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26.03.2009   News
Im Zweifel kein Kommentar
 

Kritischer TV-Journalismus bedient oft nur kritische Thesen statt sie zu hinterfragen. Unternehmen gehen darauf immer weniger ein. Von Peer Brockhöfer

Bei politischen TV-Magazinen gehört es fast schon zum guten Ton, als Beweis der investigativen Recherche, wenn Unternehmen sich den kritischen Fragen der Redakteure nicht stellen wollen und lieber  jeden Kommentar verweigern. Um vor der Kamera nicht in Verlegenheit gebracht zu werden, geben manche Unternehmen schriftliche Stellungnahmen ab.  Der Kameramann fährt dann in Nahaufnahme über das Dokument – es wirkt dann so, als handele es sich dabei um ein Geheimdokument des KGB. Mancher Zuschauer hat das Gefühl, als legten es Fernseh-Journalisten geradezu darauf an, sich einen Korb einzufangen, um ihn dann zu präsentieren.

Unternehmen, insbesondere die der Pharma-Branche und der Nahrungsmittelindustrie, Energie- und Chemie-Konzerne stehen im Fadenkreuz des heutigen kritischen TV-Journalismus. Von Gentechnologie und Rüstung ganz zu schweigen. Und sie stehen mitunter zu Recht in der Kritik, aber oft steht das Drehbuch der enthüllenden Reportage schon von vornherein fest, klagen Unternehmenssprecher. Pharma-Unternehmen etwa wird regelmäßig vorgeworfen, sie würden Patienten-Organisationen korrumpieren.

Darum lassen sich einige Unternehmen gar nicht erst auf Interviews vor der Kamera ein. Nach dem Motto: „Kein Kommentar“ schadet dem Image weniger, als vor laufender Kamera in die Enge getrieben zu werden – was oft das Ziel einiger Recherche-Aktionen zu sein scheint. Florian Martius war selbst zehn Jahre lang als TV-Journalist tätig, ist heute Leiter der Unternehmenskommunikation bei Glaxo Smith Kline und hat mittlerweile „keine Lust mehr“, sich auf das Spiel einzulassen. Vor einiger Zeit hatte er mitbekommen, dass die Redaktion von „Monitor“ einen Bericht über Gebärmutterhalskrebs-Impfungen und die Pharmabranche bringen wollte. Martius wunderte sich, dass die Redaktion noch nicht bei ihm angefragt hatte. „Dann bekamen wir einen Fragenkatalog mit 20 Positionen und hatten 24 Stunden Zeit, darauf zu reagieren“, erzählt er. „Die Fragen waren durchaus komplex.“ Sich in dieser Situation vor die laufende Kamera zu stellen, macht dann keinen Sinn, denn die Rollen sind in so einem Fall festgelegt, und man ändert sie auch nicht, wenn man sich auf das Spiel einlässt.

Dass das Spiel so läuft, wie es läuft, begründen Redaktionen gern mit Zeitmangel. Bei Tageszeitungen mag das zutreffen. Schließlich sind in den Print-Redaktionen Einstellungsstopp und Entlassungen ein Dauerzustand. Deswegen macht sich besonderer Unmut hinsichtlich der öffentlich-rechtlichen TV-Redaktionen breit. Denn sie sind personell vergleichsweise gut ausgestattet. Allein die Redaktion des ZDF-Formats „Frontal 21“ zählt 20 Redakteure, hinzu kommen der Chef vom Dienst, Redaktionsleitung und -assistenz sowie ein Produktionsteam und die Moderatorin.

Aber auch mit Themenvorschlägen, die nicht in erster Linie auf das Unternehmens-Image abzielen, blitzen Pressesprecher regelmäßig ab. „Die Frage, was mit staatlicher Unterstützung von Patienten-Organisationen ist, findet kein Interesse“, so Martius.

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