Please wait...
News / Freundliche Grüße von der Raststätte
Sebastian Vesper
15.03.2011   News
Freundliche Grüße von der Raststätte
 
Diese Geschichte hat das Zeug zum Ganovenstück, allerbeste Zutaten für einen Thriller im Mafia- Milieu. Sie handelt von anonymen Anschuldigungen tief unter der Gürtellinie, und sie ist so bizarr, dass es sich leider verbietet, sie als Posse zu erzählen, aus Respekt vor dem mutmaßlichen Opfer. Fassungslos hält ein Manager ein Schreiben in der Hand, das einem Dritten zugegangen ist. Darin wird er eines unglaublichen Vergehens bezichtigt, er und sein Umfeld sind tief verstört. Der Manager (nennen wir ihn: das Opfer) versucht, den Absender zu rekonstruieren. Und wird fündig: Bei der Schreibmaschine, auf der das Traktat getippt wurde, klemmt ganz offensichtlich ein Buchstabe. Die verräterische Typografie verweist auf ein Gerät im Hauptquartier jener Organisation, für die das Opfer arbeitet – und offenkundig auch der Täter. Der Name des Opfers: Norbert Essing.
Diese Geschichte soll sich vor etwa 15 Jahren zugetragen haben. Norbert Essing hat sie kolportiert, am Rande eines unserer vielen persönlichen Gespräche. Die Posse mit dem kaputten Buchstaben habe ich stets als Relikt einer Zeit interpretiert, in der einige PR-Alphatiere der Deutschland-AG auf diese (und weit schmutzigere) Weise „Kommunikationspolitik“ machten. Lange vorbei. Sollte man meinen.

„Leise und anständig“
Als Berater hat sich Essing selbst stets als Gegenentwurf zu derlei Seil- und Burschenschaften verstanden und inszeniert. 2004 bescheinigte ihm eine unabhängige, 22-köpfige Jury unter meinem Vorsitz, er verrichte „seine Arbeit leise, effizient, ohne viel Wind und mit Anstand“ – und kürte Norbert Essing zum „PR-Consultant des Jahres“ 2004. Einmütig und unumstritten.
Sieben Jahre später wird Essing, dessen Wikipedia-Eintrag seit ein paar Tagen nicht mehr existiert, in einer ähnlichen Geschichte nicht als das Opfer, sondern als der Täter gehandelt. Diesmal ist es kein Brief, sondern ein Fax; den mutmaßlichen Urheber überführt nicht ein klemmender Buchstabe, sondern Medienberichten zufolge das Videoband einer Autobahn-Raststätte. Die Munition, mit der geschossen wird, ist nicht wie damals eine angebliche außereheliche Affäre, sondern Pädophilie. Das ist eine neue „Qualität“ der persönlichen Kriegsführung.
Essing bestreitet Medienberichten zufolge, das Fax an jenem Tag von der Raststätte an den Arbeitgeber seines ehemaligen Mandanten gesendet zu haben. Sollte der mit allen Wassern gewaschene Berater also erneut ein Opfer sein? Trotz der vielen Jahre, in denen ich Norbert Essing beobachte und persönlich kenne: Mir fehlt momentan die Phantasie, mir das vorzustellen.

Aufhören geht nicht
Was ist passiert zwischen dem Anfang des vorigen Jahrzehnts, in dem Essing allenthalben als „anständiger“ Kommunikationsberater glänzen durfte, und jenem 26. Februar vor zwei Jahren, an dem er seinen schweren Dienstwagen auf die Raststätte dirigierte, um angeblich dieses dümmliche Fax abzuschicken? Klar ist: Essing ist ein Geschichtenpflanzer, er pflanzt Leuten Geschichten ein, verstreut sie schnipselweise irgendwo zwischen Hotellobbys und Vorstandsbüros, Redaktionsstuben und Kaminzimmern. Das Werk ist nie vollendet. Es fällt schwer aufzuhören.
Ist Essing widerfahren, was er an den Veteranen der Deutschland-AG stets so überzeugend kritisiert hat? Hat der Mann mit den drei Handys, der sich gern bodenständig gibt, jenen „Anstand“ verloren, der ihm selbst stets so wichtig war? Das wäre eine traurige Geschichte, und auch diese würde sich verbieten, als Posse erzählt zu werden.

Sebastian Vesper ist Editorial Director von Haymarket in Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.
 

Newsletter

Sie wollen immer auf dem Laufenden sein?

Magazin & Werkstatt