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29.01.2008   News
Mildtätiges Business
 

Skandale wie aktuell um Unicef machen den Hilfsorganisationen zu schaffen. Auch, weil eine klare Linie in der Kommunikation fehlt. Von Peer Brockhöfer

Viele Bundesbürger haben ein idealisiertes Bild von Hilfsorganisationen im Kopf: Dort seien selbstlose Menschen, die sich meist ehrenamtlich für den guten Zweck engagieren, am Werk. Völlig  falsch ist diese Vorstellung nicht, denn es gibt durchaus ehrenamtliche Helfer. Etwa diejenigen, die in ihrer Freizeit auf Weihnachtsmärkten die Spendendose schütteln.
Dass viele Helfer aber auch Geld verdienen, beispielsweise im Ausland, und dort auch Unterkunft und Fahrzeuge gestellt bekommen, ist nicht jedem klar. Überdies müssen auch Geschäftsführer, Fundraiser und externe Dienstleister bezahlt sowie Anschaffungen getätigt werden. Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, Caritas oder Brot für die Welt haben sich bisher jedoch kaum darum bemüht, das ideelle Zerrbild richtig zu stellen. Denn das reine Helfer-Image ist genehm. Für Ausgaben, die nicht direkt den Armen dieser Welt zugute kommen, müssen sie allerdings Rechenschaft ablegen. Schließlich ist es nicht „ihr“ Geld, sondern das der Spender. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen, das DZI in Berlin, hat die Maßgabe herausgegeben, dass nicht mehr als 35 Prozent des Spendenaufkommens für Verwaltung ausgegeben werden dürfen. Ansonsten kann eine Organisation nicht das DZI-Prüfsiegel für sich nutzen. Doch wie werden die 35 Prozent errechnet? Adrian Teetz, Marketing-Chef beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), sieht es kritisch: „Es kommt immer ganz auf die Tätigkeiten einer Organisation an.“ Bei manchen Projekten seien die 35 Prozent kaum zu unterbieten. Das DRK müsse beispielsweise zahlreiche Kleiderlager betreiben. Und überhaupt: Wie soll man Altkleider monetär berechnen? Und was zählt alles zur Verwaltung?
Außerdem ist es schwierig zu vermitteln, dass ein Fundraiser im Schnitt zehn Prozent der generierten Spenden für sich behält. Diese heikle Argumentation spart man sich lieber.

Angreifbar durch Intransparenz
Die resultierende Intransparenz macht die Institutionen angreifbar, wie der Fall bei Unicef Deutschland exemplarisch zeigt. Einem Redakteur der „Frankfurter Rundschau“ („FR“) wurden im vergangenen November Unterlagen zugespielt, aus denen Zahlungen des UN-Kinderhilfswerks an externe Berater und Agenturen ersichtlich sind. Ein entsprechendes Schreiben schickte ein anonymer Absender an die Unicef-Vorsitzende und ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis bereits im Mai vergangenen Jahres.

Ausgestattet mit internem Wissen war der Skandal-Artikel schnell geschrieben. Unter der Schlagzeile „Ärger bei Unicef: Für die Kinder der Welt – aber nicht nur“ schrieb der Redaktuer beispielsweise, dass ein ehemaliger Unicef-Mitarbeiter 700 bis 850 Euro Tageshonorar auf Basis freier Mitarbeit einstreicht. Auch der Umbau der Deutschland-Zentrale sei mit mehr als 950.000 Euro unverhältnismäßig teuer.
Hätte man bloß schon längst daran gearbeitet, den Menschen ein umfassendes Bild der NGO-Tätigkeiten zu vermitteln, mag manch Verantwortlicher nun denken. Doch von Beginn an war Unicef in der kommunikativen Defensive, die Überraschung über die plötzliche Öffentlichkeit war zu groß.

Reaktion statt Aktion
Unicef-Deutschland-Geschäftsführer Dietrich Garlichs, persönlich für die Zahlungen verantwortlich, geriet umgehend unter Zugzwang. Er musste plötzlich erklären, warum man externen Mitarbeitern knapp 90.000 Euro pro Jahr bezahlte, wozu Unicef eine Eventagentur braucht, technischen Dienstleistern zur Bereitstellung eines Intranets entsprechende Rechnungen bezahlte. Ist es schon nicht leicht, den Bürgern zu erklären, dass nicht jeder Entwicklungshelfer in Afrika, Asien oder Südamerika seine Arbeit ehrenamtlich tut, ist es noch schwieriger, klar zu machen, dass eine Hilfsorganisation auch in Deutschland Büroräume, Computer, eine Infrastruktur und Konferenzräume sowie fest angestellte Mitarbeiter braucht.

Vor allem, wenn die Öffentlichkeit auf solche Nachrichten nicht vorbereitet ist. Während die Geschäftsführung versuchte sich zu rechtfertigen, tat die „FR“-Redaktion, wofür sie bezahlt wird: Die Geschichte „weiterdrehen“. So kam auch Rupert Neudeck in der „FR“ per Interview zu Wort. Neudeck, Entwicklungshelfer alter Schule und aus Überzeugung, bestätigte, dass Unicef-Mitarbeiter in der Dritten Welt stets mit Four-Wheel-Drive-Gelän­de­wagen unterwegs seien und in Luxus-Hotels wohnten. Headline: „Unicef schwelgt im Luxus!“

Starker Tobak. Einerseits. Andererseits: Sollen die Helfer in der Dritten Welt in Strohhütten schlafen, wie es ein Kommunikations-Verantwortlicher eines Hilfswerks zuspitzt? Zwar stieg nach Auskunft des Deutschen Spendenrats das Spendenaufkommen 2007 um 9,1 Prozent im Vergleich zu 2006, doch die Unicef-Affäre könnte die Tendenz merklich abflachen lassen. Unicef selbst hat das direkt zu spüren bekommen. So berichteten die „Westfälischen Nachrichten“ vom Unicef-Weihnachtsstand in Münster: Vor dem Bekanntwerden setzten die Ehrenamtlichen dort noch 2.800 Euro am Tag mit Postkarten, Briefpapier und anderen Produkten um, danach waren es 700 bis 1.000 Euro weniger.

Der Fairness halber führte die „FR“ auch ein Interview mit Simonis. Die reagierte krisengerecht: ehrlich. Problematisch nur, dass Simonis zu Protokoll gab, dass der Vorstand auch nicht genau wisse, was der Geschäftsführer in Köln treibt.

Damit hatte die Redaktion etwas geschafft, was nur selten gelingt: Vorstand und Geschäftsführung gegeneinander auszuspielen. Denn Garlichs hatte zuvor behauptet, den Vorstand „im Detail“ informiert zu haben. Eine Abstimmung zwischen Garlichs und Simonis hatte offenbar nicht stattgefunden, nun trat der Konflikt ungefiltert zutage. Bei der von der Vorsitzenden eigens einberufenen Pressekonferenz kündigte sie zudem externe Prüfungen an, stellte dem Geschäftsführer ein Ultimatum zur Rücknahme seiner Aussagen und forderte ihn auf, bis zur Klärung der Vorwürfe sein Amt ruhen zu lassen. Mitte Januar jedoch, nachdem Unicef ein externes Gutachten von KPMG vorlag, geschah zweierlei: Unicef sah sich von den Vorwürfen entlastet, und Simonis ließ sich wieder in die Organisationsdisziplin einbinden. Die Debatte um die Anschuldigungen scheint Unicef aber so nicht in den Griff zu bekommen.

Aufgabe für die Zukunft
Die Berichterstattung über den Skandal war schon zuvor über die „FR“ hinaus auch in anderen Medien zu finden und lief über die Nachrichtenticker. Auch bei anderen Hilfsorganisationen wird recherchiert, was zu Aussagen führt, nicht nur Unicef sei betroffen, sondern Hilfsorganisationen allgemein hätten unter dem Imageverlust zu leiden.

Während der externen Prüfung reduzierte sich die Berichterstattung nur vorübergehend. Wie die aktuelle Entwicklung zeigt, gibt es wohl kein Happy End. Die Prüfung hätte schon im Sommer eingeleitet werden können, nachdem Simonis selbst einen anonymen Brief erhalten hatte, oder spätestens Ende November. So wurde Unicef ein „Zickzackkurs“ attes­tiert.  Die Redaktionen haben Unicef „auf Wiedervorlage“ und werden noch stärker auf das Geschäftsgebaren der Hilfsorganisationen schauen.

Die Aufgabenstellung der Institutionen und ihrer Kommunikationsabteilungen ist klar: Mehr Transparenz schaffen und dabei auch die Hürde meistern, zu kommunizieren, dass Helfer in der Dritten Welt durchaus das Recht auf ein angemessenes Salär haben, wenn sie unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Und auch, dass Fundraiser einen anstrengenden Job haben, für den sie entlohnt werden müssen.

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