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22.03.2011   News
Helfende Hände
 
Baustelle statt Büro, Suppenkelle statt Smartphone. Immer mehr Firmen erkennen die vielfältigen Vorteile von Corporate Volunteering und ermöglichen ihren Mitarbeitern freiwilliges gesellschaftliches Engagement. Von Petra Nickisch

Habitat for Humanity baut und saniert mit Unterstützung von Geldspenden und freiwilligen Helfern Häuser für bedürftige Familien rund um den Globus. In etwa 90 Ländern ist die internationale Non-Profit-Organisation aktiv. Katrin Kaufmann, Fundraiserin und zuständig für den Bereich Unternehmensbaureisen, spürt ein wachsendes Interesse der deutschen Unternehmen, sich zu engagieren. „Haiti hat einen großen Schub gegeben“, sagt sie. Den Firmen, die ein im Schnitt 20-köpfiges Hilfsteam für einige Tage nach Polen, Ungarn oder gar Ägypten entsenden möchten, macht es Habitat for Humanity leicht. Die Organisation übernimmt die komplette Beratung, veranstaltet vor der Reise ein bis zwei Infoveranstaltungen, um die Gruppe mit Fotos und Vorträgen auf die Baustelle, die Tätigkeiten und die Gegebenheiten im Land vorzubereiten, und sie stellt einen deutschen Teamleiter, der die Helfer auf ihrer Reise begleitet. Vor Ort warten ein Baustellenleiter, freiwillige Koordinatoren, die sich um die angereisten Helfer kümmern und bei Bedarf übersetzen können, sowie die zukünftigen Hausbesitzer samt zupackender Nachbarn. Meistens erleben die Helfer eine bestimmte Bauphase, manchmal wird sogar innerhalb einer Woche ein komplettes Haus fertiggestellt, wie in Rumänien, oder innerhalb von zwei Tagen ein Wohnblock in Warschau renoviert. Die Teams können sich in unterschiedlicher Weise einbringen. Was konkret passiert, besprechen sie vorab mit erfahrenen Partnern (Habitat for Humanity wurde 1976 in den USA gegründet), sodass der Einsatz optimal auf die Gruppengröße und die Intention des Unternehmens angepasst ist.

Hilfe braucht kein hohes Budget
Teilnehmen kann jeder Mitarbeiter, unabhängig von seiner Ausbildung. Einzige Voraussetzung ist eine Spende von 1.000 Euro pro Teilnehmer, die entweder das Unternehmen leistet oder von den Mitarbeitern im Vorfeld der Reise in Eigeninitiative gesammelt wird. Kosten für Flug, Versicherung, Verpflegung und Unterkunft kommen hinzu. „Wäre es nicht sinniger, das viele Geld, das für die Reise aufgebracht werden muss, direkt zu überweisen?“, fragt sich das Team der Rechtsanwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer in seinem Reisebericht auf der Habitat-for-Humanity-Webseite selbst. Und kommt schnell zu dem Schluss, dass es bei seinem Einsatz um weitaus mehr ging als um Geld. Es ging um Anerkennung. Im Rückblick ist das Team davon überzeugt, dass ihre Gastgeber in Ghana es durchaus zu schätzen wussten, dass die Deutschen insgesamt 10.000 Kilometer reisten, um beim Bau der dringend benötigten Häuser zu helfen – und dabei über den Tellerrand blickten.
Grundsätzlich ist es nicht nötig, ein hohes Budget mitzubringen, um im Namen einer Firma gesellschaftliches Engagement zu zeigen. Wenn in einer mittelständischen Firma 500 Euro für die Renovierung eines Kindergartenraums zur Verfügung gestellt werden und vier Mitarbeiter an einem Urlaubstag zum Tapezier- und Streichmanöver ausrücken, ist das ebenso wertvoll für die Teambildung und das gute Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben, wie bei einem groß angelegten Projekt oder einer Hilfeleistung, in die man statt Geld seine Zeit und sein Wissen investiert. In allen Fällen können die Beteiligten neue Fähigkeiten an sich selbst und den Kollegen entdecken, während sich das Unternehmen in der Region zugleich von seiner sozialen Seite zeigt.
Die Agentur Klenk & Hoursch Corporate Communications unterstützt seit 2007 die Frankfurter Kinderhilfestiftung. Zu Beginn betreute ein junges Team die Medienarbeit zum 25-jährigen Jubiläum der Stiftung, daraus entwickelte sich eine langfristige Zusammenarbeit, die durchschnittlich ein Drittel der 32 Mitarbeiter von Klenk & Hoursch unterstützt. In den vergangenen vier Jahren wurden dabei 1.200 ehrenamtliche Arbeitsstunden geleistet, gemessen vom Zeiterfassungssystem der Agentur. Auch Georg Lahme, Director und Leiter Responsibility und Sustainability bei Klenk & Hoursch, bringt sein Kommunikationswissen zum Wohle der Stiftung ein. Mittlerweile engagiert er sich nach Feierabend als Mitglied im Beirat. Seine und alle weiteren Kunden der Frankfurter Agentur können von den persönlichen Corporate-Volunteering-Erfahrungen der Berater nur profitieren. Der Getränkeriese Coca-Cola zählt dazu wie auch der Energiekonzern RWE. Beide setzen bereits beispielgebende Corporate-Volunteering-Programme um.

Vielfalt fördert das Engagement
Im Jahr 2008 führte die Coca-Cola GmbH in Berlin ihre Geburtstagsengel ein. „Jeder Mitarbeiter bekommt zum Geburtstag einen freien Tag für sein bürgerschaftliches Engagement geschenkt“, sagt Uwe Kleinert, Leiter Nachhaltigkeit und Verantwortung, das Konzept. „Wir arbeiten mit Gute-Tat.de zusammen. Gemeinsam wählen wir Projekte in der Region aus, bei denen Bedarf besteht und die zu unserem Profil passen.“ Häufig lege eine Abteilung ihre Geburtstagsengel zusammen und ziehe als Team los. 2009 steigerte sich das Engagement von Coca-Cola zu einer „Aktionswoche Nachhaltigkeit“, an der sich die Mitarbeiter aller 70 Standorte in Deutschland beteiligen konnten. 500 Mitarbeiter vom Abfüller bis zur Geschäftsführerin machten mit, allein in Berlin meldeten sich 200 Mitarbeiter, um ein Waldgebiet im Raum Tegel aufzuräumen. 2010 wurde aus der Aktionswoche gleich ein Nachhaltigkeitsmonat, der sich in mehr als 30 Projekte von der Spielplatzrenovierung bis hin zur Mithilfe bei den Tafeln gliederte.
34,3 Prozent der über 16-jährigen Deutschen engagieren sich ehrenamtlich, rechnet die Studie „Engagementatlas 2009“ der AMB Generali Holding AG vor. 2007 fand eine Studie des Düsseldorfer Marktforschungsinstituts Innofact AG mit der RWE Energy AG heraus, dass knapp 40 Prozent der deutschen Arbeitnehmer ehrenamtlich tätig sind und sich mehr als die Hälfte der Angestellten erkennbar (etwa durch das Tragen eines Kleidungsstücks mit Firmenlogo) im Namen seiner Arbeitgeber engagiert.
Das Energieunternehmen RWE kann in dieser Hinsicht bereits beachtliche Erfolge vorweisen. Seit 2007 existiert die Initiative „RWE Companius“. In dieser Dachorganisation, die sich über eine Plattform mit mehr als 5.000 registrierten Community-Mitgliedern im Netz präsentiert, bündelt der Konzern das gesellschaftliche Engagement seiner Mitarbeiter und schließt dabei auch externe Freiwillige nicht aus. Im Gegenteil, ihre Vorschläge sind erwünscht und können per Download-Formular eingereicht werden. Die Organisation sucht daraufhin intern nach Projektpaten, denn nur den RWE-Mitarbeitern ist es möglich, eine finanzielle Förderung zu beantragen. Von den 500 bis 2.000 Euro pro Projekt konnten in der Vergangenheit obdachlose Menschen und sozial benachteiligte Jugendliche profitieren, aber auch verschiedene Vogel- und Insektenarten, denen ein Team mit Unterstützung des NABU eine Hecke als Rückzugsort pflanzte.
Mehr als 13.000 in- und externe Freiwillige haben sich seit dem Start von RWE Companius an rund 5.250 ehrenamtlichen Einsätzen beteiligt. Sie wurden mit 6,34 Millionen Euro gefördert. Das Geld floss vornehmlich in Projekte für Soziales (32 Prozent), Bildung und Erziehung (28 Prozent) und Sport (27 Prozent), gefolgt von Kultur, Natur- und Umweltschutz sowie Energie.
Der Ansatz, eine größtmögliche Vielfalt für den freiwilligen Einsatz anzubieten, erscheint richtig. Denn er erleichtert, Experten zufolge, Mitarbeitern den Einstieg in ihre Freiwilligentätigkeit ebenso sehr wie eine variable Zeitgestaltung. Die Möglichkeiten reichen vom regelmäßigen Stundeneinsatz bei langfristig angelegten Projekten über einzelne Tageseinsätze bis hin zur Freistellung von Mitarbeitern, die bis zu einem Jahr oder länger dauern kann. Der Kern jedes erfolgreichen Corporate-Volunteering- Programms ist aber der ernsthafte Wille zum Engagement, der sich durch die Unterstützung aus der Führungsebene und das aktive Einbringen der Mitarbeiter ausdrückt.

Geschärfte Arbeitgeberprofile
Ein nicht unwichtiger Punkt, der bei sinkender Anzahl qualifizierter Nachwuchskräfte immer interessanter wird und den auch das Institut für Management der Humboldt-Universität zu Berlin und die CSR-Agentur Scholz & Friends Reputation (in Zusammenarbeit mit der „Financial Times Deutschland“) im Jahr 2008 in einer Studie herausgearbeitet haben: „Corporate Volunteering schärft Arbeitgeberprofile.“ Die Studie mit dem Namen „Corporate Volunteering als Recruiting-Maßnahme für Spitzenkräfte in Deutschland“ führt auf, wie sich Freistellungs-Programme, Pro-bono-Dienstleistungen oder 100-Stunden-Projekte positiv auf das Arbeitgeber-image auswirken, und stellt weiter fest: „Unternehmen nutzen diese Chance noch nicht.“

Freiwilliger Einsatz kennt keine Grenzen
Die einen sehen vielleicht in erster Linie zu große Hürden und Kosten auf sich zukommen, anderen fehlt die Zeit für umfangreiche Vorbesprechungen oder für die Recherche nach passenden Partnern oder einem geeigneten Projekt. Hier können Agenturen und Mittlerorganisationen ins Spiel kommen, die den direkten Weg weisen – zum Altersheim, das eine Vorleserin braucht, oder zum Naturschutzverein, der eine Streuobstwiese anlegen will.
Kommunikationsberatungen können Hilfestellungen bei den Vorbereitungen, der strategischen Ausrichtung und der Durchführung geben. Georg Lahme von Klenk & Hoursch empfiehlt Firmen, alle relevanten Abteilungen von Anfang an mit ins Boot zu holen: „Wenn der Betriebsrat und die Personalabteilung frühzeitig mit eingebunden sind, ist das optimal.“ Gemeinsam könnten dann die Geschäftsführung, die Kommunikationsabteilung und die Agentur das Konzept erarbeiten und je nach Bedarf etwa ein Toolkit entwickeln, mit dem die Mitarbeiter deutschlandweit Workshops in Jugendgruppen durchführen können oder ein Aktionstag geplant werden kann. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt.
Ein erster Schritt ist schon getan, wenn über die Webseite der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V. (bagfa) nach einem passenden Partner in der Region gesucht wird oder eine gemeinnützige Organisation wie Big Brothers Big Sisters Deutschland kontaktiert wird, die ehrenamtliche Mentoren für Kinder mit schlechten Startbedingungen vermittelt. Sehr gut auf Firmenkooperationen vorbereitet sind die Caritas Berlin und die Stiftung Gute-Tat.de. Beide haben Ansprechpartner für Unternehmen und koordinieren deren Einsätze – im von der EU-Kommission ausgerufenen „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011“ vielleicht mehr denn je.
 

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