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News / Google Street View – Andere Länder, andere Deutungen
Dominik Meier
15.03.2011   News
Google Street View – Andere Länder, andere Deutungen
 
In der griechischen Sage schenkte der Gott Apollon, in Mehrfachfunktion auch Gott des Lichts, der schönen Kassandra einst die Gabe der Vorhersehung, um sie für sich zu gewinnen. Die Tochter des trojanischen Königs Priamos aber wies ihn dennoch ab. Aus verletztem Stolz verfluchte Apollon die Schöne, so dass niemand ihren Weissagungen mehr Glauben schenkte. Kassandra warnte die Trojaner vor dem Trojanischen Pferd und dem Eroberungsplan der Griechen, fand jedoch kein Gehör und wurde als Verrückte ausgegrenzt.
Deutlich variabler gestaltet sich der Umgang mit Kassandras Erben, die vor den Konsequenzen von Google Street View in Europa warnen: In den Niederlanden, Frankreich und Spanien erregten sich nur wenige Gemüter. Zwar wurde das Sammeln von W-LAN-Daten kritisiert, die eigentliche Funktion des Internet-Dienstes Street View, nämlich Panoramabilder von Straßen und Gebäuden im World Wide Web einsehen zu können, wird aber ausnehmend gern genutzt, sei es bei der privaten Wohnungssuche, sei es, um potenzielle Vor-Ort-Odysseen auf der Suche nach dem Treffpunkt mit Freunden zu vermeiden. Die Möglichkeit virtueller Urlaubsreisen ist eine weitere verlockende Annehmlichkeit des neuen Angebots, das bislang in 23 Ländern zur Verfügung steht.
In Deutschland hingegen, wo die US-Suchmaschine Google angekündigt hat, die in 20 deutschen Städten aus umherfahrenden Autos geschossenen Fotos ganzer Straßenzüge bis Ende dieses Jahres ins Netz zu stellen, meldeten sich im Sommerloch plötzlich immer lautere Kassandren zu Wort.

„Trotz gleicher Ausgangssituation entwickeln sich medialer wie auch politischer Diskurs in gänzlich verschiedene Richtungen.“



Außer gegen die vierwöchige Widerspruchsfrist gegen die verpixelte Abbildung von Gebäuden, deren Verlängerung auch EU-Justizkommissarin Viviane Reding anmahnt, haben Politiker und Medien hierzulande Vorbehalte gegen die Panoramabilder selbst. Kritiker sehen in ihren Kristallkugeln Kriminelle, die Street View nutzen, um ihren nächsten Einbruch zu planen, aber auch Personaler, die Job-Bewerber wegen ihres Wohnumfelds sogleich ablehnen. Ähnliche Befürchtungen hegen auch die Schweizer Eidgenossen.
Hier zeigt sich einmal mehr, wie unterschiedlich die Mentalitäten innerhalb der europäischen Staatenfamilie nach wie vor sind, selbst bei etwas vermeintlich so Verbindendem wie dem Internet: Trotz gleicher Ausgangssituation entwickeln sich medialer wie auch politischer Diskurs in gänzlich verschiedene Richtungen.
Kassandra hätte mit ihrer digitalen Kristallkugel heutzutage somit ein ganz anderes Problem als weiland am Hellespont, den heutigen Dardanellen: Nicht das Ignorieren ihrer Warnungen, sondern deren gegensätzliche Interpretation – als nützliche Errungenschaft oder als Untergang des Abendlandes – sind die Herausforderung, der sich Europa im Umgang mit Googles verlockendem Trojanerpferd stellen muss.

Dominik Meier ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (de'ge'pol). Kontakt: dmeier@miller-meier.de

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