Please wait...
News / Wucht und Grenzen der neuen Facebookratie
Sebastian Vesper
22.03.2011   News
Wucht und Grenzen der neuen Facebookratie
 
Karl-Theodor zu Guttenberg – bald vergessen? War Deutschland nicht volle drei Wochen lang fasziniert von dem Spektakel? Kann man vom (vorläufigen?!) politischen Ende eines gut aussehenden Adligen nicht ganz, ganz viel über Kommunikation lernen? Dies jedenfalls entspräche dem üblichen Reflex im PR-Gewerbe: Man greife ein großes Thema aus den Nachrichten auf und erkläre der Welt daran süffisant, wie wichtig gute Kommunikation ist. Besser wäre, die PR-Zunft zöge ihre Schlüsse – wobei es nicht ganz trivial ist, im Dreieck von Politik, Journalismus und Social Media zu unterscheiden, welche Effekte substanziell neu waren und welche nicht.
Die Plagiatsaffäre hatte zweifellos alle Zutaten, die eine ordentliche Krise braucht. Bis Facebook den schon „gerettet“ geglaubten Minister zu Fall brachte, entsprach der Krisenverlauf exakt einer Dramaturgie, die PR-Lehrbücher seit Jahrzehnten vorsehen: abtun, in mehreren Stufen zurückrudern, aufgeben. Der Journalist Hans-Ulrich Jörges („stern“) teilt die Affäre präziser und sehr plausibel in vier Phasen ein; die weitere Aufarbeitung (darunter hoffentlich viele „echte“ wissenschaftliche Arbeiten!) wird ähnliche Raster finden.

Und, schwupps, ging’s auf die Meta-Ebene ...
Wie alle größeren Skandale vernebelte auch diesmal eine penetrante Dauerberichterstattung den publizistischen Blick auf Wichtigeres (Nordafrika), und wie so häufig schwenkte die mediale „Debatte“, sobald es nichts Neues mehr in der Sache zu berichten gab, auf die Meta-Ebene: „Menschenjagd“ oder affirmative Kampagne der Springer-Presse oder beides? Auch die berühmte „Macht der Bilder“ war in der Causa Guttenberg sehr schön zu studieren: Die Ex-Lichtgestalt kriecht über die Bendlerblock-Treppe von der Bühne, die feixende Opposition wird beim Händereiben gefilmt, die Kanzlerin reicht ihr Handy in einem Youtube-Video an eine Mitarbeiterin weiter, und im letzten Akt intoniert die Militärkapelle „Smoke on the water“ im Fackelschein. Schließlich: Dass Personenkult unterm Strich nichts außer mehr Angriffsfläche bringt, wissen wir nicht erst seit Thomas Middelhoff. Obwohl die Fälle nicht vergleichbar sind, werden Kommunikationsverantwortliche künftig wohl noch vorsichtiger damit sein, „Typen“ zu inszenieren.

„Virtuelle“ Meinungsbildung im Wortsinne
Relativ neu an den KT-Festspielen war: Eine kleine Gruppe bringt die etablierte Welt zu Fall, die sich eigentlich aufgrund einer gefühlten und – offline – auch gemessenen positiven Stimmung im Volk sicher glauben durfte. Es waren Akademiker, Doktoranden, eine verschwindend kleine Gruppe in unserem kleinen Land, die den Minister zur Kapitulation zwangen, und zwar mit den Mitteln des (Social) Web. „Bild“ nahm eine Online-Umfrage vom Netz, als die Stimmung gegen KT zu kippen drohte, und das „Zeit Magazin“ staunte später über die neue „Facebookratie“ in Deutschland. Aber während diese politische Mobilisierung via Web zur selben Zeit in Ägypten und anderswo funktionierte, zeigten sich hierzulande deren Grenzen: Zwar war das Grundrauschen der KT-Fans auf Facebook auch nach dessen Rücktritt fulminant, aber als es vom Netz auf die Straße gehen sollte, als aus „Gefällt mir“-Klicks echte Transparente werden sollten, versandete der Aktionismus weitestgehend.
Es reichte trotzdem zum Sieg über Arroganz und Bagatellisierung, und in diesem Sinne bekommt „virtuelle Meinungsbildung“, im Wortsinne, eine neue Bedeutung. In ihrem zeitgeschichtlichen Kontext mag die KT-Story öffentlich überbewertet gewesen sein, aber sie bietet dem Kommunikationsprofi von allem etwas. Zu schade, um sie zu vergessen.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket in Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.

Magazin & Werkstatt