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News / Gerüstet für den Tag X
26.02.2008   News
Gerüstet für den Tag X
 

Dass eine Pandemie auftreten wird, darin sind sich Experten einig. Fraglich ist nur der Zeitpunkt. Behörden und Großunternehmen rüsten sich für den Ernstfall, die kleineren warten ab. Doch neben dem Krisenmanagement wird die Frage der Kommunikation entscheiden, wie eine Krise gemeistert werden kann. Von Michaela Ludwig

„Erste Grippetote in deutschen Krankenhäusern“, melden Internet-News, Radio und Fernsehen. Die Boulevardblätter warnen vor der hohen Ansteckungsgefahr in öffentlichen Verkehrsmittel und Einrichtungen. Am nächsten Tag gehen die Menschen nicht zur Arbeit, Kinder werden nicht in Schule oder Kindergarten geschickt. Das öffentliche Leben kommt nach Hamsterkäufen in Supermärkten und Tumulten in Apotheken zum Erliegen. Öffentliche Verkehrsmittel fallen aus, Tankstellen sind geschlossen und Behörden nicht besetzt.

Ob dieses Horrorszenario eintreten wird oder nicht, sei dahingestellt. Entscheidend ist, dass die Kommunikation in einem solchen Fall von immenser Bedeutung ist. Das wissen auch alle beteiligten Institutionen. Dennoch existieren in den meisten Unternehmen keine adäquaten Konzepte. „Die private Wirtschaft würde von einer Pandemie völlig unvorbereitet getroffen“, sagt Wolfgang Raike von der Hamburger Agentur Raike Kommunikation. „Sie unterschätzt die möglichen Folgen für ihren Betrieb völlig.“

An ausgearbeiteten Pandemie-Notplänen fehlt es in jedem zweiten Unternehmen. Zu diesem Ergebnis kommt das Münchner Institut für Marktforschung im Gesundheitswesen (IMIG) in einer Telefonumfrage zum Thema „Planung in großen und mittelständischen Unternehmen“. Die andere Hälfte der Befragten schätzt die Gefahr der Influenza-Pandemie als „mittelmäßig“ bis „weniger groß“ ein.

Wann kommt die nächste Pandemie?
Tatsache ist jedoch, dass sowohl das Robert-Koch-Institut in Berlin (RKI) als auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Pandemie-Risiko als sehr hoch einschätzen: In regelmäßigen Abständen von mehreren Jahrzehnten bildet sich ein neues Grippevirus, das weltweit zu überproportional vielen Erkrankungen und Todesfällen führen kann wie die Spanische Grippe im Jahr 1918 oder die Grippewellen 1957 und 1968.

Noch beschränkt sich die Vogelgrippe hauptsächlich auf Tiere und breitet sich in Asien nur lokal unter Menschen aus. Sollte sich dieser Virus jedoch in ein unter Menschen voll übertragbares pandemisches Virus wandeln, wird er sich wahrscheinlich weltweit ausweiten und alle Bevölkerungsgruppen treffen. Gesundheitsökonom Boris Augurzky hat bereits mögliche Auswirkungen einer Influenza-Pandemie in Deutschland ausgerechnet: Bei 300.000 Kranken und knapp 100.000 Toten ergäbe sich ein volkswirtschaftlicher Schaden von 25 bis 75 Milliarden Euro.

Wie schnell sich eine Seuche ausbreiten könnte, versuchen Forscher derzeit herauszufinden. Computer-Modelle wie „InfluSim“ sollen helfen, den Verlauf möglichst genau vorherzusagen. In Zeitalter von Bahn-, Auto- und Flugverkehr ein schwieriges Unterfangen. Diese Modelle sollen Behörden und Medizinern helfen, die Bekämpfung effizient zu organisieren. Denn viel Vorbereitungszeit bliebe nicht.

Länder und Kommunen sind gefragt
Deshalb hat das RKI den Empfehlungen der WHO folgend 2005 den Nationalen Influenzapandemieplan erarbeitet. Dieser Plan wird ständig aktualisiert, enthält aber wenig konkrete Empfehlungen für die Versorgung im Falle einer Pandemie. Rahmenpläne der Städte und Länder sollen ihn konkretisieren, denn der Schutz vor Katastrophen und Seuchen fällt in ihren Aufgabenbereich. Wichtigstes Ziel der Pandemieplanung ist es, die Erkrankungs- und Sterblichkeitsrate so gering wie möglich zu halten. Daneben soll das tägliche Leben weitestmöglich aufrecht­erhalten werden, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen.

Doch diese Aufgaben können nicht komplett von der öffentlichen Hand übernommen werden. Die Gesundheitsministerkonferenz appelliert daher an Unternehmen und Institutionen, selbst Vorbereitungen zu treffen. Denn diversen Szenarien zufolge müssen diese mit einem Ausfall von zehn bis 50 Prozent ihres Personals rechnen. Die Dauer der Erkrankungswelle könnte etwa acht Wochen betragen. Dieser Zeitraum muss durch einen firmeneigenen Notfallplan abgedeckt werden.

Die fehlende Pandemie-Notfallplanung bezeichnet Ulrich Brehmer, bei der Handelskammer Hamburg zuständig für Sicherheit in der Wirtschaft, als die „Achillesferse“ der meisten kleinen und mittleren Unternehmen. Oft gebe es kein Risikomanagement. Deshalb hat Brehmer im vergangenen November ein Pandemie-Symposium in der Handelskammer organisiert, Workshops sind geplant. Die Handelskammer fungiert auch als Bindeglied für die Kommunikation zwischen Behörden und Unternehmen. „Wir wenden uns an die öffentlichen Stellen, wenn in deren Krisenplanungen die Belange der Unternehmen zu wenig berücksichtigt sind“, so Brehmer. Als Aufgaben der Wirtschaft führt er die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, das Aufrechterhalten der Logistik und medizinische Aspekte an. Da sämtliche organisatorische Planungen jedoch hinfällig sind, wenn sie nicht an die Mitarbeiter kommuniziert werden, war das Kommunikationsmanagement für Brehmer ein wichtiges Thema auf dem Pandemie-Symposium.

Dass der Bereich Kommunikation Bestandteil des Krisenmanagements im Pandemiefall ist, scheint bei den Verantwortlichen in der Theorie angekommen zu sein. So skizziert auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe  (BBK) in der „Kurzinformation für die betriebliche Pandemieplanung“ Maßnahmen im Bereich „Informationspolitik“. Abgezielt wird dabei auf die Entwicklung eines innerbetrieblichen Kommunikationsnetzes, die Weitergabe von Informationen an die Mitarbeiter sowie die Anleitung für hygienisches Verhalten.

Vorbild Tengelmann
„Mindestens 30 Sekunden lang die Hände waschen und hinterher gut abtrocknen, danach Desinfektionsmittel verwenden“ – die Angestellten in der Zentrale der Unternehmensgruppe Tengelmann werden bereits bei Grippewellen auf Aushängen über die richtige Handhygiene aufgeklärt. Damit soll Prävention zur geübten Praxis werden. Dies ist nur einer von vielen Schritten im Notfallplan für den Pandemie-Ernstfall, auf den sich die Handelskette seit gut zwei Jahren vorbereitet. Ein weiterer ist die Ernennung eines Pandemiestabs. Darin vertreten ist auch die Kommunika­tion, für die PR-Bereichsleiterin Sieglinde Schuchardt zuständig ist. Zusätzlich wurde die Position eines Pandemiebeauftragten eingerichtet. Tengelmann beabsichtigt „frühzeitig und verantwortungsbewusst die Weichen dafür zu stellen, dass im Krisenfall die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung aufrechterhalten werden kann“, so Schuchardt. „Aus diesem Grunde pflegen wir regelmäßigen Kontakt zu den relevanten Behörden, da die Lebensmittelversorgung als kritische Infrastruktur bisher in den Notfallplänen der Länder nicht ausreichend präsent war.“

Eine Schlüsselfunktion im Pandemie-Ernstfall werden außer Apotheken und Ärzten die Krankenhäuser übernehmen. Kathrin Herbst, Leiterin der Unternehmenskommunikation im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bestätigt, dass für diesen Fall ein fertiges Konzept in der Schublade liegt, das organisatorische Maßnahmen und interne Kommunikation regelt. Für die externe Kommunikation sei jedoch ausschließlich die Gesundheitsbehörde verantwortlich. „Die Kommunikation wird zentral gesteuert, nicht jedes Krankenhaus kann seine eigenen Pressekonferenzen abhalten. Das würde die Bevölkerung zu stark verunsichern“, sagt Herbst.

Bund und Länder proben Ernstfall
Die Kommunikation im Ernstfall „Pandemie“ wurde im vergangenen November bei der Bund-Länder-Katastrophenübung LÜKEX (Länderübergreifendes Krisenmanagement Exercise) geprobt. Simuliert wird die Zusammenarbeit von Gesundheitswesen, Polizei, Feuerwehren, Katastrophenschützern sowie privaten Unternehmen und Organisationen zur „Sicherstellung der lebenswichtigen Grundbedürfnisse der Bevölkerung“, wie das Bundesinnenministerium verlautbart, das die Übung federführend mit dem Gesundheitsministerium vorbereitet hat. Für das Innenministerium stand die Überprüfung und Optimierung der übergreifenden Kommunikationsflüsse im Vordergrund.

Der Hamburger LÜKEX-Leiter Holger Poser, Referatsleiter bei der Innenbehörde, zeigt sich mit dem Verlauf zufrieden. Allerdings habe sich gezeigt, wie wichtig es sei, dass die Kommunikationsstruktur von allen Beteiligten eingehalten werde. Das gelte für Bund und Länder ebenso wie auf Landesebene für die zuständigen Behörden, Institutionen und Unternehmen. Auch die Kommunikationsstrategie mit der Bevölkerung wurde über das Internet durchgespielt. So gab der Stabsbereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Meldungen heraus, ein Zeitungskiosk präsentierte die Berichterstattung in den Printmedien, „Brennpunkt“-Fernsehspots wurden aufgezeichnet und ausgestrahlt und regelmäßige Pressekonferenzen abgehalten, auf denen sich die Beteiligten den Fragen der Journalisten stellten. Hier wurde auch geübt, wie auf kritische Nachfragen reagiert werden soll. Ebenfalls virtuell wurden Bürgertelefone eingerichtet, Internetseiten und Gefahrenmeldungen herausgegeben.

Während die Bürger von diesem Teil der Übung nichts mitbekamen, hat die Übungsleitung die Balance auch im realen Umgang mit der Öffentlichkeit geübt. Den Bürgern sollten über die Medien verantwortungsbewusstes Risikomanagement und dessen Kommunikation vermittelt werden. „Das schnelle und koordinierte Handeln aller beteiligten Institutionen trägt im Ernstfall entscheidend zum Schutz der Bevölkerung bei“, so kommentiert das Bundesinnenministerium die Notwendigkeit der LÜKEX-Übung.

Raike weist jedoch darauf hin, dass eine Pandemie vermutlich nicht – wie in den theoretischen Planungen vorgesehen – von den relevanten Stellen wie dem RKI ausgerufen wird, sondern wie im Eingangsbeispiel von den Medien. So bleibt Behörden, Ins­titutionen und Unternehmen nichts anderes übrig, als da­rauf zu reagieren. „Dieser Fall macht die Bedeutung von Kommunikationsmanagement deutlich. Es geht darum, gut, sachlich und konsequent zu  informieren, um eine Panik vermeiden.“

Lassa-Fieber in Frankfurt
Landesweite Panikreaktionen konnte das Klinikum der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt vermeiden, als dort im Juli 2006 ein Patient behandelt wurde, der mit dem hoch ansteckenden Lassa-Fieber infiziert war. Erschwerend kam hinzu, dass der Patient zuvor mit einem Flugzeug gereist war und die Mitreisenden nun ausfindig gemacht werden mussten. Während das Klinikum für Kooperation und Organisation des Krisenmanagements zuständig war, übernahm die Agentur Leipziger & Partner gemeinsam mit der Pressestelle des Klinikums die Kommunikation. So wurde den behandelnden Ärzten der Rücken frei gehalten.

Klinikum und Agentur standen vor den Aufgaben zu informieren, über die Krankheit aufzuklären und mögliche Ansteckungsrisiken auszuschließen. Auf regelmäßigen Pressekonferenzen und mit Pressemitteilungen erhielten die Journalisten Informationen aus gesicherten Quellen, die von allen Beteiligten autorisiert waren. In enger Abstimmung mit dem Bernhard-Nocht-Tropeninstitut in Hamburg und dem RKI haben Mark Peter Rupp und seine Kollegen von Leipziger & Partner die Medienvertreter über Krankheitsbild, Symptomatik und Verlauf aufgeklärt. Zudem gelang es ihnen, durch eine Medienansprache mit exakten Informationen die Mitreisenden schnell zu rekonstruieren. So konnten weitere Infektionsfälle ausgeschlossen werden.

Auf einen Ernstfall wie diesen waren Ärzteteam und Agentur vorbereitet. „Es gibt einen Masterplan für derartige Fälle und Verabredungen über die praktische Umsetzung“, bestätigt Rupp. Die Strategie war seit der Kommunika­tion der Lungenkrankheit SARS weiterentwickelt worden. Ein Krisenverteiler war vorbereitet und musste nur kurzfristig aktualisiert werden. Private Handynummern waren ausgetauscht, so dass mit der Krisenbewältigung die -kommunikation an jenem Freitagabend einsetzen konnte.  „Wir haben die Funktion eines Scharniers übernommen. Wir haben Informationen koordiniert und dann weitergegeben. So sollte beispielsweise die Suche nach Mitreisenden keine weiten Kreise über die Medien ziehen, das hätte Unsicherheit geschürt“, erläutert Rupp. „Wir wollten Spekulationen keinen Raum geben.“

Nicht zuletzt davon hängt die Resonanz der Medien ab: Denn sie können mit ihrer Berichterstattung für Transparenz sorgen – aber auch Massenhysterie erzeugen.

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