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News / „Wir stehen vor der Tür“
27.06.2011   News
„Wir stehen vor der Tür“
 
Foodwatch-Pressesprecher Martin Rücker über die unabhängige Rolle und die begrenzten Finanzmittel von NGOs, sein Verständnis von Lobbyarbeit und die Versorgung der Medien.
Foodwatch wurde erst 2002 gegründet, gehört aber inzwischen zu den bekanntesten NGOs hierzulande. Wie ist das gelungen?
Martin Rücker: Wir widmen uns einem Themenfeld, in dem es vorher keine NGO gab. Bislang kann die Lebensmittelindustrie die Gesetzgebung fast im Alleingang bestimmen – oft zu Lasten der Verbraucherrechte. Hier wollen wir aufklären und politische Veränderungen erreichen, damit sich der Lebensmittelmarkt endlich an den Interessen der Verbraucher ausrichtet.
Arbeitet der Verbraucherschutz nicht gut genug?
Es gab vor Foodwatch keine Organisation, die sich unabhängig für Verbraucherrechte im Lebensmittelmarkt eingesetzt hat. Die Verbraucherzentralen leisten in vielen Bereichen sehr gute Arbeit, allerdings sind sie staatliche Einrichtungen und haben daher eine andere Rolle als NGOs. Foodwatch wird durch Spenden und nicht durch die Verbraucherministerien in Bund und Ländern finanziert, deshalb können wir uns frei von Abhängigkeiten und ohne Rücksicht nehmen zu müssen zu deren Politik äußern.

Foodwatch hat ein Dutzend fester Mitarbeiter und ein Jahresbudget von rund 1,5 Millionen Euro. Kann man damit erfolgreiche Lobbyarbeit betreiben?
Foodwatch ist seit der Gründung stetig gewachsen, aber klar ist: Unsere personellen und finanziellen Mittel sind sehr begrenzt. Deshalb können wir nur einen kleinen Teil der Probleme aufgreifen, die es wert wären. Und wir müssen unsere Mittel kreativ und effektiv einsetzen. Dass das gelingen kann, zeigt zum Beispiel unsere Kampagne für die Ampelkennzeichnung, also für transparente und leicht verständliche Nährwertangaben auf Lebensmittelverpackungen. Bei diesem Thema haben auch viele Entscheider aus anderen EU-Staaten wahrgenommen, dass es Foodwatch gibt. Im Parlament gab es aber eine relativ knappe Mehrheit gegen die Ampel. Die Interessen der Industrie, die angeblich eine Milliarde Euro in die Lobbyarbeit gegen die Ampelkennzeichnung investiert hat, haben sich durchgesetzt.

Sitzen Sie an den runden Tischen und in den Lobbyzirkeln?
Natürlich sprechen wir auch mit Politikern und Unternehmen. Unsere Aufgabe ist jedoch eine andere: Wenn hinter verschlossenen Türen verhandelt wird, stehen wir davor und versuchen öffentlichen Druck aufzubauen. Dadurch haben es drinnen am Tisch beispielsweise die Verbraucherzentralen leichter, die Interessen der Verbraucher durchzusetzen.
Interview: Roland Karle
 

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