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News / Wir bauen uns mit Social Media ein glokales Dorf
Dominik Meier
25.08.2011   News
Wir bauen uns mit Social Media ein glokales Dorf
 
Social Media hat im „Global Village“ einen Dorfplatz errichtet. Im World Wide Web findet das soziale Rauschen unserer Zeit seinen Anfang, hier organisieren sich aber auch zunehmend jene Interessen, denen verschiedenste Vorstellungen vom gemeinsamen Zusammenleben zugrunde liegen. Diese reichen allerdings weit über die Grenzen dieses simulierten digitalen Dorfs hinaus in die „echte“ analoge Welt.

Zwar hatten die Pilger bei der Neubesiedlung des unentdeckten Landes in den 1990er-Jahren zunächst die neu gewonnenen Freiheiten genossen. Aber ein echtes Gemeindeleben wollte sich trotz des bald florierenden Handels und allerlei bunter Vergnüglichkeiten für die Konsumenten nicht so recht einstellen. Mit Facebook, Twitter und Co. hat sich jedoch dieser riesige Dorfplatz herausgebildet, auf dem sich Weltanschauungen im Sekundentakt begegnen, Meinungen herausbilden und unter dem Stichwort E-Democracy auch Entscheidungen getroffen werden, die Konsequenzen für die Offline-Welt haben. Nicht wenige sehen im Web 2.0 daher die potenzielle Plattform für eine offene und demokratisierte Weltgesellschaft, die durch globale Interaktion den Formen klassischer Informa- tionsverteilung und Berichterstattung Konkurrenz macht.

„Soziale Netzwerke bleiben ambivalente Bauwerke, deren Anblick nicht immer leicht zu ertragen ist."



Kritiker hingegen schimpfen die Hashtag-Demokratie eine überaus banale und gefühlsradikale Ordnungsform, die eher das Tratschen unter vielen bestärkt als Bewusstsein beim Einzelnen schafft, Verantwortung für die Dinge der Allgemeinheit zu übernehmen. In diesem Sinn habe Social Media vor allem digitale Stammtischrunden ermöglicht. Der tiefgründige Blick für komplexe Zusammenhänge und die Fähigkeit, sich ein Urteil über die „reale“ Welt bilden zu können, käme dagegen immer mehr abhanden.

Der Arabische Frühling hat diese Polemik teilweise Lügen gestraft. Und auch die europäische „Empört Euch“-Bewegung wäre ohne Social Media wohl nicht derart rasant zustande gekommen. Man muss mit den inhaltlichen Forderungen der Demonstranten in den EU-Staaten Griechenland, Portugal, Spanien oder Frankreich nicht mal einverstanden sein, um zu erkennen, dass die Bewohner der digitalen Welt nicht nur in dieser existieren wollen, sondern sie auch als Instrument begreifen, ihre Interessen in der analogen Welt zu organisieren.

Soziale Netzwerke haben kein Paradies geschaffen und werden die Politikverdrossenheit nicht auflösen. Zwischen Datenschutz und Verleumdungsskandalen bleiben sie hoch ambivalente Bauwerke, deren Anblick gerade für ihre größten Fans nicht immer leicht zu ertragen ist. Gleichwohl lässt sich der Pauschalvorwurf, das Internet habe die Kommunikation untereinander trivialisiert und die Menschen von der „realen“ Welt entfernt, spätestens seit diesem politischen Frühjahr nicht mehr halten.

Dominik Meier ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (de'ge'pol). Kontakt: dmeier@miller-meier.de
 

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