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News / Kommunikation als Verbotsmanagement
Sebastian Vesper
15.03.2011   News
Kommunikation als Verbotsmanagement
 
Darf man noch Fleisch essen? Darf Google Häuser fotografieren? Darf ich ohne Helm aufs Fahrrad? Dürfen wir in ein paar Jahren noch Ski fahren? Wie lange wird Alkohol noch legal sein, und was kommt dann auf die schwarze Liste? Koffein? Zucker? Salz? Die Welt, so scheint es, ist voller Verbote. Und es werden täglich mehr. Die 100-Watt-Glühbirne haben wir entsorgt, die Zigarette zum Kneipenbier ist Geschichte, die mit Maden durchsetzte Biotonne vielerorts Pflicht. Überall, so scheint es, sprießen neue Verbote, Gebote und Regeln.
Für sich genommen, machen die meisten Sinn. Aber in der Gesamtschau fällt es nicht leicht, die kulturell vertretbaren Grenzen auszumachen (Beispiele: Zigarette, Wein, Steak, Salz). Schon im Kleinen, im Alltäglichen ist Deutschland ja ein Hort definierter Beschränkungen des Individuums. Alle paar Meter ein Schild. Ballspielen verboten! Ab hier Barfußbereich! Draußen nur Kännchen!

Der Fahrradhelm, Inkarnation des Guten
Bei vielen der neueren, kleineren wie größeren Ge- und Verbote drängt sich ein Gefühl von „Überregulierung“ auf. Warum nur?
Der Fahrradhelm ist doch – eigentlich – nur eine Fortschreibung der äußerst sinnvollen Gurtpflicht im Auto, die heute niemand mehr ernsthaft in Zweifel ziehen würde. Folgt man aber dem einen oder anderen rebellischen Feuilletonbeitrag der vergangenen Wochen, so ist der Fahrradhelm nicht weniger als die Inkarnation eines selbstgerechten, missionarischen Gutmenschentums, das vor nichts Halt zu machen scheint. Das ist natürlich Quatsch.
Das drollige Fahrradhelm-Bashing und wortreiche 100-Watt-Plädoyers sind allerdings verständ- liche Versuche, in einem weiten, treibsandigen Feld durch mehr oder weniger ernst gemeintes Zuspitzen und einen Schuss Ironie überhaupt einen gedank- lichen Halt zu finden – eine Position, von der aus dann als Nächstes gefragt werden kann (und muss): Wie weit soll es mit der Regulierung denn eigentlich noch gehen?
Denn neue Regeln – ob sie uns überrollen oder schleichend daherkommen, ob sie sich informell etablieren oder brachial verordnet werden – bedeuten immer, dass sich etwas in unserem Alltag verändert, etwas lieb Gewordenes verschwindet, eine vertraute Gewohnheit künftig nicht mehr zulässig ist. Für Menschen ist das lästig, für Unternehmen hingegen können plötzliche und radikale Verbote den Tod ganzer Geschäftsmodelle bedeuten.

Den Regelwerken hinterherlaufen
Deshalb ist Kommunikationsmanagement schon seit Jahren in erster Linie Verbotsmanagement: Verbote verhindern, Verbote fordern, Verbote beobachten, auf Einhaltung pochen oder eben argumentieren, warum sie nicht einzuhalten sind. Das Verbotsmanagement hat sich sogar vor eine andere Aufgabe von PR-Arbeit geschoben, eine Aufgabe, die viel angenehmer und interessanter wäre: Ideen und Werte zu vermitteln und Vertrauen herzustellen.
Stattdessen hechelt der PR-Mensch den Verboten hinterher, installiert immer neue Radarsysteme, um „drohende“ Verbote aufzuspüren, schlägt sich mit Compliance-Abteilungen und Rechtsexperten herum, reagiert, plant, plant noch mal neu, verteidigt – es ist wirklich ein Graus! Kritische Regulierungsthemen kommen viel schneller als früher auf die öffentliche Agenda. Sie werden komplexer. Sie erhalten mehr Aufmerksamkeit, wenn auch meist nur für kurze Zeit. Und die Qualität, mit der diese Themen diskutiert werden, sinkt.
Vielleicht geht es jenen, die das habitualisierte Verbieten beklagen, insofern nicht nur darum, ein paar lieb gewordene Laster zu verteidigen.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket in Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.
 

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