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Kunst am Bau: Die chronisch überbelegte Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit liegt wie kaum eine andere in Deutschland mitten in einem dicht besiedelten Wohnviertel
14.03.2011   News
Von Stammheim nach Alcatraz
 
Gefängnisse sind keine transparenten Orte. Dennoch ist auch der Strafvollzug alles andere als ein kommunikationsfreier Zustand. Von Frank Behrens
Kein Scherz: „Santa Fu“, der umgangssprachliche Name für Hamburgs ältestes, größtes und bekanntestes Gefängnis, ist zugleich ein Markenname. Seit 2006 produzieren und vertreiben Gefangene aus der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel, wie die Einrichtung offiziell heißt, T-Shirts, Unterhemden, Baseballmützen, Schürzen und Ähnliches mit Aufdrucken wie „Unschuldig“, „Lebenslänglich“ oder „Ich will hier raus!“. Aber auch CDs, ein Kochbuch, an dem Tim Mälzers Mutter Christa beteiligt ist, und Gesellschaftsspiele kann man im Onlineshop www.santa-fu.de kaufen.
Doch eigentlich ist es keine besonders große Sensation, dass es in markenverrückten Zeiten wie diesen auch eine Gefängnismarke gibt. Erstaunlicher ist es da fast schon, dass es die einzige in dieser Form in Deutschland zu sein scheint. Immerhin gibt es auch hierzulande eine ganze Reihe berühmter, besser wohl: berühmt-berüchtigter Gefängnisse (siehe Kasten Seite 24).


Die „Marke Santa Fu“

Die „Marke Santa Fu“ werde ausschließlich mit PR-Maßnahmen beworben, sagt Pia Kohorst, Pressesprecherin der Hamburger Justizbehörde. Ende April etwa wurde die Präsentation einer CD mit Live-Mitschnitten der Konzertreihe „Jam in Jail“ für diesen Zweck benutzt. Denn im Rahmen der Veranstaltung überreichte Justizsenator Till Steffen (GAL) einen Scheck über 40.000 Euro aus Verkaufserlösen von Santa Fu-Produkten an die Opferhilfsorganisation Weißer Ring.
Auch das gehört zum Konzept: Sämtliche Erlöse fließen an den Weißen Ring. Da kein Budget für das Projekt vorhanden sei, würden allenfalls „sporadisch“ zusätzlich in der Anstalt gedruckte Flyer eingesetzt, um auf die Santa Fu-Produkte aufmerksam zu machen. Kohorst: „Die Partnerunternehmen erstellen alle erforderlichen Leistungen ohne Berechnung. Als Vertriebswege werden außerhalb des Internets Ladengeschäfte und Souvenirläden genutzt.“ Neben dem Weißen Ring arbeiten folgende Hamburger Unternehmen pro bono für das Santa Fu-Projekt: die Branding-Agenturen Markenwerke und Schewestudio, der Redaktionsdienstleister Somethink und die Internetagentur BenM. Sämtliche Pressemitteilungen der Partner müssen von der Justizbehörde vor der Herausgabe genehmigt werden. Santa Fu ist eben doch keine normale Marke.


Keine Kommunikationsstrategie für den Knast

Eine Kommunikationsstrategie für hamburgische Gefängnisse gibt es nach Aussage von Pia Kohorst nicht. „Über einen Medienzugang entscheidet die Pressestelle der Justizbehörde in Abstimmung mit den betroffenen Anstalten.“ Öffentlichkeitsarbeit für den Strafvollzug ist auf die klassische Pressearbeit der Justizbehörden beschränkt.
Aber es kommt vor, dass Gefängnisse Schauplatz der Kommunikationsstrategien Dritter, etwa der Gefangenen, werden. Die Rote Armee Fraktion (RAF) beherrschte diese Disziplin in den siebziger und achtziger Jahren aus dem Effeff. Nicht zuletzt bei ihren Hungerstreiks, die insbesondere durch den Tod von Holger Meins am 9. November 1974 zahlreiche Unterstützer dazu veranlassten, in den Untergrund zu gehen. Eine weitere, beispielhafte PR-Episode aus der Geschichte der RAF spielt kurz darauf, am 4. Dezember 1974, und zwar im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Der Hungerstreik, in dessen Verlauf Meins gestorben war, war noch im Gange. Das inhaftierte RAF-Mitglied Andreas Baader bekam auf Einladung der Gruppe Besuch vom französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, damals 69 Jahre alt. Begleitet wurde Sartre von Baaders damaligem Anwalt Klaus Croissant und Daniel Cohn-Bendit, der seine Dienste als Dolmetscher anbot. „Dany le Rouge“, Exponent des Pariser Mai ’68 und Mitte der Siebziger Sponti-Aktivist in Frankfurt, durfte jedoch nicht mit in die Zelle.
Dass der Besuch überhaupt stattfand, lag offensichtlich an der Befürchtung des Oberlandesgerichts Stuttgart, die deutsche Justiz könnte international einen Imageschaden erleiden, verweigere sie Sartre den Besuch in Stammheim. Generalbundesanwalt Siegfried Buback war strikt dagegen, konnte es aber nicht ändern. So hielt Sartre nach dem Besuch eine Pressekonferenz ab, die später in Auszügen auch in der „Tagesschau“ zu sehen war. Er sagte zu Baaders Zustand unter anderem: „Ich bemerkte während des Gesprächs, dass er sehr schwach war, er war mager und er hat 15 bis 20 Kilo verloren, er hatte viele Falten und jedes Mal, wenn er sprach, sah man mehr Falten, sein Gesicht war zusammengedrückt, er hat das Gesicht gehabt eines gefolterten Menschen, der ausgehungert war. Er hat gesagt, er würde einen Hungerstreik machen, um gegen die Haftbedingungen zu protestieren, denen sie unterworfen sind.“
Der Hamburger Rechtsanwalt Oliver Tolmein zog 30 Jahre später für das Deutschlandradio folgendes Fazit des Sartre-Besuches bei Baader: „Die Sartre-Biografin Anni Cohen-Solal beurteilt das Zusammentreffen von Baader und Sartre im Stammheimer Hochsicherheitstrakt kritisch. Sie berichtet, dass Baader Sartre – wegen seiner Kritik an den Methoden der RAF – eher als Richter seiner Position empfand und nicht als Freund. Eine linke Kritik ihrer Attentate und Bombenanschläge wollte auch die RAF nicht hören. Insofern geriet Sartres Reise, auch wenn sie viel Öffentlichkeit bewirkte und Diskussionen hervorrief, zur vertanen Chance. Ein offener Dialog war längst nicht mehr möglich.“
Enttäuschung auf der Linken, Empörung auf der Rechten, etwa beim damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten und vormaligen Marinerichter Hans Filbinger – das kann als das Ergebnis des denkwürdigen Sartre-Besuches in Stammheim festgehalten werden. Und noch etwas sollte sich sehr bald zeigen: Der schmucklose Betonbau aus den sechziger Jahren wurde zum Negativsymbol staatlicher Repression und ein Jahrzehnt später zum stummen Hauptdarsteller in Reinhard Hauffs Film „Stammheim“ über den Prozess gegen die RAF-Gründergeneration mit Ulrich Tukur als Andreas Baader. Noch 1986 war das Thema für einen handfesten Skandal auf der Berlinale gut. Die Vorführung des Streifens fand unter Polizeischutz statt, weil es Morddrohungen gegen die Juroren gegeben hatte; als „Stammheim“ letztlich tatsächlich mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, distanzierte sich Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida regelwidrig öffentlich von dem Film.


„Hotel California“ einmal anders

Stuttgart-Stammheim ist nicht das einzige Gefängnis, das es zum Titelhelden eines Spielfilms geschafft hat. Dem kalifornischen Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz gelang dies zweimal: „Der Gefangene von Alcatraz“ von 1962 mit Karl Malden in der Hauptrolle und „Flucht aus Alcatraz“ von 1979 mit Clint Eastwood prägen das öffentliche Bild der Gefängnisinsel bis heute. Die Anstalt wurde übrigens bereits 1963 wegen Sicherheitsmängeln geschlossen – der Bau rostete aufgrund des Salzwassers in den Leitungen von innen. 1964, nur ein Jahr nach der Schließung, nutzten Indianer die Prominenz des Ortes, um gegen die weiße Landnahme in Kalifornien zu protestieren. Die Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel wurde zwischen 1969 und 1971 wiederholt, unter anderem gab die Band „Creedence Clearwater Revival“ Solidaritätskonzerte mit den indianischen Besetzern. Die Insel wurde schließlich gewaltsam geräumt. Heute kann Alcatraz, das insgesamt nur 30 Jahre als Hochsicherheitsgefängnis diente, besucht werden. In Deutschland sind derartige Museen rar gesät. In den neuen Bundesländern gibt es einige Gedenkstätten in ehemaligen Haftanstalten, etwa in Bautzen (siehe Kasten) oder in Dresden. Auch die Gedenkstätte in Berlin-Plötzensee neben dem weiter bestehenden offenen Männervollzug ist den Opfern einer Gewaltherrschaft, in diesem Fall der nationalsozialistischen, gewidmet und mitnichten ein Museum. Es ist daher schwer, über diesen Weg einen Einblick in die Geschichte deutscher Gefängnisse zu bekommen. Das ist in manchen Ländern anders, so in den USA oder Australien (Old Melbourne Gaol).


Ein virtuelles Guckloch – seit 1995

Die Seite www.knast.net wirkt da fast wie ein Guckloch, durch das die Öffentlichkeit einen Blick in Deutschlands Knäste werfen kann. Betrieben wird die Seite von dem Münchner Softwareentwickler Winfried Puchinger. Dessen Interesse am Strafvollzug erwachte während seines Studiums, als er zwischen 1989 und 1998 ehrenamtlich in der JVA Würzburg tätig war. Damals ist auch die Idee zur Website entstanden; zuerst ging sie 1995 als „Initiative Zelle“ online. Heute bietet knast.net allen Insassen oder anderweitig Betroffenen und Interessierten die Möglichkeit, sich über die rechtlichen Grundlagen des Justizvollzugs wie über den Alltag im Knast umfassend zu informieren.
Zudem vernetzt die Seite die Gefangenen virtuell und bietet außer einem Forum unter der Rubrik „Hotelführer“ auch die Möglichkeit, Gefängnisse zu benoten. Häftlinge, Angehörige und Gefängnispersonal können – farblich differenziert – den Anstalten einen bis fünf Sterne geben und ihr Urteil auch inhaltlich begründen. Insgesamt ergibt sich auf diese Weise ein sehr differenziertes Bild, insbesondere der großen Haftanstalten in den Großstädten, für die es naturgemäß die meisten Einträge gibt. Und da diese Gefängnisse in der Regel nicht nur besonders groß, sondern auch besonders alt sind, wie etwa Moabit, Fuhlsbüttel und Stadelheim, sind die Bewertungen meist nicht die besten.


Girl’s Day zu Gast im Gefängnis

Tage der Offenen Tür im eigentlichen Sinn gibt es bei Gefängnissen natürlich nicht. Allerdings gibt es Ausnahmen. So durften die Einwohner Offenburgs vor einem Jahr die damals neue – und noch leere – Justizvollzugsanstalt vor den Toren ihrer Stadt besichtigen. In Hamburg öffneten sich anlässlich des Girls‘ Day 2010 die Tore der Untersuchungshaftanstalt einen Spalt breit für Mädchen, die sich für einen Beruf in der Justiz interessieren. Sie bekamen unter anderem das Zentralkrankenhaus und einen Haftraum zu sehen.
Ob die Gefangenen nebenan das Brettspiel „Alaarm!“ spielten, werden sie nicht erfahren haben. Bei dem Spiel, das unter der Marke Santa Fu vertrieben wird, müssen die Spieler versuchen, aus dem Gefängnis zu entkommen.
Foto: Rainer Henkel

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