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News / Zwischen Skepsis und Verlangen
Sebastian Vesper
14.03.2011   News
Zwischen Skepsis und Verlangen
 
In wenigen Tagen also rollt der Ball wieder. Die unmittelbar bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika weckt Erinnerungen an 2006. Für einige Wochen war Deutschland wie verwandelt. Kaiserwetter jeden Tag, überall gut gelaunte Menschen aus aller Welt, das Land im Gastgebertaumel. Schwarz-Rot-Gold avancierte zum Party-Label, Geschichten über gastfreundliche Schrebergartenbesitzer verdrängten Befürchtungen von „No-go areas“ und dergleichen. Dieses WM-Gefühl von 2006 in Deutschland ist gewiss nicht wiederholbar. Aber gerade ohne romantisierende Verklärung („Sommermärchen“) ist die Story noch heute dazu geeignet, Phänomene von Öffentlichkeitsbildung und Medienrezeption zu beschreiben.
Die Emotion erfasste auch Fußballmuffel, sie kam über Nacht, und sie blieb lange. Was haben wir in jenem Sommer eigentlich nicht ausprobiert? Fanmeile, heimischer Balkon, Beachclub, Campingplatz, Hotellobby, Eckkneipe, Stadion, Dachterrasse, ICE-Großraum; Berlin, München, Spreewald, Mecklenburgische Seen, Franken, Hamburg – überall war ich fasziniert von der Begeisterung der Menschen um mich herum. Authentisch, jenseits von Inszenierung und durchgesponsertem Kommerz-Event.

Die Wirkung des Ungeplanten
Selbstverständlich ist eine WM in erster Linie nichts anderes als „Brot und Spiele“; gewiss ist alles perfekt inszeniert, künstlich ausgeleuchtet und hinter den Kulissen strengstens geregelt – aber was die Menschen vor den Bildschirmen und Leinwänden daraus machen, das lässt sich eben nicht planen wie eine Kampagne am Reißbrett. Deshalb war die nationale und internationale Wirkung des Turniers (und seines Gastgeberlandes) seinerzeit umso positiver.
Und heute? Wie wird das Ereignis, das zwar in derselben Zeitzone, jedoch am anderen Ende der Welt spielt, in Deutschland aufgenommen werden? Wer PR- und Marketingetats rund um geplante Kampagnen zur WM verantwortet, den beschäftigt diese Frage derzeit.
Im bisher saukalten, verregneten Europleiten-Aschewolken-Ölpest-Missbrauchs-Koalitionsstillstandsjahr 2010 fällt es schwer, hierzulande auf eine ähnlich gute Stimmung wie vor vier Jahren zu hoffen. Hinzu kommt vermutlich, bei dem einen oder anderen von uns, eine gewisse Skepsis. Die Kommerzialisierung des Sports mögen wir akzeptiert haben, aber seine totale Mediatisierung hat Grenzen (zuletzt ein Thema bei Olympia in Turin): Wir werden die Realität zwischen den funkelnden Stadien in Südafrika vermutlich kaum zu sehen bekommen, aber ein mulmiges Gefühl bleibt.

Haben die Leute Lust auf Öffentlichkeit?
Dennoch: An den Tankstellen tauchen erste Deutschland-(Party-)Fähnchen auf, Unternehmen fahren ihre Marketingprogramme hoch, die im Fahrwasser der WM Wirkung entfalten sollen. Was aber real auf den Marktplätzen und in den Public-Viewing-Arenen los sein wird, ist ungewiss.
Mal abgesehen vom Wetter und vom Abschneiden der Bundes-Truppe: Haben die Deutschen überhaupt Lust auf diese Öffentlichkeit kollektiven Event-Konsums? Sind die Menschen in Deutschland nicht eher mit sich, mit den Folgen der Wirtschaftskrise, mit ihren Job- und Existenzängsten beschäftigt? Oder ist die WM gerade vor diesem pastell-trüben Hintergrund eine willkommene Abwechslung?
Warten wir’s ab. So eindrucksvoll uns die überraschend positive 2006er WM im eigenen Land die faszinierenden Mechanismen kollektiver, positiver und friedlicher Begeisterung vor Augen geführt hat, so deutlich wurde schon seinerzeit: Öffentlichkeit ist nicht planbar. Zum Glück.

Sebastian Vesper ist Editorial Director bei Haymarket in Deutschland. Von 1997 bis 2009 war er Chefredakteur beim PR Report.
 

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