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News / Der perfekte Ort
15.03.2011   News
Der perfekte Ort
 
„Wo bist Du gerade?” ist eine Frage, die zurzeit vor allem Marketing-Fachleute beschäftigt. Welchen Nutzen die so genannten Location Based Services für die Kollegen der PR-Abteilung haben, hat Birte Bühnen gefragt.

„Normalerweise haben Journalisten kein Interesse daran, anderen mitzuteilen, wo sie sich gerade befinden“, sagt Christoph Moss. Er leitet den Studiengang Communications und Marketing an der International School of Management in Dortmund. Sollte die Kernzielgruppe von PR-Managern weiterhin aus Journalisten bestehen, eröffnen sich durch Lokalisierungsdienste wie Foursquare, Gowalla, Friend- ticker und seit Oktober auch durch die Facebook-Funktion „Orte“ seiner Meinung nach nur eingeschränkt Möglichkeiten für Beziehungspflege und Medienarbeit. Auch die Mitarbeiter von Agenturen und Pressestellen sollten sich fragen, wann es für sie wichtig ist zu wissen, wo ein Journalist oder Multiplikator gerade steckt. Mittlerweile säßen die meisten sowieso am Schreibtisch in der Redaktion.
Anders als das Marketing kann die PR beim Modethema Geolocation – Ortsangabe in Echtzeit via mobile Endgeräte mit GPS-Empfänger – nicht auf Heilsversprechen wie höhere Kundenbindung, passgenauere Zielgruppenansprache und letztlich steigende Umsatzzahlen hoffen. Schade eigentlich. Hatte doch laut „Zeit“-Online die britische Zeitung „The Guardian“ das Jahr 2010 zum „Year of Loca- tion“ ausgerufen. Und die Einführung von Facebook Places in den USA löste im August Lobeshymnen auf den sich angeblich eröffnenden Fundus an Kundendaten für Unternehmen aus – insbesondere, da Facebook etablierten Lokalisierungsdiensten Zugang zu seinem Netzwerk erlaubt. Das Einchecken an einem realen Ort über die Facebook-App kann gleichzeitig auf den Gowalla- und Foursquare-Profilen angezeigt werden. Die Information darüber, wer sich mit welchen Interessen wo gerade aufhält, pflanzt sich einem Schneeballsystem entsprechend an unterschiedlichen Anknüpfungspunkten fort.

Räumliche Beziehungspflege
Für PR-Manager ergeben sich dadurch „hervorragende Möglichkeiten, um eine räumliche Beziehung zu den Bezugsgruppen aufzubauen“, findet Dieter Herbst, Professor für Marketing und Communica-tions an der Fachhochschule für Ökonomie und Management in Berlin. Gerade im Stiften von Beziehungen sieht er die Hauptaufgabe von Public Rela-tions. Allerdings erkennt er eine wachsende Kluft zwischen denen, die diese Technologie nutzen, und denen, die es nicht tun. Beispiele für den konkreten Gewinn für PR-Arbeit durch Lokalisierungsdienste kann Herbst nur wenige nennen. Potenzielle Bewerber könnten auf ihrem Weg durch die Stadt sehen, welches Unternehmen Stellen ausschreibt. Oder Journalisten könnte der Weg zu Pressekonferenzen oder anderen Veranstaltungen gewiesen werden.
Thomas Pfeiffer, Medienpädagoge und Betreiber des Blogs webevangelisten.de, steht den Location Based Services (LBS) skeptisch gegenüber. Er hält sie vor allem aufgrund der geringen Reichweite nur für beschränkt einsetzbar. Sein Tipp: Anstelle auf digitale „Stadtkartendienste“ zu setzen, sollten Unternehmen ihre Homepages besser pflegen. Pfeiffer geht davon aus, dass sich in Deutschland zurzeit maximal 20.000 Menschen bei Foursquare angemeldet haben. Wie viele Accounts aktiv genutzt würden, könne man allerdings nicht sagen.
Igor Josifovic leitet das Social Media-Team Digital Beat der Münchner Agentur F&H Porter Novelli. Für ihn bestätigt sich in den LBS eine generelle Entwicklung ausgelöst durch Social Media: die zunehmende Überschneidung von PR und Marketing. Journalisten hätten als Gatekeeper und erster Ansprechpartner von PR-Fachleuten ausgedient. Deshalb könnte auch die PR von dem neuen Kanal profitieren. Awareness sei eines der zentralen Stichworte. Produkte und vor allem Events ließen sich durch LBS besser steuern und den Kunden vermitteln. Außerdem unterstütze Geolocation den Aufbau eines user- und markengetriebenen Wissens-Webs. Josifovic nennt das die Education-Funktion. Die Nutzer von Social Media versorgten sich gleichberechtigt mit Informationen. Beispiele dafür sind Wikipedia und Bewertungsportale wie Qype. Nicht zuletzt könnten Gowalla und Co. mit maßgeschneiderter Promotion für den jeweiligen Moment am richtigen Ort die Markenaffinität der Menschen erhöhen.

Unternehmen auf Kundenfang
Diese Vorteile will auch Martin Pischke, Mitgründer des deutschen Lokalisierungsdienstes Friendticker, nutzen. Er versteht sein Angebot als Kampagnentool, um Leser zu mobilisieren, an bestimmte Orte zu gehen. „Das funktioniert wie eine virtuelle Stempelkarte“, sagt er. Auf der Betreiber-Homepage servtag.com liest sich das so: „Marken können friendticker als Plattform für einfaches, ortsbasiertes mobiles Marketing nutzen.“ Einen speziellen Nutzen hinsichtlich PR findet man dort nicht.
Christoph Moss sieht das größte Potenzial für die PR in Großveranstaltungen. Auf Messen oder Festivals könnten Journalisten via Smartphone über kurzfristige Programmänderungen, ungeplante Ereignisse und kurzfristig arrangierte Hintergrundgespräche informiert werden. Schon bei der Akkreditierung könnten die nötigen Daten für den jeweiligen Geo-Dienst vergeben werden. Dass Journalisten ihre Accounts auch über den Event hinaus nutzen, darin sieht Moss hinsichtlich der eher konservativ eingestellten Zielgruppe die größte Hürde. Gelingt dies nicht, werden Lokalisierungsdienste für die PR nur eine weitere Spielart der Informationsverbreitung neben Twitter und Facebook bleiben.
 

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