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News / Zoff in Berlin: Sprecher gegen Verlegerpläne
Sebastian Vesper
15.03.2011   News
Zoff in Berlin: Sprecher gegen Verlegerpläne
 
Mitte September gerieten Peter Klotzki und Uwe Dolderer kräftig aneinander. Klotzki, Geschäftsführer Kommunikation beim Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), wählte in einem ins Internet gestellten Brief das kräftige Wort „Agitation“, um die Linie des Bundesverbandes deutscher Pressesprecher (BdP) zu den von den Verlegerverbänden geforderten „Leistungsschutzrechten“ zu beschreiben. Zudem kritisierte der VDZ-Mann, der BdP hätte die Sprecher der Verlage, die ja auch Mitglieder im Pressesprecherverband sind, übergangen. Dolderer, PR-Chef beim Klinikbetreiber Vivantes in Berlin, ist im Ehrenamt Präsident des BdP.
Politisch geht es um die Frage, ob Verlage die Hand aufhalten dürfen, wenn ihre frei zugänglichen Online-Inhalte verwertet werden – durch „News-Aggregatoren“ etwa oder wenn Artikel gewerbsmäßig am Bildschirm gelesen werden, zum Beispiel durch Pressesprecher. Die VDZ-Argumente: geistiges Eigentum, neue Vervielfältigungstechniken und Vorbilder in den Branchen Musik und Film. Die Gegner argumentieren, die Verlage wollten ihren historischen Fehler abmildern, Inhalte ohne Bezahlschranke ins Netz zu stellen.

Schau, so funktionieren deutsche Verbände
Das Beziehungsdrama, das in Steinwurfnähe zwischen Friedrich- und Markgrafenstraße spielt, ist bestens geeignet, Außerirdischen oder Amerikanern zu erklären, wie Berlin funktioniert: hochkomplexes Thema (deutsches Verwertungsrecht im Internet-Zeitalter, Schreck lass nach!) gepaart mit verbandsspezifischen Mechanismen (let’s rock!) auf der pathetischen Folie geistigen Eigentums (Amen!) – da ist wirklich alles drin. Wie üblich venebeln zunächst Stil- und Prozessfragen den Beginn der Auseinandersetzung. Dolderer ist sauer, weil Klotzki seine Kritik am eigenen Berufsverband medial inszenierte. Klotzki hingegen, angetrieben von mächtigen Verlagssprechern rund um Edda Fels (Springer), Claus Schrack (Gruner+Jahr) und Nikolaus von der Decken (Burda), die den Brandbrief unterzeichnet haben, lässt durchblicken, man habe den BdP zuvor um Stellungnahme gebeten, ohne Erfolg. Dem BdP fehle eine „intensive und institutionalisierte Beschäftigung mit der gesamten Medienbranche“, wetterten die Klotzkiisten. Dolderer retournierte – nicht öffentlich –, das Thema sei im BdP gründlich drangenommen worden: Ausschuss Lobbyarbeit, Präsidium, Gesamtvorstand, internes Whitepaper.

„Copyright auf die Sprache“?
Das Thema „Leistungsschutzrechte“ läuft nicht gut für den VDZ. In den Blogs der Internet-Freiheitskämpfer ist von „GEZ-Gebühr“ und „Copyright auf die Sprache“ die Rede. Medien-Fachredaktionen im Lande zucken mit den Schultern: Nachdem Springer-Chef Mathias Döpfner und Verleger Hubert Burda das Thema auf die Agenda gehievt hatten (anfängliches Feindbild: Google), habe der VDZ seine Vorstellungen nie öffentlich konkretisiert, berichten Kollegen.
Klotzki, dessen Verband derzeit viele hässliche Themen vor der Brust hat (etwa: Grosso-Politik), weiß um seinen eingeschränkten Spielraum als Kommunikationsmensch in einem Gebilde mit starken Fachbereichen und mauernden Juristen, die lieber mit der Bundesregierung reden als mit betroffenen Berufsgruppen. Da könnte die Kritik am BdP wie ein Ventil gewesen sein, um überhaupt so etwas wie Öffentlichkeit herzustellen. Immerhin kann sich der BdP unter Dolderer von der bloßen Networking-Plattform zur ernsthaften Interessenvertretung entwickeln, die Themen gezielt aufgreift und sich öffentlich zu Wort meldet – was auch den Verlagssprechern recht sein dürfte.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket in Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.
 

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