Please wait...
News / Alles unter Kontrolle
28.11.2008   News
Alles unter Kontrolle
 

Zu viele Medienanfragen veranlassen PR-Verantwortliche zu restriktiveren Akkreditierungsverfahren und mehr Kontrolle über das, was veröffentlicht werden soll – auch wenn sich Journalistenverbände darüber beschweren. Von Peer Brockhöfer

Dass Public Relations und Presse nicht immer in freundschaftlicher Verbundenheit existieren, ist bekannt. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen sind so älter als die Kommunikationsdisziplin selbst. Insbesondere Prominente haben oftmals mit der Presse zu kämpfen. Zitate werden nicht abgestimmt, manchmal werden sie sogar aus dem Zusammenhang gerissen oder die kritische persönliche Meinung eines Journalisten ersetzt die objektive Berichterstattung. Gerade Persönlichkeiten wie Schauspieler oder Musiker, deren Image besonders empfindlich auf die öffentliche Meinung reagiert, haben dann oft das Nachsehen, wenn über sie negative Meinungen verbreitet werden. Schließlich bestimmt ihr Image zu einem großen Teil auch ihren Marktwert, und eine Gegendarstellung macht es meist nicht besser. Daher ist es verständlich, dass Management und PR-Agenten im Vorfeld sehen möchten, was veröffentlicht werden soll. Die Presse aber fürchtet zu Recht um ihre Freiheit.

Beispielsweise hatte das Hamburger Stadtmagazin „Hinz & Kunzt“ eine Geschichte mit der Ulrike-Meinhof-Darstellerin Martina Gedeck („Der Baader-Meinhof-Komplex“) geplant und wollte sie sogar auf den Titel heben. Das Gespräch zwischen der Redaktion und der Schauspielerin hat dann aber nicht stattgefunden. Stattdessen gab es lediglich einen kurzen Text unter der Überschrift: „Mit uns nicht!“ Grund dafür waren die Bedingungen, die Gedecks Management der Redaktion auferlegen wollte. Zitate sollten abgestimmt werden – inklusive der drei Sätze vor und nach dem Zitat. Außerdem wäre die Gedeck auf dem Titel verpflichtend gewesen und nicht nur eine Option, zu der sich die Redaktion entscheiden kann. Zusätzlich sollte die „Hinz & Kunzt“-Redaktion dem Management alle Bildunterschriften, Zwischenzeilen, Überschriften und Unterzeilen zur Abnahme vorlegen. Man wollte die Kontrolle darüber behalten, wie über Gedeck berichtet werden würde, flog aber mit dem Gebaren berechtigterweise auf.  

Showbusiness auf dem Rasen
Dass Fußball auch in Deutschland kein öffentliches Gut ist, müssen zunehmend Sportjournalisten lernen. Fußball ist ein Show-Geschäft, es geht schon lange nicht mehr nur darum, das Runde ins Eckige zu kicken. Es geht um hohe Geldbeträge, Sponsoren-Verträge und Werbeeinnahmen. Kaum ein Spieler, der nicht auch von seiner Bekanntheit, von seinem Image lebt

Auch wenn manche Journalisten sich darüber aufregen, dass von einigen Trainings beim FC Bayern München der Verein nun selbst Bildmaterial den Medien kostenfrei anbietet: Letztendlich ist das Mannschaftstraining eine vereinsinterne Veranstaltung. „Insbesondere die Trainingseinheiten zwei Tage vor wichtigen Spielen sind nicht öffentlich. Das war aber schon immer so“, so Markus Hörwick, Pressechef beim FCB. „Schließlich müssen der Trainer und die Spieler sich auch mal ungestört vorbereiten können.“ Der Bayerische Journalisten Verband (BJV) unterstellt dem Verein hier eine „hauseigene Hofberichterstattung“ – aber das ficht Hörwick nicht an. Früher habe es von diesen Trainings gar kein Material gegeben, erst jetzt habe der Verein einen Fotografen oder einen Kameramann vor Ort. „Wenn da jetzt etwas passiert, sich beispielsweise ein Fußballer verletzt, können wir dazu den Medien Bildmaterial liefern. Eigentlich finden das alle gut.“ Außerdem: Ist es zu viel verlangt, wenn die Mannschaft und ihr Trainer, die sowieso unter hohem öffentlichen Druck stehen, zumindest zum Teil eine ungestörte Arbeitsatmosphäre einfordern?

Aber es gab auch noch andere Neuerungen im Umgang mit der Presse. Der ehemalige Bundestrainer und jetzige FC-Bayern-Coach, Jürgen Klinsmann, war noch nie ein Freund der allgegenwärtigen Presse. Seit „Klinsi“ das Team der Fußball-AG trainiert, dürfen Fotografen bei Pressekonferenzen nur die ersten drei Minuten auf den Auslöser drücken. Als sei das eine Beschneidung der Pressefreiheit, verließen etwa zwei Dutzend Fotografen bei der ersten Klinsmann-PK entrüstet den Pressekonferenzbereich in der Münchner Allianz-Arena.

Hörwick sieht diese Restriktionen als Reaktion auf das rasch anwachsende Medienumfeld. „Während wir vor fünf Jahren vielleicht drei bis vier Fernsehteams am Tag bei uns im Haus hatten, sind es mittlerweile zwölf bis 15, die wir bei uns jeden Tag empfangen“, berichtet er. „Irgendwann mussten wir Regularien einführen und den Zugang begrenzen. Ganz einfach aus Kapazitätsgründen.“ Hörwick weist darauf hin, dass die täglichen Pressekonferenzen des FC Bayern München nach der Bundespressekonferenz die am besten besuchten sind. Zu den Print-Leuten und Rundfunk-Teams kämen heute zahlreiche Online-Medien hinzu. Das mache die Zusammenarbeit mit den Medien auch anonymer, erkennt der FCB-Sprecher.

Um des Ansturms einigermaßen Herr zu werden, hat Hörwick – im Gegensatz zu früher – TV- Journalisten  von den Printkollegen getrennt. Zum Vorteil für beide Seiten: „Spieler können mit Zeitungsleuten heute entspannter und auch mal ironischer plaudern, als wenn zig TV-Kameras mitlaufen. Andererseits sind die TV-Journalisten zufrieden, weil Ihre O-Töne nicht sofort nach 20 Minuten auf zahlreichen Online-Plattformen auftauchen.“

Zu den Vorwürfen seitens der Journalistenverbände, der FCB würde die Pressefreiheit durch die Neuerungen untergraben, kontert Hörwick, dass er bei einigen Medien auch ein wenig die „Presseverantwortung“ vermisst. Er sehe aber natürlich auch, dass, wenn ein Verein etwa fertige Interviews mit Spielern anbietet, das Material nicht geschönt sein darf und zusätzlich eigene Interviews zugelassen werden müssen.

Drei Minuten vor der Bühne
Die Musikbranche hat sich schon länger dazu entschlossen, Pressevertreter in ihre Schranken zu weisen. Denn die Fotografen im Graben vor den Konzertbühnen haben nicht nur positive Bilder von den Stars geschossen. Das schmerzt so manches Management – etwa bei Robbie Williams, Kylie Minogue oder der Rolling Stones, um nur einige Stars zu nennen, bei denen Fotografen nicht ablichten dürfen, was sie möchten. Und Musikstars haben durchaus schlechte Erfahrungen mit der Presse, vor allem mit Fotografen gemacht, die ihnen selbst im Privatleben auflauern. Kein Wunder, dass das Management der Künstler ein Auge darauf haben will, was über den Schützling verbreitet wird und welche Fotos gemacht werden.

Die Fotografen- und Presseverbände können sich darüber aufregen – und mancher Protest hat durchaus seine Berechtigung, wenn man bedenkt, dass gerade die Presse ihnen die Popularität bietet, von der sie leben. Aber bei Konzertveranstaltungen ist die rechtliche Frage klar: Ein Konzert in einer Halle ist nun mal keine öffentliche Veranstaltung. Vielmehr ist es so, dass der Konzertveranstalter die Halle oder die Arena für das Musik-Event anmietet und er somit über das Hausrecht verfügt. Entsprechend kann er auch bestimmen, wer was wann und wie oft fotografiert. „Wir nutzen natürlich diese Möglichkeit“, sagt ein PR-Manager aus der Musikszene. „Denn ansonsten haben wir überhaupt keine Kontrolle mehr, was für Bilder von einem Star existieren. Und aus Erfahrung wissen wir, dass dann die ungünstigen Schnappschüsse hervorgeholt werden, wenn sich die Stimmung gegen einen Künstler dreht.“ Außerdem gilt es, den Rohstoff „Starportrait“ knapp zu halten. Schließlich lebt eine ganze Branche davon, Merchandise-Artikel mit dem Konterfei der Künstler zu verkaufen.

Die Akkreditierungsbestimmungen bei der anstehenden Berlinale sind relativ streng. Journalisten sollten bei ihrer Anmeldung zu dem Film-Event außer den üblichen Angaben wie Redaktionsauftrag und Verbreitung des Mediums auch ihre Veröffentlichungen aus dem Vorjahr zur Verfügung stellen und darlegen, in welchen Unfang die Redaktion zu der kommenden Berlinale berichten möchte. „Es ist völlig unrealistisch, dass Redaktionen Monate im Vorfeld vor dem Ereignis diese Angaben machen können“, ließ der DJV fast reflexartig per Pressemitteilung verlautbaren. „Hier liegt außerdem der Verdacht nahe, dass die Reichweite des Mediums über die Akkreditierung des Journalisten entscheiden könnte.“

Ansturm auf die Berlinale
Berlinale-Pressechefin Frauke Greiner hat die Kritik des DJV überrascht. „Mich haben Journalisten angerufen, die besorgt gefragt haben, ob wir unsere Bedingungen geändert hätten“, berichtet sie. Die Anrufer konnte sie jedoch  beruhigen, denn die kritisierten Akkreditierungs-Bestimmungen bestehen so seit 2001. Sie versichert außerdem, dass nicht nach Auflage sortiert würde. Allerdings gibt sie zu bedenken, dass die Berlinale während des Festivals etwa 4.000 Journalisten betreut. „Das ist ein riesiger Organisationsaufwand.“ Daher sei es für sie wichtig, zu wissen, welche Ansprüche die Presse habe. Greiner möchte gerne im Groben wissen, was die Redaktionen planen. Insbesondere bei den Vertretern des Rundfunks sei das wichtig. Damit die PR-Frau weiß, was sie wann für welche Fernsehteams vorbereiten muss, braucht sie beispielsweise Informationen darüber, welche Sendeformate bei einem TV-Sender im Fokus stehen – und das möglichst frühzeitig. „Sollten Live-Berichte verschiedener Sender zur gleichen Zeit geplant sein, müssen wir uns rechtzeitig um deren SNG-Standplätze kümmern“, sagt Greiner. Und im Übrigen: „Wir akkreditieren selbstverständlich auch Journalisten, die noch nichts über uns veröffentlicht haben oder noch gar nicht so lange im Geschäft sind.“ Auf die Befürchtung, dass allzu kritische Presseleute aufgrund ihrer Berichterststattung, die sie zur Akkreditierung vorlegen müssen, nicht mehr zugelassen werden, reagiert sie gelassen: „Wir suchen nicht nach Tonalität aus“, versichert Greiner. Eher sei der Nachweis einer Berichterstattung entscheidend. „Wenn sich ein Journalist in der Vergangenheit schon akkreditiert hatte, aber zur Berlinale nichts veröffentlicht hat, bevorzugen wir eher einen Neuling.“ Der Umfang der Presseakkreditierungen müsse auf die Festivallogistik abgestimmt sein, um den Journalisten vor Ort professionelle Arbeitsbedingungen garantieren zu können. Angesichts des riesigen Ansturms auf das Festival könne nicht unbedingt allen Akkreditierungsanfragen entsprochen werden.

Daran wird auch der DJV nichts ändern können. Aber er kann Redakteure, wie die beim Hamburger Stadtmagazin, unterstützen. Denn wer schon berichten darf, sollte das frei tun können.
 

Newsletter

Sie wollen immer auf dem Laufenden sein?

Magazin & Werkstatt