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News / Versagen schlüssig erklären: So geht’s
Sebastian Vesper
17.03.2011   News
Versagen schlüssig erklären: So geht’s
 
Die laufende Dekade ist noch jung, aber ein Vorschlag zum Unwort des Jahrzehnts sei schon einmal gestattet: „Kommunikationsproblem“ – für mich ein ganz heißer Kandidat! Unglaublich, was so alles als „Kommunikationsproblem“ gehandelt wird. Unfassbar, wie bereitwillig und gedankenlos der Terminus in öffentliche Aussagen einmassiert wird. Unmöglich, wie dadurch die eigentlichen „Probleme“, die für den jeweiligen Sachverhalt relevant sind, vernebelt werden.
Ein Investor bekommt aus der Bevölkerung massiven Gegenwind für sein Bauvorhaben? Schuld ist ein Kommunikationsproblem. Politiker versagen bei der Formulierung von Gesetzen? Dito. Ein Produkt floppt furios am Markt? Die Diagnose ist klar. Ein Unternehmen steht am Pranger, weil es Dinge tut, die sich nicht gehören oder schlicht gegen geltendes Recht verstoßen? Lauter „Kommunikationsprobleme“. Die Welt ist randvoll davon, besonders die Ressorts für Politik und Wirtschaft.
Weit, weit weg von der Sache
Es ist ja auch so wunderbar bequem: Die völlig schwammige Bedeutung des K-Begriffs macht ihn zur Universalkomponente, wie Pfeffer und Salz in jedem mitteleuropäischen Kochrezept: Alles ist doch „irgendwie“ Kommunikation, oder nicht? Und – auch sehr praktisch – wer ein „Kommunikationsproblem“ behauptet, bewegt sich weit weg vom eigentlichen (nennen wir es hier sprachlich mal etwas unglücklich) „Sachproblem“. Heißt: Nicht die Sache, nicht mein unverantwortliches Handeln, nicht mein saublödes Produkt, nicht mein umfassendes Versagen ist der Grund für eine Misere, sondern die Kommunikation klappt irgendwie nicht, leider, zu blöd aber auch...
Doch damit nicht genug. Die meisten In-der- Sache-Versager erwecken mit dem Gebrauch des Unworts den Eindruck, es hapere gar nicht mit der Vermittlung, sondern beim Verständnis: Der Bürger versteht’s nicht, der Kunde ist zu doof, die Kritiker haben’s nicht kapiert. Der Begriff „Kommunikationsproblem“, wie er Eingang in Statements und Medienberichte gefunden hat, ist in den meisten Fällen nicht etwa jene konstruktiv und verständigungsorientiert gemeinte Aufforderung zum Brückenbauen, die er zu sein vorgibt, sondern eine ebenso hilflose wie letztlich unverschämte Schuldzuweisung an den Rest der Welt: Ich mache doch alles richtig, nur Ihr da draußen versteht mich nicht!
Kommunikation und Handeln
Die Wurzel allen Übels liegt in der Schwierigkeit, „Kommunikation“ von „Handeln“ zu unterscheiden, im obigen Kontext die Vermittlung von der Sache selbst. Man muss weder Jürgen Habermas noch Paul Watzlawick heißen, um darüber ins Grübeln zu geraten, wo beispielsweise politisches oder betriebswirtschaftliches Handeln aufhört und die Kommunikation dazu beginnt. Der Einwand, mit jedem Handeln von Politikern oder Wirtschaftskapitänen werde immer auch bereits kommuniziert, ist plausibel, aber destruktiv, denn er hebt jene Unterscheidung auf, die den Blick dafür schärfen könnte, wo das „Problem“ wirklich liegt: in der Sache oder in ihrer Vermittlung. Diese Unterscheidung mag bisweilen künstlich erscheinen, hilfreich ist sie allemal.
Die plattitüdenhafte Forderung, man müsse „bei Entscheidungen die Kommunikation von Anfang an mitdenken“, ist insofern durchaus hilfreich. Mit einem Schönheitsfehler: Jene, die dies gebetsmühlenartig fordern – von PR-Beratern bis zur Werbe-industrie – bringen unterschiedliche Modelle von „Kommunikation“ mit.
Womit wir beim nächsten Problem wären. Und beim nächsten Grund für die Wahl zum Unwort.

Sebastian Vesper ist Editorial Director bei Haymarket in Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.

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