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Manche PR-Agenturen sind mit einer „car policy“ umweltfreundlich unterwegs
17.03.2011   News
Reduzieren, dann freikaufen
 
Agenturen, die in Deutschland „klimaneutral“ arbeiten wollen, sollten zunächst die eigenen Emissionen minimieren und die richtigen Zertifikate erwerben. Von Hans-Dieter Sohn
„Positionieren Sie Ihr Unternehmen und Ihre Produkte als zeitgemäß und verbessern Sie so die rela- tive Glaubwürdigkeit Ihres Unternehmens im Wettbewerb“, lautet die Aufforderung der Kohlendioxid (CO₂)-Kompensationsdienstleister wie ClimatePartner, die Unternehmen oder Dienstleistungen „klimaneutral“ stellen. Doch deutsche Firmen hinken bei dieser Art des Klimaschutzes im internationalen Vergleich hinterher, hat eine im Dezember veröffentlichte Studie des Umweltbundesamtes festgestellt. CO₂-Zertifikatehändler setzen weltweit jährlich rund 100 Millionen Tonnen CO₂ um, davon aber nur maximal zwei Prozent in Deutschland. Viele Firmen kennen das Angebot nicht oder diskutieren es kontrovers, vermuten die Forscher.
Die Zahl der klimaneutralen PR-Agenturen steigt. Eins A, Harvard, Johanssen + Kretschmer, Press ’n’ Relations, PR!NT Communications Consultants und public imaging gehören bereits dazu. Die Idee dahinter: Für jede hierzulande verursachte Tonne CO₂ wird ein Projekt gefördert, das woanders möglichst kostengünstig die gleiche Menge an CO₂ einspart. Da es für das Klima egal ist, an welchem Ort die Treibhausgase reduziert werden, klingt die Idee verlockend – zumal mit der gleichen Investition in Entwicklungsländern meist größere Effekte als in Deutschland erzielt werden können. So die Theorie.
Doch die Kompensationsbranche kämpft mit ungelösten Problemen. So gibt es eine ganze Reihe von Dienstleistern, die das Siegel „klimaneutral“ verleihen. Unklar ist, was „klimaneutrale“ Firmen dafür getan haben und ob das innerhalb einer Branche vergleichbar ist. Das britische Normierungsinstitut BSI hat daher im vergangenen Sommer den Standard PAS 2060 veröffentlicht, der festlegt, was Firmen dafür tun müssen, um sich „CO₂-neutral“ nennen zu dürfen. Dazu gehören – bevor die restlichen Emissionen mit Hilfe von Zertifikaten kompensiert werden – unter anderem ein CO₂-Fußabdruck der Firma, ein CO₂-Management-Plan und Maßnahmen zur Verminderung der CO₂-Emissionen.


Nur kompensieren reicht nicht

Hierzulande ist der Prozess weniger formalisiert – was das CO₂-Kompensieren zu einem umstrittenen Instrument gemacht hat. Für viele ist Kompensieren Greenwashing und eine moderne Form des Ablasshandels: „Für uns ist es nicht akzeptabel, Emissionen nur zu kompensieren, ohne vorher CO₂ einzusparen“, warnt Juliette de Grandpré, Klimaexpertin der Umweltgruppe WWF. Vermeidung und Reduktion von Treibhausgasen müssen stets Vorrang haben vor der Kompensation, betont auch das Umweltbundesamt in seinem 2008 veröffentlichten „Leitfaden zur freiwilligen Kompensation von Treibhausgasen“.
An diese Reihenfolge gehalten hat sich Jens Voshage, Geschäftsführer der seit 2009 „ersten klimaneutralen Agentur Norddeutschlands“ Eins A aus Hannover. In Zusammenarbeit mit ClimatePartner hat die Agentur eine Klimabilanz erstellt und nach Einsparpotenzialen gesucht. „Doch da war gar nicht mehr so viel zu holen“, berichtet Voshage. Die Agentur hatte sich bereits in einem modernisierten Fachwerkhaus eingemietet, dessen Wärmebedarf deutlich unter dem aktuellen Neubaustandard liegt. Geheizt wird mit umweltfreundlicher Fernwärme, zudem wird das Gebäude energiesparend beleuchtet.
Bei Eins A kommen alle Mitarbeiter mit öffent- lichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zur Arbeit – dank der zentralen Lage der Agentur ist dies problemlos möglich. Die Agentur public imaging hat sich eine „car policy“ verpasst und achtet darauf, dass ihre Dienstfahrzeuge wenig CO₂ emittieren, berichtet Geschäftsführer Peter Ehlers.
Johanssen + Kretschmer hat 2008 errechnet, dass 41 Prozent des CO₂-Ausstoßes der Agentur durch Reisen der Mitarbeiter verursacht werden, wobei 36 Prozent auf Flüge und fünf auf Bahnfahrten entfallen. Daher versucht die Agentur, mit Hilfe von Internet und Telefon die Zahl der Dienstreisen zu minimieren. „Da Dienstreisen meist ineffizient genutzte Arbeitszeiten sind, profitieren auch unsere Kunden davon“, erläutert Geschäftsleitungsmitglied Hauke Brekenfeld. Noch größer ist nur der Anteil des Stroms, der im Berichtszeitraum bis 2008 mit 57 Prozent zu Buche schlug.
Bei Eins A war der Stromanteil ebenfalls hoch, daher hat ClimatePartner der Hannoverischen Agentur den Wechsel hin zu Ökostrom empfohlen. Die unvermeidlichen CO₂-Emissionen wurden ermittelt und dafür Zertifikate erworben. „Es ist erschreckend günstig, diese Zertifikate zu kaufen“, berichtet Voshage. Generell spielt aber der Preis nur eine untergeordnete Rolle beim Zertifikatekauf, hat die Studie des Umweltbundesamts ermittelt. Die meisten Nachfrager auf dem Markt richten sich nach der Qualität der Zertifikate, heißt es darin. Doch hier liegt ein weiteres Problem der Kompensationsbranche: Die Autoren der Studie attestieren dem Markt eine „breite Qualitätsspanne“.


Ranking der Standards fehlt

Die Angebote der Kompensationsdienstleister zu beurteilen ist nicht einfach, weil es auf dem freiwilligen Markt der CO₂-Kompensation noch kein anerkanntes Ranking der Qualitätsstandards gibt, an dem sich sowohl Anbieter als auch Nutzer von Kompensationsprojekten orientieren könnten.
Über alle Projekttypen hinweg hat sich in den vergangenen Jahren der vom WWF und anderen Umweltgruppen mit entwickelte Gold-Standard zum anerkanntesten Qualitätsmerkmal für Klimaschutzprojekte entwickelt. Er gilt als besonders streng und soll unter anderem garantieren, dass die finanzierten Projekte ergänzend zur nachhaltigen umweltschonenden Entwicklung der Region beitragen. Ihn nutzen laut Umweltbundesamt-Studie außer Arktik und ClimatePartner auch die Anbieter atmosfair, Climate Austria, Climate Company, CO₂OL, First Climate, Future Camp, go Climate, Greenmiles und myclimate.


Welcher Kompensationsanbieter passt?

Sowohl Eins A als auch Johanssen + Kretschmer haben vor oder während des Kompensierens den Anbieter gewechselt. „Unser erster Dienstleister hat nicht zu uns gepasst“, berichtet Eins A-Geschäftsführer Voshage, „er wollte bei uns ein umfassendes Stoffstrommanagement wie bei einem großen Industriekonzern einführen.“ Eins A entschied sich schließlich für Climate Partner, die bereits mit Press ’n’ Relations Branchenerfahrung gesammelt hatten. Johanssen + Kretschmer ist nach einem Tipp eines guten Kunden zur Forest Carbon Group gewechselt.
Generell gilt: Wer als Anbieter die Branche kennt, kann die Emissionen „realitätsnah“ berechnen. Es lohnt sich also, bei Kompensierern nach deren Branchenerfahrung zu fragen. Die Preismodelle der Anbieter sind unterschiedlich. Die meisten Anbieter werben mit „maßgeschneiderten Lösungen“. ClimatePartner bietet für die Berechnung des CO₂-Fußabdrucks eines Dienstleisters eine Pauschale an, die sich nach der Zahl der Mitarbeiter richtet.
Die Fachhochschule Eberswalde stufte in einer im August veröffentlichten Studie von 15 untersuchten Kompensationsanbietern lediglich atmosfair als „sehr gut“ sowie elf weitere als „gut“ ein, unter anderem Arktik und ClimatePartner.
Foto: TOTAL Deutschland GmbH
 

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