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News / Der Schmierstoff Vertrauen wird knapp
Sebastian Vesper
27.06.2011   News
Der Schmierstoff Vertrauen wird knapp
 
Anfang Mai legte die Gesellschaft Public Relations Agenturen (GPRA) in Berlin zehn Thesen zur „strategischen Neuausrichtung“ des Agenturverbands vor. Von denjenigen außerhalb des exklusiven Clubs, die das Papier wahrgenommen haben, fand es mancher großspurig, andere verquast und wieder andere redundant. Keine Ahnung, wie viele es auf Anhieb verstanden haben. Ich jedenfalls habe den phrasengewaltigen Sechsseiter bewusst ein paar Wochen liegen gelassen. Mit diesem Abstand kann ich den Befunden, die um die Schlagworte „Zivilgesellschaft“ und „Vertrauen“ kreisen, eine Menge abgewinnen.


Beim Familientreffen hochgejazzt

Gewiss ist es ein Verkaufspapier für die mit Blick auf ihre programmatische Zukunft und Daseinsberechtigung im Konzert der Disziplinen und Budgettöpfe verunsicherte, fragmentierte Spezies Kommunikationsagenturen allgemein. Und natürlich haben sich die Macher bei ihrem „Familientreffen“ in der Hauptstadt mit einer gehörigen Prise Salon-Intellektualismus hochgejazzt – aber, mal ehrlich, erstens ist doch genau dies die Aufgabe eines solchen Verbandes und zweitens weisen die Thesen weit über den Tellerrand der kleinen Berater-Szene hinaus: in die Sphären von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.
Einen „Trialog“ zwischen diesen Dreien wollen die Agenturleute organisieren. Nicht etwa, weil sie Missionare einer partizipatorischen Meinungsbildung wären, sondern weil sie merken, dass sie die Kommunikationsziele ihrer zahlenden Auftraggeber in der Praxis anders kaum noch realisieren können. Zu groß ist mittlerweile das Misstrauen der Menschen gegenüber Politik und Unternehmen: Die wenden sich ab, als Wähler wie als Kunden.
Und die Menschen suchen sich jene Orte und Themen, bei denen Protest überhaupt noch möglich ist. Eine Entwicklung voller unbekannter Variablen, für die die PR-Leute den schön getragenen Begriff „emanzipierte Zivilgesellschaft“ gewählt haben.
„Entfremdet“ hätte die Situation wahrscheinlich besser getroffen. Ich frage mich: Wie soll ein solcher „Trialog“ überhaupt noch funktionieren? Der viel beschriebene Mangel an Vertrauen bei den Menschen ist ja nicht vom Himmel gefallen.
Schuld ist zum Beispiel die erbärmliche Verfassung der klassischen Medien für Meinungsbildung, bei denen die allermeisten Journalisten keine Journalisten mehr sind sondern Content Manager, die von den anderen Content Managern abschreiben. Die Unübersichtlichkeit und begrenzte Reichweite der Blogs und Social-Web-Formate, in denen sich die gesamte Bandbreite zwischen guter Qualität und fahriger Verschwörungstheorie findet. Die Frage nach wirklich relevanten und „großen“ Themen (jenseits von Verteilungspolitik), die eine Gesellschaft mobilisieren würden. Die erodierenden Wertesysteme etablierter Parteien und die Sprunghaftigkeit der Bundesregierung. Die Skandale in der Wirtschaft, von Datenschutz bis Sexparty, und ihr Umgang damit. Die ungerechte Art und Weise, wie die Kosten der Bankenkrise zwischen den Verursachern und den Opfern „aufgeteilt“ wurden.


Ein bisschen Public-Relations-Mechanik?

Endlos ließe sich diese traurige Liste fortschreiben. „Trialog“ ist da gut gemeint (und gewiss richtig!), aber ein bisschen Public-Relations-Mechanik von Berufskommunikatoren, ob in Unternehmen, Organisationen oder Agenturen, wird nicht ausreichen, damit Unternehmensobere und Spitzenpolitiker wieder auf der Basis von „Vertrauen“ agieren können. Vertrauen war schon immer der Schmierstoff gelingender Kommunikation und, in der Folge, guter (öffentlicher) Beziehungen. Wer diesen Maßstab scheut, kann sich das Geld für PR sparen.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket iin Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.
 

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