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News / Feind der Polizei?
Gute Öffentlichkeitsarbeit fördert die Akzeptanz der Institution beim Bürger/Foto: Polizei Hamburg/Oliver Rohé Die Interessen von Polizei und Presse sind nicht immer deckungsgleich/ Foto: Polizei Hamburg/Matthias Wiechmann
15.03.2011   News
Feind der Polizei?
 
Der Journalist ist mitnichten der Gegner des „Freund und Helfers“. Vielmehr arbeiten Presse und Polizei eng zusammen, und die Pressearbeit der Ordnungshüter wird zunehmend wichtiger wie professioneller. Ansichten aus der polizeilichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im hohen Norden. Von Matthias Heining

Ob Überfall, Totschlag, Einbruch oder Rockerkrieg – oder ob schweißtreibende Rettungsaktion für einen kleinen Piepmatz, der nach dem Ausbruch aus seinem Käfig hinter eine zentnerschwere Schrankwand gestürzt und dort auf halber Höhe eingekeilt war: Wenn Polizeioberkommissar Rainer Wetzel seine Meldungen für die Medien schreibt, denkt er fast wie ein Redakteur. Welche der Lagemeldungen aus dem internen Journal der vergangenen 24 Stunden könnte die meisten Leser interessieren? An welchem Einsatzort wurde der größte Schaden protokolliert? Von welchem Unfall waren besonders viele Menschen durch nachfolgende Staus betroffen? Rainer Wetzel ist stellvertretender Pressesprecher der Polizeidirektion Neumünster, und seine Dienststelle ist eine von insgesamt elf Polizeipressestellen in Schleswig-Holstein.
Was für Wirtschaftsunternehmen, Verbände und andere Organisationen von jeher selbstverständlich war, hat auch den Weg in die öffentlichen Institutionen gefunden: Die Erkenntnis, dass eine offensive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unverzichtbar ist. Sie gehört heute zum Standard jeder modern arbeitenden Behörde, weil sie im Idealfall deren Handeln für die Öffentlichkeit transparent und nachvollziehbar macht und so Akzeptanz fördern kann. Dieser Erkenntnis verschließt sich auch die Exekutive nicht und hat den Schulterschluss mit den Medien gesucht. In den meisten Führungsetagen der Polizei gilt die Presse längst nicht mehr als genuiner Gegner.
„Die enge Zusammenarbeit mit den Medien ist ein Schwergewicht der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit“, sagt Bernd Drescher, Pressesprecher des Landespolizeiamtes Schleswig-Holstein. Seine Behörde bildet die Schnittstelle zur Politik in Kiel. Polizei ist Ländersache, und im nördlichsten Bundesland setzt die Landespolizei seit einer Änderung der Behördenstruktur vor rund drei Jahren auf landesweit insgesamt elf zentrale Pressestellen mit hauptamtlichen Pressesprechern. „Wir unterstützen die Medien bei ihrer Informationsgewinnung und erfüllen damit gesetzliche Vorgaben. Zusätzlich wollen wir natürlich auch die ‚Firma Polizei’ darstellen“, so Polizeihauptkommissar Drescher weiter. Er weiß, dass die Meinungsbildung über die Polizei wesentlich durch die Berichterstattung der Medien beeinflusst wird.

Auslaufmodell Polizei-Bigband
Im übergeordneten Kieler Innenministerium wird polizeiliche Öffentlichkeitsarbeit zwar gern mit Imagewerbung gleichsetzt. Gleichwohl wurden jetzt bisherige Schwergewichte dieser Arbeit geopfert, um einen Beitrag gegen den drohenden finanziellen Kollaps des Landes zu leisten. Die Polizei-Sportschauen in Kiel und Neumünster wurden ebenso zu Auslaufmodellen erklärt wie die Polizei-Bigband und der alljährliche „Tag der Landespolizei“. Auch Tage der offenen Tür und andere öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen finden immer seltener statt. „Was bleibt, ist reaktive Pressearbeit unserer Pressestellen mit spezialisierten Mitarbeitern“, beschreibt Drescher vom Landespolizeiamt den Wandel der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit im hohen Norden.

Schwarzbrot der Polizeireporter
Eine Hierarchiestufe darunter, bei der Polizeidirektion Neumünster, erlebt Rainer Wetzel täglich, wie die Zusammenarbeit mit den Medien in den Mittelpunkt seiner Arbeit gerückt ist. Seine Polizeimeldungen, die er nach eigener Gewichtung aufbereitet, verbreitet Wetzel über den Originaltextservice (ots) von news aktuell, einer Tochter der Deutschen Presseagentur (dpa). Die besonderen Fälle ebenso wie die alltäglichen, das so genannte „Schwarzbrot“ der Polizeireporter. Häufig findet der uniformierte Pressesprecher seine Meldungen tags darauf wörtlich übernommen in den Blättern wieder. Je kleiner und personell ausgedünnter Redaktionen sind, desto öfter wird sich im Copy&Paste-Verfahren der Polizeimeldungen bedient. Wetzel ist es recht.
Er weiß, was die Presseleute brauchen, und auch, unter welchem Produktionsdruck sie stehen. Dies hat er unter anderem bei Treffen „Ohne Block und Bleistift“ erfahren, zu denen die Polizeidirektion Neumünster bereits in vierter Auflage Medienvertreter zum jährlichen zwanglosen Gedankenaustausch eingeladen hat. „So erfahren wir, wo die tägliche Kooperation auch aus Sicht der Medien verbesserungsfähig erscheint“, sagt Wetzel. Meistens zielten die Verbesserungswünsche der schreibenden Kollegen auf Aktualität und Zeitnähe des Informationsflusses zu den jeweiligen Ereignissen. Dies gehe natürlich nur dann, wenn dadurch beispielsweise die noch notwendigen Ermittlungen nicht gefährdet seien, so Pressesprecher Wetzel.
Einen anderen Wunsch an die Polizeipressestellen hat Jan-Eric Lindner, seit Jahren Polizeireporter des „Hamburger Abendblattes“: „Statt Hintergrundinformationen gefiltert über die Pressestellen zu erhalten, würde ich gern öfter direkt mit den Ermittlern ins Gespräch kommen, die an den Fällen dran sind.“ Aber natürlich weiß auch er, dass die Pressestellen besonders mit dem Argument eingerichtet wurden, die ermittelnden Beamten bei ihrer Arbeit gerade von Presseanfragen zu entlasten. Dass dadurch der Informationsfluss kanalisiert und in gewisser Weise kontrolliert werden konnte, war ein willkommener Effekt. Manchmal hat Lindner schon das Gefühl, „Ereignisse, bei denen die Polizei nicht ganz gut aussah, werden nicht so offensiv verkauft. Aber wer würde das schon?“

Der „menschliche Faktor“
Der Abendblatt-Redakteur attestiert den Polizeipressestellen, mit denn er regelmäßiger zu tun hat, „grundsätzlich einen guten Job“. Deren Arbeit sei in den vergangenen zehn Jahren merklich professioneller geworden. Schulungen im Umgang mit den Medien, aber auch Hospitationen in Redaktionen, wirkten sich aus. Lindner: „Das Verhältnis zu den Medien ist offener geworden.“ Das unterstreicht auch Rainer Wetzel von der Polizeidirektion Neumünster, wenn er seinen Kollegen am Einsatzort seine grundsätzliche Philosophie erläutert: „Der Journalist ist nicht naturgemäß der Feind der Polizei.“ Er räumt auch einen „menschlichen Faktor“ in der Zusammenarbeit ein. Journalisten, die er seit Jahren beruflich kenne und die sein Vertrauen nie missbraucht hätten, gebe er auch schon mal eine Information mit dem Hinweis, dass sie nicht oder noch nicht zur Veröffentlichung bestimmt sei, sondern nur der besseren Einschätzung eines Falles diene.
Die Presse hat gegenüber Behörden ein Informationsrecht, das die 16 Bundesländer meistens in ihren Medien- und Pressegesetzen festgeschrieben haben. Außer dieser gesetzlichen Vorgabe gibt es nach Wetzels Worten aber weitere Zielsetzungen, die man mit einer aktiven Öffentlichkeitsarbeit nicht nur in Neumünster verfolge: „Neben der Information der Bevölkerung über sicherheitsrelevante Ereignisse wollen wir auch das Vertrauensverhältnis zwischen Bürger und Polizei stabilisieren und stärken. Dafür müssen wir Ziele, Leistungen und Ergebnisse unserer Arbeit darstellen.“ In dem Maße, in dem das Verständnis der Bevölkerung für die polizeiliche Arbeit zunehme, stiegen auch das Sicherheitsgefühl und die Bereitschaft, die Polizei zu unterstützen. Verständnis und Vertrauen würden wesentlich durch die tägliche Berichterstattung mitbestimmt, in der immer ein glaubwürdiges Bild der Institution transportiert werden sollte.
Nun sind die Interessenlagen von Polizei und Medien keineswegs immer deckungsgleich. Der Journalist sucht das spektakuläre Verbrechen, um seine Leser zu fesseln, die Polizei will mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit jedoch auch einen rationalen Umgang der Bevölkerung mit dem Phänomen Kriminalität bewirken. Hier scheinen Reibungen programmiert, aber die hauptamtlichen Polizeipressesprecher sind Profis und haben gelernt, dass sie hier nur mit Fingerspitzengefühl ihr sachliches Anliegen anbringen können. Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit von Polizei und Medien von einem gegenseitigen Geben und Nehmen geprägt, wie Pressesprecher Wetzel sagt: „Bei Fahndungen und für Hinweise zu Ermittlungen nutzen wir die Presse schon ziemlich direkt.“ Und Polizeireporter Lindner ergänzt: „Die Polizei ist wie jedes Unternehmen oder jede Behörde darauf angewiesen, dass ihre Erfolge in der Öffentlichkeit entsprechend dargestellt werden.“ Die so erzielte öffentliche Wahrnehmung biete nach seiner Einschätzung auch ein gewichtiges Argument, wenn es beispielsweise in Verhandlungen der Behörde um den Personalbestand gehe.

Eigene Blogs betreibt die Polizei (noch) nicht
Weniger öffentlichkeitswirksam fallen andere Aufgaben der polizeilichen Pressearbeiter aus: so zum Beispiel die Vorbereitung von Pressekonferenzen, die Betreuung von Besuchergruppen, die interne Kommunikation, Aktionen zur Nachwuchswerbung oder die Zusammenarbeit mit der Koordinierungsstelle Prävention des Landespolizeiamtes. Polizeiliche Vorbeugung und Beratung – von Verkehrserziehung in Schulen und Kindergärten, über Einbruchschutz bis zu Gewaltprävention – fällt nicht in die Zuständigkeit der Pressearbeiter, dafür gibt es in Kiel eine eigene Zentralstelle.
Auch um die elektronischen Kommunikationskanäle kümmern sich die uniformierten Öffentlichkeitsarbeiter – hauptsächlich um die Pflege der polizeilichen Angebote in Inter- und Intranet. Aber wie sieht es mit den so genannten „Social Media“ und Blogs aus? Für die grundsätzliche polizeiliche Arbeit werden sie genutzt. „Wir müssten doch völlig hinterm Mond leben, wenn wir das Netz und seine Möglichkeiten ignorieren und nur die Hinweise aufgreifen, die wir auf der Straße auffangen“, so Polizeioberkommissar Wetzel.
Selbstverständlich habe man in Neumünster beispielsweise zu den Auseinandersetzungen der Rockergruppen „Hells Angels“ und „Bandidos“ auch im Netz nach verwertbaren Hinweisen gesucht. Allerdings geht die Annäherung an die neuen Kommunikationsformen noch nicht so weit, dass die Polizei eigene Blogs betreibt oder andere bedient. Das populäre Blog „K11 – Polizei und Internet“ des Kölner Kollegen Guido Karl ist denn auch ein reines Privatprojekt. Bernd Drescher vom Landespolizeiamt in Kiel sagt jedoch: „Wir planen, diese neuen Kommunikationsformen in die Weiterentwicklung unserer Arbeit einzubeziehen.“

Großes Vertrauen in die Institution
Pressesprecher Drescher bevorzugt Vielfalt im Instrumentarium der Öffentlichkeitsarbeit, die aus seiner Sicht immer etwas darunter leidet, „dass ihr Erfolg de facto nicht messbar ist“. Drescher: „Wir wissen nicht, ob wir durch gelungene Öffentlichkeitsarbeit eine Straftat verhindern, eine Gefahr abwehren oder Vertrauen gewinnen konnten.“ Ganz schlecht scheint seine Arbeit und die seiner zahlreichen Kollegen in Deutschland nicht gewesen zu sein: Denn nach dem „Vertrauensindex“ der Gesellschaft Public Relations Agenturen (GPRA), der exklusiv für den PR Report im Juni das Vertrauen der Bevölkerung in öffentliche Institutionen abfragte (siehe Ausgabe 7/2010), belegte die Polizei mit 91 Prozent den Spitzenplatz. Erst mit Abstand folgten Universitäten und das Bundesverfassungsgericht (je 78 Prozent), Schlusslichter waren weit abgeschlagen die politischen Parteien (19 Prozent).

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