Please wait...
News / Chance auf Waffengleichheit im Kampf um die öffentliche Meinung
Till Dunckel
15.03.2011   News
Chance auf Waffengleichheit im Kampf um die öffentliche Meinung
 
Litigation-PR ist seit einigen Jahren sowohl in der PR-Branche als auch unter Rechtsanwälten ein häufig zu hörender Begriff. Zwischen ihren Anwendungsgebieten bestehen allerdings erhebliche Unterschiede. Till Dunckel stellt wichtige Formen der Praxis vor.

Wären Gerichtsverhandlungen nicht öffentlich und würden Ermittlungsverfahren stets vertraulich behandelt, müsste man sich über Litigation-PR wenig Gedanken machen. Dass dem nicht so ist, verdanken die Medien dem im Gerichtsverfassungsgesetz verankerten Grundsatz der Öffentlichkeit von Gerichtsverhandlungen und Urteilsverkündungen – sowie der Medienaffinität der Pressesprecher vieler Staatsanwaltschaften.
Im Strafrecht ist der Begriff der Litigation-PR am häufigsten zu hören. Aus gutem Grund: Denn während ein Beschuldigter gegenüber der Staatsanwaltschaft und dem Strafgericht bis zu seiner Verurteilung vom Grundsatz der Unschuldsvermutung geschützt wird, führt in aller Regel bereits das Bekanntwerden staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen zur vorzeitigen Verurteilung des Beschuldigten in der Öffentlichkeit. Die Beispiele Nadja Benaissa, Jörg Kachelmann und Klaus Zumwinkel belegen dies. Dass auch ein späterer Freispruch diese öffentliche Vorverurteilung nicht beseitigt, zeigt zudem der Fall von Andreas Türk, dem es seit seinem Freispruch vor mehreren Jahren nicht gelungen ist, seine frühere Karriere fortzusetzen (siehe auch PR Report 7/2010). Die zielgerichtete Information der Medien mit den Mitteln der Public Relations bietet daher die einzige Chance auf Waffengleichheit im Kampf um die öffentliche Meinung.
Aber auch zivilrechtliche Verfahren geraten häufig in den Fokus der Medien. Dort liegt die besondere Gefahr darin, dass die Inhalte zivilrechtlicher Prozesse oft so komplex sind, dass auch der aufmerksamste Journalist kaum eine Chance hat, allein aufgrund der mündlichen Verhandlung zu verstehen, worum es in dem Verfahren wirklich geht. Hier bedeutet Litigation-PR die gezielte Aufklärung über wesentliche Hintergründe eines Verfahrens, um so zu verhindern, dass der Öffentlichkeit ein schiefes, mitunter ehrenrühriges oder geschäftsschädigendes Bild von Inhalt, Hintergründen und Ausgang eines Rechtsstreits vermittelt wird.
Außer diesen seriösen Anwendungsbereichen gibt es aber auch die umgekehrte Form der Litigaton-PR: So suchte kürzlich ein namhafter überregionaler Zeitungsverlag in mehreren Berliner Blättern nach juristisch und journalistisch nicht vorgebildeten Laien, die gegen Honorar die Gerichtsverhandlungen der Berliner Pressekammer protokollieren sollen, um auf diese Weise „der Justiz auf die Finger zu schauen“. Der Umstand, dass sich das neu entdeckte juristische Interesse ausgerechnet auf die Kammer des Landgerichts Berlin beschränkt, die auch für die eigenen Verfehlungen der in besagtem Verlag erscheinenden Boulevardzeitung zuständig ist, zeigt, dass sich der Verlag von dieser Form der PR mehr verspricht als spannende Gerichtsreportagen.
Trotz der inhaltlichen Nähe ist die Öffentlichkeitsarbeit grundsätzlich nicht Sache der in dem Verfahren tätigen Rechtsanwälte: Denn weit wichtiger als die öffentliche Darstellung einer gerichtlichen Auseinandersetzung ist es, sie möglichst erfolgreich zu beenden. Und dies gelingt in dem um größtmögliche Sachlichkeit bemühten deutschen Rechtssystem glücklicherweise immer noch am Besten mit Seriösität und guten Argumenten.

Dr. Till Dunckel ist in der Hamburger Medienkanzlei Nesselhauf Rechtsanwälte (www.nesselhauf.com) tätig. Er vertritt Unternehmen und Privatpersonen im Presserecht und berät Kreative, Sportler und Vereine in vertraglichen Angelegenheiten. Daneben ist Dunckel Dozent für Presserecht an der Akademie für Publizistik.

Magazin & Werkstatt