-Meldungen nicht nur auf dem Presseportal, sondern versorgen auch andere Nachrichten-Portale, News-Aggregatoren, Finanzwebsites sowie PR-Portale und bieten einen Homepage-Ticker, den sich Seitenbetreiber auf ihre Plattform laden können. Zu mehr als zehn Social Networks gehen die Meldungen und Bilder von news aktuell. Das führe nicht nur dazu, dass Medien Meldungen verarbeiteten, sondern auch, dass die Kunden mit ihrem Originaltext 1:1 eine große Öffentlichkeit erreichen.

Neben der Verbreitung von medialen Inhalten bauen sich die Hamburger zur Sicherheit ein weiteres Geschäftsfeld auf, das sie von PR Newswire übernommen haben. Dafür, dass die Amerikaner Mitte 2004 die Distribution in Deutschland aufgaben, haben sie den Zuschlag für die Auslandsverbreitung von news aktuell erhalten. Die hingegen vermarktet dafür die Adressdienstleistung MEDIAtlas von PR Newswire hierzulande. „Das ist zu einem wichtigen Standbein geworden“, sagt Stadthoewer. „Hier haben wir 500 Kunden.“ Zehn Rechercheure sind damit beschäftigt, die Datenbank aktuell zu halten. Wie man das Geschäft ausbauen will, ist noch unbekannt. Ob eine PR-Software herauskommt, die Distribution und Adressmanagement vereint, oder ob es eine Datenbank wird, die das Wissen der Anwender teilt – dazu will sich Stadthoewer nicht äußern.


Die internationale Verbreitung wird wichtiger
Der Partner könnte auch in einem weiteren Geschäftsfeld hilfreich werden: Die internationale Verbreitung macht bei news aktuell mittlerweile zehn Prozent des Umsatzes aus und wird im Prospekt prominent beworben. Das kann in einem globalisierten Markt sinnvoll sein. ddp direct hat umgekehrt damit begonnen, in Deutschland Meldungen von US-Unternehmen aufzunehmen – so wie Business Wire auch – stets ins Deutsche übersetzt.

Trotz aller neuen Geschäftsfelder wolle man bei news aktuell aber am Kerngeschäft in Deutschland dran bleiben. „Hier weiter kontinuierlich zu wachsen, darauf konzentrieren wir unsere maßgeblichen Kräfte“, so Stadthoewer. Er tut gut daran, denn ddp direct wird alles dransetzen, langfristig eine relevante Größe im Markt zu werden.
 

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