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14.03.2011   News
Müde Netznomaden
 
Ein Ex-Kollege ist ausgestiegen. Die Social Networks hätten ihm seine Freizeit geklaut, hat er mir neulich erzählt und deshalb habe er sich in den vergangenen Monaten peu à peu zurück gezogen aus der Oldtimer-Community, aus Facebook, Twitter und so weiter und so fort. „Ich kriege schon Mails, dass ich mal wieder was schreiben soll. Ich sag dann, lass uns lieber mal treffen.“
Zu Hause läuft der Fernseher, meine Frau liegt auf dem Sofa und checkt per Notebook ihre geschäftlichen E-Mails. „Da bin ich im Büro nicht zu gekommen“, sagt sie entschuldigend. Ich greife mir mein Laptop und gucke mal, wer mir so geschrieben hat und was sonst in der Welt vor sich geht.
Die Mehrheit der Bundesbürger fühlt sich von den Medien und insbesondere dem Internet überrollt, hat jüngst Freizeit-Papst Professor Horst W. Opaschowski von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in seiner jährlichen Vergleichsstudie festgestellt. 51 Prozent denken so, vor zwölf Jahren waren es nur 40. Auch die Euphorie über die scheinbar grenzenlosen neuen Kontaktmöglichkeiten des World Wide Web scheint verflogen. 59 Prozent der Deutschen fürchten eine Vereinsamung durch elektronische Kommunikation. 1998 dachten nur 41 Prozent so negativ über das Netz. Insbesondere die Jüngeren zwischen 14 und 34 Jahren vermissen zusehends beständige Beziehungen: 53 Prozent von ihnen. 1998 waren nur 42 Prozent dieser Meinung. Opaschowski: „Sie stehen ständig unter Strom und drohen dabei ihren Halt zu verlieren.“ Die virtuellen Nomaden kämen nie zu Hause an.
„Ach, nee“, wäre die Antwort seines Netzkumpans auf die Frage, ob man sich nicht lieber treffen solle, erzählt mein Ex-Kollege. „Die Fotos von dem Oldtimer sind schon hochgeladen“, sage der Freund dann, ich solle ihn mir lieber am Monitor angucken. Doch die virtuelle Gesellschaft scheint von der Simulation der Wirklichkeit zunehmend gelangweilt.(fb)

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