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25.08.2011   News
Jung, kreativ, erfolgreich
 
Studentische Agenturen und Nachwuchsprojekte liefern nicht nur für wenig Geld frische Ideen, sondern eignen sich auch bestens fürs Recruiting junger, qualifizierter Talente. Von Petra Nickisch

Hungrige Talente suchen alle, nicht nur Exit-Media in Berlin, aber die Agentur hat kürzlich vier der begehrten „Hungry Talents“ gefunden. Mithilfe eines Bewerbungskonzentrats, bestehend aus einer 140-Zeichen-Kurzmitteilung und einer anschließenden Vorstellungsrunde via Skype.
Knapp hundert junge Deutsche, Österreicher und Schweizer wollten bei der ersten Auflage des neuen Nachwuchsprojektes „Hungry Talents“ dabei sein. Sebastian Schulz, Madeleine Längle, Fabian Walitschek und Noura Leder setzten sich durch und zogen in eine eigens angemietete WG-Wohnung in Berlin. Im Mai traten sie ihren Job an.

Win-win-Situation für Kunden und Agentur
Drei Monate sollten sie für einen großen Kunden werkeln. Mit Arbeitstagen von 9 bis 18 Uhr in einem Vierer-Büro bei Exit-Media, begleitet und unterstützt von den Agenturkollegen und von vier besonderen Mentoren (darunter Tim Renner von Motor Entertainment und Frank Meißner, Geschäftsführer bei N24), die sich jeweils einen Tag Zeit für die Gruppe nehmen wollten. Wie ein Schnellboot an der Seite seines großen, sicheren Mutterschiffes sollten sie gleiten während ihrer „Mischung aus Praktikum und Start-up“, so die Einordnung von Exit-Media-Geschäftsführer Stefan Kiwit.
Die Rechnung ist aufgegangen, „Hungry Talents“ sei „noch erfolgreicher als erhofft“. Zwar stellte sich im Juli heraus, dass die drei Monate zu knapp bemessen waren, um auch noch die Realisierung des erarbeiteten Konzepts umzusetzen, aber Noura und Sebastian konnten in Folge 55 ihrer täglich auf Facebook geposteten Videos stolz verkünden: „Das Projekt ist verkauft!“ Voda- fone setzt das Konzept mit dem Arbeitstitel „Speed Gate“ in Deutschland und England um.
Am 15. September 2011 beginnt die zweite Runde „Hungry Talents“. Wie ihre Vorgänger sind auch die neuen Kreativen sozialversichert, bekommen Wohnraum gestellt, erhalten Mobiltelefone sowie ein kleines Entgelt. Während der vergangenen Monate kamen bereits Anfragen von Neu-Kunden, ob sie im nächsten Durchgang dabei sein könnten. Für Runde zwei und drei stehen die passenden Kunden fest, und ein hungriges Talent der ersten Stunde bleibt der Agentur auch erhalten. Fabian Walitschek hat einen Vertrag als Junior Creative in der Tasche.
So hat Exit-Media nicht nur neue Kunden, sondern auch einen neuen Mitarbeiter gewonnen. Lässt sich das aufrechnen? Gesparte Stellenanzeigen gegen Rechnerkosten und Wohnungsmiete? Den Erfahrungszugewinn der Beteiligten kann man jedenfalls nicht beziffern. Kiwit meint: „Die innovativen Ansätze haben alle dazu bewegt, umzudenken. Das Projekt ist für das ganze Unternehmen sinnvoll und dadurch unbezahlbar.“

Campus-Agenturen auf Erfolgskurs
Auch eine Verzahnung von Uni und Agentur scheint hervorragend zu klappen. Gut zehn Jahre nachdem es die studentische Werbeagentur „Töchter + Söhne“ (1998–2010) in ähnlicher Form vorgemacht hatte, gehen Hochschulen und Agenturen neue Verbindungen ein. Während etablierte Agenturen wie Scholz & Friends bei „Töchter + Söhne“ nur im Kuratorium saßen, sind die Partnerschaften heute ganz direkt. Dem Projekt „Töchter + Söhne“ hatte die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master Nachwuchsprobleme und 2010 das vorläufige Aus beschert. Darum sind jetzt neue, dem veränderten Studium angepasste, Konzepte gefragt.
Im Frühling ging in Gelsenkirchen die Studierenden-Agentur „Hill & Knowlton Campus“ an den Start. In drei von der internationalen Kommunikationsagentur Hill & Knowlton auf dem Gelände der Fachhochschule Gelsenkirchen angemieteten Räumen arbeiten seitdem fünf Studentinnen und Studenten. Leiter der Campus-Agentur ist der Professor ihres Studiengangs Journalismus und Public Relations, Karl-Martin Obermeier. Studierende ab dem zweiten Semester müssen sich direkt bei Hill & Knowlton bewerben und haben dort – bevor sie ihre 20-Stunden-Woche zum Praktikantengehalt antreten können – noch ein Assessment-Center vor sich.

Auslandspraktika und Festanstellung locken
Natürlich kann eine Campus-Agentur nicht die gleichen Stundensätze abrechnen wie ihre „Mutter“. „Deshalb sind wir aber keine Schnäppchen-Agentur“, betont Obermeier. Alle Arbeiten werden in enger Abstimmung mit Hill & Knowlton und unter Berücksichtigung derer Guidelines durchgeführt. Als ein Plus haben die studentischen Berater ihr Auslandspraktikum bei einem der Hill-&-Knowlton-Büros in 44 Ländern sicher. Mit dem Bachelor-Abschluss endet die Mitarbeit bei der Campus-Agentur – abgelöst möglicherweise von einer Festanstellung an einem der deutschen Agentur-Standorte.
Läuft das erste Jahr auf dem Campus für Hill & Knowlton gut, folgt eine dreijährige Verlängerung. Anvisiert sei ein Jahresumsatz im kleinen sechsstelligen Bereich, sagt Obermeier. Gelsenkirchen zähle laut Hochschul-Ranking der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu den besten Hochschulen für Kommunikationswissenschaft und Journalistik, seine Studenten bekämen eine gute Ausbildung, ihr Leistungspotenzial sei sehr hoch. Manchmal müsse er eingreifen, „wenn sie nur noch in Social Media denken, obwohl eigentlich eine altmodische Pressemitteilung gefragt ist“. Junge PR im Jahr 2011 ist eben nicht nur Web 2.0, sondern beinhaltet auch die klassischen Tools.
„Youth to Youth“, die Berliner Jugendagentur von wbpr hat im Herbst die dritte Generation am Start. Jeweils ein bis eineinhalb Jahre entwickelt ein festes Team aus drei bis fünf Studenten junge Konzepte für junge Zielgruppen. Partner ist die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, dort hat die studentische Kommunikationsagentur ihr Büro. Die Arbeitszeiten sind nicht vorgeschrieben. „Das Team bekommt eine Aufgabenstellung und einen Endpunkt, wie im realen Arbeitsleben“, sagt Michael T. Schröder. Der Geschäftsführer von wbpr möchte, dass die Studenten Prozess- und Zeitmanagement lernen. „Wir geben ihnen das Handwerkszeug, das ihnen die Angst vor einer möglichen Selbstständigkeit nimmt“, sagt Schröder, dem der mutige Nachwuchs in der PR-Branche fehlt. Als Geschäftsführer und Initiator ist er zwar für die Jugendagentur in letzter Instanz zuständig. Die „coolen, unverbrauchten Ideen“ allerdings segne allein der Kunde ab, „die müssen uns Älteren nicht gefallen“.
Bislang waren unter anderem das Verkehrsministerium Brandenburg, die Stadt München und die IFA Berlin sehr zufrieden mit dem Output der 20- bis 25-Jährigen, die zum Beispiel mit einer Guerilla-Kampagne vor Fahrradunfällen warnten. Die Mitarbeiter erhalten von wbpr einen monatlichen Studienzuschuss. Wirtschaftlich, so Schröder, lohne sich „Youth to Youth“ nicht. Er verfolgt andere Ziele: Ausbildung zur Selbstständigkeit, neue Impulse innerhalb der PR-Szene setzen und nicht zuletzt auch das Image der eigenen Agentur pflegen.
Die Studenten profitieren von der Praxisnähe, die Agenturen und Kunden vom frischen Wind und einer jugendlichen Ansprache. Doch läuft die Branche nicht Gefahr, sich mit den Jugendagenturen selbst eine günstigere Konkurrenz ins Nest zu setzen? Das fragt sich auch Thomas Lüdeke, Gründer und Geschäftsführer des PR Career Centers in Düsseldorf und Sprecher der DPRG-Junioren. Er kennt den Ehrgeiz und das hohe Engagement vieler Studenten. Sein Fazit: Sie seien weniger festgefahren in ihren Denkmustern, beste Voraussetzung dafür, kreativ zu bleiben. „Wer weniger über die Rahmenbedingungen weiß, denkt querbeet“, sagt er und betont, dass im kreativen Bereich die größte Stärke der Nachwuchsagenturen liege. „Strategie- und Beratungsthemen würde ich als Kunde den Studenten nicht zutrauen, dazu fehlt es ihnen an Erfahrung.“
 

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