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News / Die unterschätzte Großmacht
23.05.2011   News
Die unterschätzte Großmacht
 
Der DOSB vertritt die Interessen von offiziell 27 Millionen Menschen in Deutschland. Während die Politik das Potenzial des Verbands erkannt hat, muss mancher Bürger noch über dessen Aufgaben informiert werden. Ein Porträt von Matthias Heining

Sport ist das größte Massenphänomen: Millionen zieht der körperliche Wettstreit auf höchstem Niveau regelmäßig in seinen Bann – auf den Tribünen der Sportarenen ebenso wie in den Fernsehsesseln. Weit mehr messen sich jedoch selbst als aktive Sportler. In Deutschlands 91.000 Sportvereinen sind mehr als 27 Millionen Menschen organisiert. Und: Sport ist ein enormer Wirtschaftsfaktor, in dessen Umfeld Milliarden generiert werden und der Hunderttausenden Arbeit bietet. In Deutschland vertritt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die Interessen des organisierten Sports.
Wer das Akronym DOSB hört, denkt oft zunächst an Bewerbungen um Olympische Spiele, eventuell noch an Statements und Entscheidungen zum Thema Doping und vielleicht auch an das Deutsche Sportabzeichen. Tatsächlich sieht sich der DOSB heute als moderne „Beratungs- und Servicestation“ seiner Mitglieder einschließlich aller gesellschaftspolitischen Bezüge des Sports. Die Professionalisierung und Vernetzung von Organisation und Kommunikation des Dachverbandes orientiert sich laut DOSB-Präsident Thomas Bach an erfolgreichen Führungsmodellen aus der Wirtschaft. Wer den DOSB auf reine Sportfragen – egal ob in der Spitze oder in der Breite – reduziert, unterschätzt ihn. Der DOSB ist eine gesellschaftliche Großmacht, denn er ist Repräsentant der größten deutschen Bürgerbewegung – jeder Dritte ist in einem Sportverein aktiv.
Eine Gewichtung zwischen Breiten- und Spitzensport, die beide vom DOSB vertreten werden, gibt es nicht. „Ohne Breite keine Spitze – und umgekehrt“ ist der Leitsatz. Die Mehrzahl der Männer und Frauen, Jungen und Alten, Dicken und Dünnen, Aktiven und Ehrenamtlichen ist jedoch breitensportlich engagiert. Das spiegelt sich auch in der Vielfalt unter dem Dach des DOSB wider. Insgesamt 98 organisatorisch, finanziell und fachlich selbstständige Mitgliedsorganisationen zählt der DOSB. Neben den 16 Landessportbünden sind dies 34 olympische Spitzenverbände mit Schwergewichten wie Deutscher Fußballbund und Deutscher Turner-Bund. Daneben stehen 28 nicht-olympische Spitzenverbände von American Football und Alpenverein bis zu den Sportfischern und -tauchern. Hinzu kommen noch 20 Spitzenverbände mit besonderen Aufgaben wie etwa Sportärztebund und Sportlehrerverband. Da alle zusammen rund 27 Millionen Mitglieder repräsentieren, bezeichnet der DOSB sich gern als größte Personenvereinigung Deutschlands. Die jährliche Wertschöpfung der Arbeit, die rund 8,8 Millionen Ehrenamtliche in ihren Vereinen leisten, wird mit 6,7 Milliarden Euro beziffert.

Gutes Team: Politik und Sportverbände
Der DOSB ist noch relativ jung. Erst im Mai 2006 war der nationale Dachverband des organisierten Sports als Fusion von Deutschem Sportbund (DSB) und Nationalem Olympischen Komitee für Deutschland (NOK) in der Frankfurter Paulskirche feierlich gegründet worden. Ziel dieses Zusammenschlusses war es, die Durchsetzungskraft der Inter-essen des Sports zu steigern. Heute hat der DOSB 130 hauptamtlich Beschäftige in der Frankfurter Geschäftsstelle, an deren Spitze Generaldirektor Michael Vesper steht. Die fachliche Arbeit wird in fünf Direktoriumsbereichen erledigt, darunter das Generaldirektoriat, in dem die Öffentlichkeitsarbeit, aber auch Internationales organisiert sind.
Das Ressort Politische Kommunikation bearbeitet das Feld des Sport-Lobbyings. In Berlin und Brüssel unterhält der DOSB dafür Büros. Wie die Politische Kommunikation ist auch das Ressort Medien- und Öffentlichkeitsarbeit dem Generaldirektor direkt zugeordnet. Christian Klaue, Leiter des Ressorts und DOSB-Pressesprecher, erläutert, dass der DOSB in zahlreichen Projekten und Kampagnen mit Bundesministerien zusammenarbeite. Mit 13 von 14, um genau zu sein. Klaue: „Mal geht die Initiative zu einem Thema von uns aus, aber ebenso oft fragen Ministerien an, ob wir nicht gemeinsam etwas machen könnten. Wir werden als gesellschaftliche Kraft wahrgenommen.“ Die Politik hat das Potenzial des Sports und die Macht seiner Spitzenverbände also längst erkannt.
So begleiten Klaue und sein zehnköpfiges Team medial ständig aktuelle Projekte, die vom Sport in andere politische und gesellschaftliche Bereiche hineinreichen. Sei es die Vorstellung einer Bildungs-card, mit der Bundesarbeitsministerium, Bundesagentur für Arbeit und DOSB Kindern aus „Hartz-IV-Familien“ den Zugang zu Sportvereinen ermög-lichen wollen. Seien es Preisverleihungen mit dem Bundesumweltministerium im Wettbewerb „Klimaschutz im Sportverein“. Sei es das schon länger laufende Netzwerkprojekt „Bewegung und Gesundheit – mehr Migrantinnen in den Sport“, das vom Bundesgesundheitsministerium in die Förderung aufgenommen wurde. Oder seien es die Dauerthemen Rassismus und Rechtsextremismus, bei denen der DOSB sich jüngst gemeinsam mit Bundesinnenministerium und Bundesfamilienministerium in der Aktion „Foul von Rechtsaußen“ einmal mehr klar positioniert hat.

Sich einbringen, wo immer es sinnvoll ist
Familie, Jugend, Senioren, demografischer Wandel, Integration, Gleichstellung von Frauen, Gesundheit, Bildung, Umwelt, Strukturfragen und ehrenamtliches Engagement sind die politischen Themen, in denen der DOSB die Interessen seiner Mitglieder gegenüber Bund, Ländern, Gemeinden sowie anderen gesellschaftlich relevanten Gruppen vertritt. Praktisch geschieht dies meistens in den Fachgremien der Institutionen, über informelle Kontakte und durch entsprechende mediale Begleitung. „Wir bringen uns ein, wo immer der Sportbezug dies rechtfertigt“, sagt DOSB-Pressesprecher Klaue.
Sein Ressort Medien- und Öffentlichkeitsarbeit ist in erster Linie für die redaktionelle Betreuung der zahlreichen DOSB-Publikationen zuständig. Dies sind außer dem wöchentlich erscheinenden Pressedienst „DOSB-Presse“, Zeitschriften wie „Faktor Sport“, die umfangreiche Internetpräsenz und Beiträge in den Social Media. Daneben werden Pressekonferenzen und Präsentationen für alle Ressorts durchgeführt. „Wir arbeiten wenig mit externen Dienstleistern und Agenturen“, sagt Klaue. Nur für den Pressedienst und die Printmedien schrieben häufig auch Freelancer. Und für Großveranstaltungen wie etwa die „Sportabzeichen-Tour“ oder die „Sterne des Sports“, eine Auszeichnung für soziales Engagement der Sportvereine, würden ebenfalls Event-Agenturen eingebunden. Zu den Aufgaben gehört auch die Vorbereitung der Außenauftritte des DOSB-Präsidenten. Dem gehe meist ein reger Prozess zwischen Generaldirektor, Präsidium und der Stabsstelle voraus, sagt Ressortleiter Klaue. In den meisten Themen stecke Thomas Bach jedoch so tief, dass ihm einige Stichworte genügten, so Klaue, der auch Sprecher des DOSB-Präsidenten ist.

Finanzierung als große Herausforderung
Zu den größten Herausforderungen, die sich in der DOSB-Kommunikation regelmäßig widerspiegeln, zählen die Finanzen – die eigenen, die der Mitglieder und die der Vereine. Der DOSB bestritt 2010 seinen 40-Millionen-Euro-Haushalt aus Mitgliederbeiträgen, Lotterieeinnahmen und Vermarktungs-lizenzen. Für einzelne Projekte fließen zusätzlich Bundesmittel. Den Spitzensport bezahlen die Fachverbände aus dem Bundesetat. Die Finanzierung des Breitensportes ist außer von Mitgliedsbeiträgen stark von klammen kommunalen Haushalten und sinkenden Lotterieüberschüssen abhängig.
Seine Vermarktung des Sports hat der DOSB über zwei Agenturen organisiert: Die Deutsche Sport Marketing, eine Wirtschaftstochter der Stiftung Deutscher Sport, die wiederum eine Stiftung des DOSB ist, vermarktet über verschiedene Partner-Programme das Thema Olympische Spiele und das Signet der fünf Ringe. Die Burda Sports Group erhielt die exklusiven Vermarktungsrechte für den Breitensport. Das schließt Programme wie etwa das „Deutsche Sportabzeichen“, „richtig fit ab 50“ oder „Mission Olympic“ sowie das Qualitätssiegel „Empfohlen vom DOSB“ ein.
Auch mit dem Deutschen Sportausweis geht der DOSB gemeinsam mit seinen Mitgliedsorganisationen und Vereinen neue Wege. Mit der Karte kommt erstmals der einheitliche Mitgliedsausweis für alle 91.000 deutschen Sportvereine und ihre Mitglieder. Die Startphase ist vielversprechend: Seit der Erstausgabe im Oktober 2008 erreichte der Sportausweis bereits rund 1,7 Millionen Sportler, weitere 1,6 Millionen Ausweise sind derzeit im Anmelde- und Produktionsprozess. Unter Datenschützern gilt der hohe Sicherheitsstandard als vorbildlich. In das Ausweis-System ist eine wachsende Zahl von Wirtschaftspartnern eingebunden, die den Ausweisin-habern Rabatte, Service- und Vorteilsfunktionen anbieten. Der Ausweis soll die Identifikation mit Verein und Verband erhöhen, zugleich erhalten Mitglieder Zugang zur Online-Commmunity sportausweis.de, einer für den organisierten Sport und die Vereine kostenlosen Möglichkeit des Mitglieder-Managements. Eine interne Online-Datenbank hilft den Vereinen bei der effizienten Vereinsverwaltung. Weitere Serviceangebote für die Vereine sind beispielsweise die Möglichkeit der Zugangskontrolle zur Sportanlage und Veranstaltungen oder die Nutzung als Spieler- und Wettkampfpass.
Herausgeberin der Sportausweis-Karten und Betreiberin des Systems ist die Deutsche Sportausweis GmbH. Der Deutsche Sportausweis bietet für Franz Anton, Leiter der Sportorganisation des Unternehmens, vor allem den Landessportbünden und -verbänden „eine nationale Fläche, die sie bisher nicht hatten“. Das System greife das Leitbild des Sports von der Einheit in der Vielfalt auf und binde die Mitglieder noch stärker an ihre Vereine und Verbände. Zugleich könnten potente Partner generiert werden, ohne in die Hoheit der Vereine einzugreifen. Laut Anton sind bereits in allen Bundesländern Vereinsmitglieder in allen Sportarten mit dem neuen Ausweis ausgestattet. Gleichwohl will Anton mit seinem Team das Thema auch weiterhin offensiv in die Regionen tragen, um das System des Deutschen Sportausweises weiter zu stärken.
Eine andere Dimension hat der Vorstoß des DOSB zum Thema Glücksspiel: Der Dachverband legte dazu einen eigenen Entwurf für einen neuen Staatsvertrag vor, nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) im September 2010 das deutsche Monopol für Lotterien und andere Glücksspiele gekippt hatte. Die Luxemburger Richter sahen die Bekämpfung der Spielsucht als Begründung des staatlichen Wettmonopols in Deutschland nicht in kohärenter Weise umgesetzt. Während Betriebe mit hohem Suchtpotenzial wie etwa Spielautomaten-Hallen fast ungehindert ihre Geschäfte machen könnten, werde der Markt gegen private Sportwettanbieter abgeschottet. Bei den Sportverbänden schrillten die Alarmglocken, denn die Finanzierung des Sports ist stark von Einnahmen aus dem Glücksspiel abhängig.

Ringen um die Winterspiele 2018
Der DOSB-Entwurf sieht vor, das Staatsmonopol für Lotterien, zu denen auch die Oddset-Sportwette zählt, beizubehalten – jedoch nicht mehr mit der Suchtprävention begründet, sondern mit dem Schutz vor Manipulationen. Für private Anbieter von Sportwetten soll der Markt unter staatlicher Konzessionsvergabe geöffnet werden. Eine prozentuale Beteiligung am Umsatz soll einen finanziellen Beitrag für das Gemeinwohl – also auch den Breitensport – leisten. Auf eine solche Marktöffnung dringt der Profisport, besonders der Fußball, schon lange. Sponsoring-Millionen aus diesem Segment fließen an Deutschland vorbei in Nachbarländer. Zugleich, so DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, gehen gut 95 Prozent der Sportwett-Einsätze aus Deutschland am hiesigen Monopol vorbei, weil sie bei Anbietern im Ausland platziert würden. Dieser „Schwarzmarkt“-Anteil soll zurückgeholt werden, damit auch der Breitensport in Deutschland durch Konzessionsabgaben profitiert. Bislang fließen dem Breitensport aus dem staatlichen Lotto- und Wettmonopol rund 500 Millionen Euro im Jahr zu – bei sinkenden Umsätzen jedoch mit fallender Tendenz.
Das größte Thema des DOSB ist derweil ein an-deres: München 2018. „Die Bewerbung für die 23. Olympischen Winterspiele ist momentan das größte Projekt des DOSB“, sagt DOSB-Sprecher Klaue. Zwar liegt die Kommunikation des Vorhabens federführend bei der Bewerbungsgesellschaft München 2018, weil aber der DOSB auch hier 51 Prozent hält, findet ein täglicher Austausch statt. Etliche Medienpartner wie das Münchner Sportnachrichtenportal SPOX.com, der Hamburger Onlinevermarkter freeXmedia, die SPORT1 GmbH und die Constantin Sport Marketing GmbH sind ebenso in die Bewerbung eingebunden wie acht Münchner Event-Agenturen, die das Großprojekt gemeinsam unter dem Namen „Eventpool 2018“ für die breite Öffentlichkeit begleiten.
Falls sich die bayrische Landeshauptstadt bei der Entscheidung am 6. Juli gegen die Konkurrenz aus Pyeongchang (Südkorea) und Annecy (Frankreich) durchsetzt, „werden die nächsten Jahre für uns ganz anders ablaufen“, ist sich Klaue mit Blick auf sein Ressort sicher. Doch bis dahin muss München 2018 noch kräftig die Werbetrommel rühren. Denn während sich die Bewohner von Garmisch-Patenkirchen am 8. Mai in einem Bürgerentscheid mit 58 Prozent der Stimmen für die Olympiabewerbung aussprachen, sind laut Prüfungsbericht des IOC nur 60 Prozent der Münchner und 56 Prozent aller Deutschen für Olympische Spiele.

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