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22.03.2011   News
„Es herrscht hysterischer Aktionismus“
 
PR-Agenturchef Volker Klenk über die Reaktionen von Unternehmen auf Wikileaks-Enthüllungen und die zunehmende Erkenntnis, dass Transparenz zum Wettbewerbsvorteil wird.
Führt eine Enthüllungsplattform wie Wikileaks dazu, dass Unternehmen künftig offener kommunizieren – oder erst recht dicht machen?
Weder noch. Whistleblower gab es schon immer. Inzwischen gibt es viele verschiedene Plattformen im Internet, die Whistleblowing erleichtern. Aber deshalb wird kein Unternehmen seine Kommunikationsstrategie ändern.

Wie beurteilen Sie die Aktivitäten von Wikileaks?
Das Tun und Lassen von Wikileaks ist extrem ambivalent. Der Personenkult um Julian Assange bringt Aufmerksamkeit, schadet aber dem Anliegen. Die Entscheidungskriterien für Veröffentlichungen sind praktisch willkürlich. Die Entscheidungsprozesse undurchsichtig. Ich denke, Wikileaks wird auf Dauer an Bedeutung verlieren, wenn die Organisation weiterhin so intransparent bleibt.

Wikileaks sieht sich im Namen der Aufklärung unterwegs. Wo verläuft der Grat zwischen legitimiertem öffentlichen Interesse und unverantwortlichem Handeln?
Als Verbraucher und Bürger kann man applaudieren, wenn unethisches Verhalten wie Korruption von Firmen ans Licht kommt und dadurch Wettbewerbsverzerrungen verhindert werden. Unverantwortlich wird es, wenn Individuen durch Publikationen gefährdet werden.

Sind Unternehmen und Kommunikationsmanager durch die Wikileaks-Enthüllungen verunsichert? Was sind Ihre Erfahrungen und Beobachtungen?
Die Verunsicherung ist teilweise mit den Händen zu greifen. Schön für den Bereich IT-Security. Da herrscht jetzt vielfach hysterischer Aktionismus. Immer noch mehr Daten werden verschlüsselt und gesichert. Aber eben nur scheinbar sicherer. Denn gegen Whistleblowing hilft kein Verschlüsselungsalgorithmus, sondern nur eine Unternehmenskultur, die auf Vertrauen und Offenheit beruht.

Wikileaks hat die Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt, mit dem Sie sich seit Langem beschäftigen: transparentes Verhalten und Kommunizieren von Organisationen. Was hat sich hier in den vergangenen Jahren getan?
Transparenz ist zum Vorstandsthema geworden. Unternehmen wie Starbucks, Helios Kliniken oder Novo Nordisk haben Transparenz längst als einen Wettbewerbsvorteil erkannt. Offenheit und Aufrichtigkeit sind Teil des Risikomanagements. Das zahlt sich gleich in mehrfacher Hinsicht aus, denn diese Unternehmen sind dabei nicht nur am Markt erfolgreicher als ihre Wettbewerber, sondern auch im Arbeitsmarkt.

Ist die Sensibilität von Unternehmern und Managern für dieses Thema gestiegen?
Der Transparenzdruck auf viele Unternehmen ist natürlich spürbar. Doch nur wenige haben auf das neue, nicht selten aggressive Umfeld schlüssige Antworten und Strategien entwickelt. Sie verstehen nicht, wie sie diesen recht neuen und zunehmend offensiven Forderungen nach Transparenz begegnen sollen. Dadurch sinkt das Vertrauen in Unternehmen, Marken und Manager weiter.

Wie beeinflusst transparentes Handeln den unternehmerischen Erfolg?
Transparenz darf nie Selbstzweck sein. Vielmehr ist Transparenz ein entscheidendes Mittel, um Vertrauen aufzubauen. Ohne Vertrauen steigen die Transaktionskosten der Firmen. Und Vertrauen ist die Voraussetzung für eine positive Unternehmensreputation und Erfolg. Bislang steuern nur wenige Unternehmen diese Wirkungszusammenhänge strategisch.
Welche Unternehmen sind Ihnen diesbezüglich in jüngster Zeit besonders aufgefallen?
Es gibt einige Unternehmen, die von sich behaupten, ihr Erfolg sei dadurch zu erklären, dass sie besonders transparent agieren. Dazu gehören BASF und Adidas. Die Drogeriekette Schlecker galt lang als besonders intransparent, wenig vertrauenswürdig und unsympathisch. Die neue Unternehmergeneration möchte das jetzt ändern. Wenn es gelingt, durch verantwortungsvolles Handeln und freiwillige Transparenz wieder Vertrauen aufzubauen, den Ruf zu verbessern und wieder erfolgreicher zu werden, wäre das ein schöner Best-Practice-Fall in Deutschland für den Erfolgsfaktor Transparenz.
Interview: Roland Karle

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