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25.04.2008   News
1981: Das Waldsterben
 

Ein Naturereignis als Medienphänomen. Die öffentliche Geschichte der kranken Wälder begann auf einer Presseexkursion des BUND im Mai 1981 im Bayerischen Wald. Von Frank Behrens

„Mein Auto fährt auch ohne Wald.“ Der bittere Humor dieses alten Pennälerwitzes kam nicht von ungefähr. Im Herbst 1981 hatten die Medien der Bundesrepublik begonnen, sich intensiv mit dem schlechten Zustand des deutschen Waldes auseinanderzusetzen. Der „Stern“ etwa titelte im September: „Über allen Wipfeln ist Gift“. Im November legte der „Spiegel“ mit einer dreiteiligen Serie nach. Titel: „Saurer Regen über Deutschland. Der Wald stirbt.“ Anfang 1983 sprach Freimut Duve im SPD-Pressedienst im Zusammenhang mit dem deutschen Wald gar von einem „ökologischen Hiroshima“.
Die apokalyptischen Visionen stießen Anfang der achtziger Jahre auf fruchtbaren Boden. Nicht nur in Deutschland wurde vor dem Hintergrund der Raketennachrüstung der Nato diskutiert, was passieren würde, wenn der Kalte Krieg aus dem Ruder liefe. Auch die US-Filmindustrie spielte die Möglichkeit eines Atomkrieges durch („The Day After“ oder „Wargames/Kriegsspiele“, beide 1983) und thematisierte den „nuklearen Winter“. Eine missverständliche Mikrofonprobe des US-Präsidenten Ronald Reagan 1984 („We begin bombing in five minutes“) und das Reaktorunglück von Tschernobyl im April 1986 taten ein Übriges. Das vermeintliche Sterben der Bäume passte in die Stimmung der Zeit.
Begonnen hatte die Medienkarriere des „Waldsterbens“ im Mai 1981 im Bayerischen Wald. Pleystein bei Vohenstrauß, hart an der tschechischen Grenze. Der bayrische Landesverband des Bundes Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) führt eine Handvoll Journalisten durch kranke Nadelwälder in der Nähe des Eisernen Vorhanges. Mit dabei: Professor Peter Schütt, Jahrgang 1926, seit 1970 Inhaber des Lehrstuhls für Forstbotanik und Forstpathologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Forstamt Sauerlach südlich der bayrischen Landeshauptstadt hatte er im Frühjahr für ihn unerklärliche Baumschäden entdeckt. Er sprach fortan von „neuartigen Waldschäden“. 200 Kilometer weiter nordöstlich, im Bayerischen Wald, sind an diesem Mai-Nachmittag Fichte, Tanne und Kiefer erkennbar angeschlagen. Auch für die Journalisten auf BUND-Presseexkursion. Schütt führte eine griffige Vokabel ein, die die Berichterstatter mit in die Redaktionen nehmen sollten: das „Waldsterben“. Er formulierte auch eine Stresshypothese, nach der die Bäume aufgrund jahrelanger Umweltbelastung nicht mehr in der Lage seien, „Krankheitserregern und tierischen Schädlingen“ zu widerstehen. Die Botschaft war aber vielen der mitreisenden Reporter  schon zu verzwickt; das Schlagwort Waldsterben versprach einen größeren Widerhall .
Schütt war nicht der einzige Wissenschaftler, der Anfang der Achtziger das Sterben der Wälder beschrieb. Der Göttinger Bodenkundler Bernhard Ulrich hatte bereits 1979 Luftverschmutzung, namentlich Schwefeldioxid und sauren Regen, für von ihm festgestellte Waldschäden verantwortlich gemacht. 1981 machte er dann die so mutige wie pessimistische Vorhersage, dass „die ersten Wälder schon in fünf Jahren sterben“ würden. Die Schuldigen lagen damit auf der Hand: Industrie und Autoverkehr.
Die Situation des Waldes Anfang der achtziger Jahre wird heute von einer Mehrheit der Wissenschaftler differenzierter betrachtet als vor einem Vierteljahrhundert. Auch Ulrich hat mittlerweile eingeräumt, dass es ihm auch darauf ankam, dass die Politik handelte. Insbesondere die harten Winter beginnend mit der Jahreswende 1978/79 und korrespondierend dazu trockene Sommer (1975/76/83) werden heute als Mitverursacher des Baumstresses angesehen. Solche Stimmen gab es 1981/82 zwar auch schon, doch sie gingen unter. Die Vokabel „Sterben“, die Forstleute seit jeher bei Baumkrankheiten verwendeten, entfachte ihre Wirkung bei den botanischen Laien. Eine „PR-Bombe von ungeheurer Wirkung“ diagnostizierte „Die Zeit“ 2004: „Für Laien war jetzt klar. Der ganze Wald stirbt.“
Ein Anruf beim BUND-Experten
Noch heute besteht das Missverständnis zwischen Medien, Politik und Öffentlichkeit auf der einen und Forstwissenschaftlern auf der anderen Seite fort. Das zeigt ein Anruf bei Helmut Klein, dem stellvertretenden Sprecher des Arbeitskreises Wald des BUND. Biologe Klein, der schon Anfang der Achtziger das Thema Wald für den BUND bearbeitete, „180 Veranstaltungen allein 1983“, relativiert Ulrichs Aussage von 1981, der Wald sei in fünf Jahren tot: „Kein einziger vernünftiger Mensch“, so Klein, „hat das damals geglaubt“. Gefragt, ob denn heute, nach 27 Jahren, noch von Waldsterben die Rede sein kann, antwortet er jedoch entschieden: „Ja!“ Dennoch blickt Klein auch subjektiv auf eine Erfolgsgeschichte zurück: „Das Glück war, dass wir in der Emissionsbekämpfung sehr erfolgreich waren.“
So sei der Schwefeldioxid-Ausstoß in Deutschland seit 1990 um rund 90 Prozent zurückgegangen. Auch bei Schwermetallen (minus 95 Prozent) und Stickoxid ( minus 30 Prozent) sei die Entwicklung erfeulich. Klein weist auch auf die Erfolge bei FCKW und hochfrequenten Radaranlagen hin, die nach dem Ende des Kalten Krieges abgebaut worden seien. Und auf den Zusammenbruch der DDR und des  restlichen Ostblocks mit seiner frühindustriellen Produktionsweise mit ungefilterten Schwefelemissionen. „Der Rückgang all dieser Emissionen hat sich deutlich im Wald bemerkbar gemacht.“ Und doch sterbe der Wald weiter. Aktuell verstärktes Wachstum des europäischen Waldes lässt den Biologen kalt: „Das war aufgrund des gestiegenen Eintrags von Stickstoff von Anfang an klar. Es gibt eine Mehrproduktion von Holz. Der Wald bleibt aber anfälliger für Schädlinge und Stürme.“
Zurück in die achtziger Jahre zu den Konsequenzen der Waldsterben-Debatte. Die sind so kurios wie das Missverständnis um das Wort „Sterben“. Aus der Rückschau scheint das Waldsterben nur Sieger zu kennen. Die Wissenschaftler haben Geld bekommen. Zweckgebunden zur Erforschung des Waldsterbens zwischen 1984 und 1994 rund 500 Millionen Mark. Umweltverbände wie der BUND oder der Naturschutzbund Deutschland (NABU) haben in den Achtzigern erst ihre heutige Relevanz gewonnen. Die Grünen zogen nach den Wahlen vom 6. März 1983 erstmals in den Bundestag ein. Die grüne Abgeordnete Marieluise Beck-Oberdorf, damals 31 Jahre alt, drückte Helmut Kohl nach dessen Wahl zum Bundeskanzler einen verkümmerten Tannenzweig in die Hand. Beck-Oberdorf, Enkelin eines Försters, gratulierte dem Wendekanzler nicht, sondern sagte: „Die Tanne drückt unsere Sorge über das Waldsterben aus.“

Kat und Rauchgasentschwefelung
Aber auch die schwarz-gelbe Bundesregierung konnte sich im Nachhinein zu den Siegern des Waldsterbens zählen. Denn neben dem jährlichen Waldschadensbericht und schärferen Emissionsverordnungen, mit denen sie allerdings auf den Spuren der sozialliberalen Vorgängerregierungen wandelte, legte die Regierung Kohl einem Deus ex Machina gleich eine technische Lösung des Problems auf den Tisch, von der die heutige Politikergeneration angesichts der Klimadebatte nur träumen kann: den geregelten Drei-Wege-Kata­lysator für Autos und Rauchgasentschwefelungsanlagen für Braunkohlekraftwerke. Die Problemlösungskompetenz war zwar nur geliehen, denn in Kalifornien und Japan waren Katalysatoren seit den siebziger Jahren im Einsatz, doch was soll’s – der Erfolg zählt.
Aus dem Katalysator leiten sich weitere Sieger des Waldsterbens ab: die Autoindustrie, die Fahrzeuge nachrüsten oder neu ausliefern konnte, und die Mineralölindustrie, die einen neuen, zunächst teureren Kraftstoff, das bleifreie Benzin, einführte. Denn Katalysatoren vertragen kein Blei, das dem Benzin zur Verbesserung der Klopffestigkeit beigemischt war. Die Liste der Sieger ließe sich erweitern um die Medien, die jahrelang spannende Storys hatten, und um die Recycling-Branche, die ihre Existenz der vom Waldsterben ausgehenden Umweltdebatte verdankt. Die Franzosen schließlich hatten ein neues Wort geschenkt bekommen: „le waldsterben“.
Doch viele Sieger haben es nicht leicht. Politik, Wissenschaft, Umweltverbände und Medien sehen sich heute auch mit der Tatsache konfrontiert, dass der Tod des deutschen Waldes ausgefallen ist. Die mangelnde Glaubwürdigkeit macht sich unter anderem in der Klimadebatte bemerkbar.
Der relative Erfolg der so genannten Klimaskeptiker gründet  nicht zuletzt auf den Erfahrungen mit dem Waldsterben und dem ausgebliebenen Exitus. Nicht umsonst hat die damalige grüne Umweltministerin Renate Künast 2003 das Waldsterben in einem Interview mit der „Welt“ en passant für beendet erklärt. Und auch die Medien befassen sich seit den späten neunziger Jahren verstärkt mit dem angekündigten aber ausgefallenen Tod der Bäume.
Auslöser war nicht zuletzt der Journalist Rudi Holzberger, der 1995 sein Buch „Das sogenannte Waldsterben“ vorgelegt hatte, in dem er mit den in diesem Fall zu Tage getretenen Medienmechanismen abrechnete. Das Waldsterben und sein Ausbleiben – ein Pyrrhussieg für die meisten Beteiligten. Übrigens – ganz ohne Wald fährt auch das Auto nicht. Der Motor ist auf Sauerstoff zur Verbrennung des Kraftstoffs angewiesen. Und den liefert vor allem der Wald.
 

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