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27.06.2011   News
Fehler im System
 
Wäre ein Preis für das schlechteste Image zu vergeben, hätten Ratingagenturen beste Chancen auf den Gewinn. Durch eklatante Fehleinschätzungen gelten sie als mitschuldig an der globalen Finanzkrise. Den Ruf durch Kommunikation verbessern zu wollen, reicht nicht aus. Das Problem liegt tiefer. Von Roland Karle

Noch vor wenigen Jahren brauchte sich niemand zu entschuldigen, wenn er „Triple A“ für eine ansteckende Krankheit hielt. Man musste diesen Begriff nicht drauf haben. Inzwischen aber gilt als weithin bekannt, dass finanziell topfit ist, wer die Buchstabenfolge AAA aufs Papier gestempelt bekommt. Und dass Lebensgefahr droht, wenn ein C (oder gar mehrere) im Kürzel auftauchen. Von D ganz zu schweigen. Dann ist Ende.
Willkommen in der Benotungswelt der Ratingagenturen. Deren Aufgabe ist es, darüber zu urteilen, wie gut Unternehmen, Banken und Staaten bei Kasse sind. Sie bewerten die Kreditwürdigkeit, indem sie Bonitätsnoten vergeben. Dazu reicht ihnen, siehe oben, das kleine Alphabet. Die Einstufung ist durchaus von Tragweite, schließlich kommt sie einer Prognose darüber gleich, ob die geprüfte Organisation nach aktuellem Stand der Dinge ihre bestehenden Verbindlichkeiten erfüllen kann und wie wahrscheinlich es ist, dass sie als Darlehensnehmerin künftig zuverlässig Rückzahlungen leistet.
Das herauszufinden, ist aufwendig. Die Analysten der Ratingagenturen verschaffen sich einen Überblick über die wirtschaftliche Situation und die finanziellen Kennzahlen des zu begutachtenden Unternehmens oder Staates, recherchieren aufschlussgebende Markt- und Branchendaten und sprechen mit dem Management. Danach erstellen die Agenturanalysten einen Bericht und legen ihn dem Ratingkomitee vor, das dann die genaue Bewertung festlegt. Ratings sind jedoch keine Empfehlungen, ob man nun Wertpapiere eines Unternehmens oder Anleihen eines Staats kaufen soll oder nicht. In ihrer Funktion ähneln sie eher einer Mischung aus Finanz-TÜV, Warentester und Frühwarnsystem.
Die Ratings selbst drücken aus, wie hoch oder niedrig das Insolvenzrisiko eines Schuldners einzuschätzen und wie (un-)sicher investiertes Kapital angelegt ist. Bei einem Rating von Ba1 oder BB+ – die Bezeichnungen der einzelnen Agenturen unterscheiden sich punktuell – handelt es sich um eine spekulative Anlage, während „Triple A“ (AAA) der Schulnote eins entspricht. Für den bewerteten Kandidaten sind die Einstufungen in der Regel folgenreich: Wird die Bonität als schlecht beurteilt, hat er es schwer, an Geld zu kommen und muss mit hohen Schuldzinsen rechnen. Außerdem könnten Investoren und Anteilseigner ihr Kapital abziehen.
Anfang Juni reichte bereits die Drohung der Ratingagentur Moody’s aus, die Bonität Großbritanniens abzuwerten – prompt gerieten das Pfund Sterling und der britsche Anleihen-Future (Gilt) unter Druck.
Das Pensum der Ratingagenturen ist gewaltig – allein Standard & Poor’s hat 2009 mehr als 870.000 Ratings vergeben, das sind fast 2.400 pro Tag – und ihr Urteil hat Gewicht. Wenn es zu spät kommt, sich als falsch, unzutreffend oder parteiisch erweist, leidet darunter ihr Ansehen. Je häufiger sie angreifbare Bewertungen abgeben, desto größer der Imageschaden. Genau das ist in den vergangenen Jahren passiert.


Zu spätes Reagieren
In die öffentliche Wahrnehmung haben es die Ratingagenturen erst so richtig 2008 durch die Pleite von Lehmann Brothers und die einsetzende Weltwirtschaftskrise geschafft. Seither sind sie kaum mehr aus den Schlagzeilen verschwunden. Und laufen mit einem verheerenden Image umher. Die Einschätzung von Wirtschaftsprofessor Max Otte kommt einem Dreifach-C gleich. „Die Ratingagenturen haben versagt.“ Ihre Bewertungen verlaufen fast immer parallel zu einer Entwicklung oder hinken ihr sogar hinterher, kritisiert der Bestseller-Autor („Der Crash kommt“). „Bei der Bankenkrise haben die Agenturen erst reagiert, als die Katastrophe schon da war, ebenso bei der Griechenland-Krise und im Fall von BP.“ Diese Liste lasse sich beliebig fortsetzen.
Was Otte moniert, ist ein immer wieder im Chor vorgetragener Vorwurf, der sich so beschreiben lässt: Statt vor einem aufziehenden Gewitter zu warnen, informieren die Ratingagenturen erst dann, wenn es bereits donnert und der Blitz eingeschlagen hat. Wenn die Krise dann da ist, helfe es wenig, die Bonitätsnote zu senken. Denn das wirkt eher wie ein Brandbeschleuniger. „Dann rutscht ein Land oder ein Unternehmen noch tiefer in den Keller“, so Otte. Die Ratingagenturen arbeiteten dadurch der Spekulationswirtschaft direkt in die Hände.


Gründe für den Vertrauensverlust
Für Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch, die „Big Three“ im globalen Ratingmarkt (siehe Kasten Seite 14), entwickelte sich die globale Finanzkrise zu einem Fiasko. Damals zeigte sich, dass sie wertlose Zertifikate mit AAA-Rating ausgezeichnet hatten. Das ist so, als würde verdorbenes Fleisch als „Gourmetsteak“ gepriesen. Doch mit jedem Fehlurteil verlieren die Marktakteure das Vertrauen in die Kompetenz der Agenturen. In etwa vergleichbar mit Patienten und einem Arzt, der falsche Diagnosen stellt.
Für Carsten Böhme steht fest: „Die Kritik an den Agenturen ist absolut gerechtfertigt, Moody’s, S&P und Fitch haben schlecht agiert und wurden zu Sündenböcken. Sie müssen jetzt viel Vertrauen zurück gewinnen, sich aber auch gegenüber der Politik selbstbewusst und damit unabhängig positionieren. Das ist eine Gratwanderung“, erklärt der Managing Director der Kommunikationsberatung Stockheim Media in Frankfurt. Mit einer Kampagne, mit Aufklärung, mit Gesprächen lässt sich der entstandene (Image-)Schaden nicht reparieren. „Zuerst müssen die Gründe für die vermeintlichen Fehlleistungen beseitigt werden. Diese liegen zum Beispiel in den Interessenkonflikten der Geschäftsmodelle sowie in der Transparenz“, so Böhme.


Der Reformbedarf ist grundlegend
Die öffentliche Kritik an den Ratingagenturen hält an, der politische Druck wächst. Die Situation ist schwierig und verfahren. Was würde ein Kommunikationsberater den Attackierten empfehlen? „Sie dürfen nicht zögernd agieren und das aussitzen. Hier handelt es sich um eine Krisensituation, die für die drei Unternehmen existenzbedrohend werden kann. Denn die gegenwärtige Marktstruktur ist nicht in Stein gemeißelt“, erläutert Böhme.
Eine offene Kommunikation mit Politik, Medien und Öffentlichkeit zu führen, dazu rät Finanzmarktexperte Andreas Buschmeier den Ratingagenturen. Zwar betrachtet er die jeweilige Rating-Methodologie der Agenturen als Geschäftsgeheimnis. „Dennoch sollten sie nicht nur gegenüber den Aufsichtsbehörden, sondern auch gegenüber der interessierten Öffentlichkeit größere Transparenz leben.“ Und ihre Legitimation deutlich machen. Schließlich erfüllten die Agenturen seit mehr als 100 Jahren eine wesentliche Aufgabe auf den Finanzmärkten – den Abbau von Informa-tionsasymmetrien. „Gäbe es sie nicht, müsste jeder Anleger selbst das Risiko aller in Frage kommenden Investitionsobjekte selbst einschätzen. Das ist schlicht unmöglich. Die Agenturen haben einen großen Anteil an der Funk- tionsfähigkeit der internationalen Kapitalmärkte“, betont Buschmeier.
Diese Erkenntnis schützt nicht vor zunehmender Kritik vor allem aus dem politischen Lager. Anfang Juni entschied das EU-Parlament in Brüssel mit großer Mehrheit, die Regeln für die Agenturen zu verschärfen. So soll etwa jede registrierte Ratingagentur eine jährliche Überprüfung ihrer Bewertungen vornehmen und diese Information in einen Rechenschaftsbericht an die Aufsichtsbehörde aufnehmen. Im Laufe dieses Jahres soll ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, zudem soll die EU-Kommission über eine eigene Rating-Stiftung nachdenken.
In einer Bestandsaufnahme identifiziert der EU-Abgeordnete Wolf Klinz drei Schlüsselprobleme der Branche: mangelnden Wettbewerb, zu starke Abhängigkeit von externen Ratings und fehlende Haftung der Ratingagenturen für ihre Bewertungen. Vor allem auf die Idee der Politik, sie bei grober Fahrlässigkeit zivilrechtlich in Haftung zu nehmen, reagierten die Ratingagenturen allergisch. Es steht gar die Ankündigung im Raum, künftig keine Länderratings mehr zu erstellen. Ändern will die Politik auch die problematische Agentur-Prüfling-Beziehung. Die Bonitätsprüfer werden von den Emittenten (Unternehmen, Staaten) beauftragt und bezahlt. Wie wenn ein Gutachter von demjenigen engagiert wird, den er begutachten soll. Da darf man Interessenkonflikte unterstellen.
Vor der Finanzkrise wurde zudem unsauber gearbeitet. Vor dem US-Senat berichteten frühere Manager von S&P und Moody’s unter Eid, dass zu gute Bewertungen nicht zeitig genug angepasst wurden. Grund: die Furcht, Aufträge zu verlieren. Banken nutzten die Situation, um kritische Bonitätsanalysten unter Druck zu setzen und spielten die Agenturen gegeneinander aus.


Neue staatliche Konkurrenz notwendig?
Den oligopolistischen Markt und den folglich eingeschränkten Wettbewerb sieht Andreas Buschmeier als Hauptproblem. „Der normale Mechanismus, der zu Marktaustritten von schlechten Ratingagenturen führt, kann nicht greifen.“ Wirtschaftsprofessor Otte spricht gar von „einer Art kapitalistischer Planwirtschaft“. „Die ganze Welt schaut auf das Rating von drei Agenturen, während sich Unternehmen und Banken kein eigenes Urteil mehr bilden.“
Buchautor Buschmeier („Ratingagenturen – Wettbewerb und Transparenz auf dem Ratingmarkt“) hat ein eigenes Modell entwickelt, um den Fehler im System zu beheben. Dabei kommt er zu der Erkenntnis, dass mehr Transparenz und stärkerer Wett- bewerb durch eine staatliche Ratingagentur nicht zu schaffen seien. Wirtschaftsprofessor Otte sieht das anders. Schlechter als die privaten könne keine staatliche Agentur wirtschaften, meint er. „Sie wäre vielleicht etwas langsamer, aber objektiver und würde international den Wettbewerb stärken.“

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