Please wait...
News / Direkte Demokratie als Konjunkturprogramm
Sebastian Vesper
17.03.2011   News
Direkte Demokratie als Konjunkturprogramm
 
In den Hinterzimmern der Hauptstadt geht die Angst um. Direkte Demokratie? Um Gottes Willen! Ist unser kleiner Public-Affairs-Kosmos nicht schon kompliziert genug? Was, wenn Lieschen Müller aus Stuttgart 21 künftig mit am Tisch sitzt, wenigstens gefühlt? Nur weil Lieschen tapfer twittert und überhaupt gern mal „gegen die etablierte Politik“ ist? Wo kommen wir denn da hin?
Egal, wie man diese Frage demokratietheoretisch beantwortet: Sollte es künftig ein Mehr an „direkter Demokratie“ in Deutschland (und Europa?) geben, so würde dies die Arbeit der Public-Affairs-Spezialisten definitiv erschweren. Fürchten die Public- Affairs-Spezialisten. „Unsere Arbeit würde schwieriger“, sagten sieben von zehn Hinterzimmer-Insassen auf die kluge Frage der Beratung MSL, ob „direkt-demokratische Elemente“ den Job verändern würden. Nur ein Viertel orakelt, die Arbeit würde sich „nicht verändern“, eine verschwindende Minderheit von sechs Prozent wagt die Prognose, ihre Aufgabe würde einfacher.

Dicke Luft beim Lunch im Regierungsviertel
Die Rechnung ist simpel: Bekäme das Volk mehr direkten Einfluss auf politische Entscheidungen, dann würde die „Lobby“, in der professionelle Interessenvermittler diese Entscheidungen kommunikativ vorbereiten, von einem Tag auf den anderen sehr viel größer und unübersichtlicher als das kuschelige Karree zwischen Kanzleramt und Friedrichstraße. Und auch die Politiker-Kaste selbst – Ausschussmitglieder und Ministerialreferenten, die sich mit Interessenvertretern treffen – müssten sich häufiger fragen: Ist meine Entscheidung auch „vermittelbar“? Ergo: Dickere Luft beim Lunch im Lutter & Wegner.
Verständlich, dass kein Berufslobbyist ernsthaft Lust hat auf Lieschen 21, ihre Bedenken und deren Effekt auf den blassen Polit-Ingenieur von gegenüber, der gestern noch dankbar jede Gesetzesvorlage in seine Serviette einwickelte und zur Entscheidungsfindung ins Ministerium trug. Und doch wäre „mehr direkte Demokratie“ (keine Angst, Leute, es bleibt nur ein Gedankenspiel!) nicht weniger als ein gigantisches Konjunkturpaket für die Kommunikationsbranche: Public Affairs müsste sich integrieren in eine breite Klaviatur von Kompetenzen, mit der dann ein stark vergrößertes Feld bespielt würde. Das scheint alles andere als utopisch, denn die Disziplin Public Affairs hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt und professionalisiert.

Blühende Kommunikationslandschaften...
Breit angelegte, gesellschaftlich relevante Kampagnen im öffentlichen Raum wären nötig, „Transparenz“ bekäme Gestalt jenseits von Floskeln. Statt der heute verstreuten Spurenelemente von Meinungsbildung auf Facebook oder in Blogs würden auch Marktplätze wieder zu Foren, und sogar für den zu Brei zerkochten und zersparten klassischen Mediensektor ergäben sich wieder Chancen. Das Ganze könnte einen Aufschwung der durch Konjunkturkrisen und Medienwandel zuletzt stark verunsicherten „Public Relations“ einleiten, ähnlich wie in den späten Achtzigern. Interessant wäre dabei das Spannungsverhältnis zwischen den auf „Öffentlichkeit“ zielenden PR-Programmen und den auch künftig in geschlossenen Räumen agierenden Lobbyisten.
Ob das Land reif ist für „mehr direkte Demokratie“, darüber mögen politische Kommentatoren urteilen. Ich für meinen Teil bezweifle es. Eine Bevölkerung, die über Saturn-Schnäppchen mehr weiß als über Parteiprogramme, die Bohlen verehrt und bei Brandt mit den Achseln zuckt, lässt derlei Experimente bis auf weiteres als gefährlich erscheinen. Also: Aufatmen in den Hinterzimmern und weiter einen guten Job machen – für uns alle!

Sebastian Vesper ist Editorial Director bei Haymarket in Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.

Magazin & Werkstatt