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29.01.2008   News
„Ein guter Pokerspieler greift an“, sagt der Doc
 

Was wäre das Berufsleben eines Kommunikationsmenschen ohne die spielerische Komponente! PR Report-Redakteur Frank Behrens befragte den deutschen Profi-Pokerer Michael Keiner („The Doc“) über die Lust des Bluffens

Herr Keiner, wieso ist das Pokern Ihrer Meinung nach als Metapher so beliebt?
Weil „Poker“ mit einem Schlagwort vielfältige Kommunikations- und Manipulationsmechanismen zusammenfasst. Die Begriffsdefinition umfasst sowohl das Vorspiegeln falscher Tatsachen (Bluffen), Erzielen des maximalen Gegenwerts für vorhandene Positionen und Werte, als auch den Versuch, Kommunikationspartner in eine gewünschte Richtung hin zu manipulieren.

Ist Poker eine passende Metapher für Verhandlungssituationen?
In der überwiegenden Anzahl der Fälle eindeutig ja.

Ist Poker ein Glücksspiel? Oder ist die Strategie entscheidend?
Poker ist ein Strategiespiel mit Glückselementen, wobei die strategischen Merkmale eindeutig im Vordergrund stehen. Es hat sicher einen deutlich höheren Glücksanteil als Schach und ist eher mit verschiedenen Sportarten zu vergleichen.
Der prozentuale Glücksanteil ist in hohem Maße davon abhängig, wie homogen das Leistungs- und Ausbildungsniveau der Teilnehmer ist. Am Besten eignen sich hier Vergleiche aus den Bereichen Golf und Fußball. Wenn zwei annähernd gleich starke Gegner aufeinander treffen, wird ein Spiel oft durch relativ kleine Ereignisse entschieden, beispielsweise ob ein Fußball den Torpfosten trifft oder einen halben Zentimeter daran vorbei ins Tor fliegt.

Wie übt ein Pokerspieler Druck aus?
Indem er über weite Strecken des Spiels versucht, selbst die Handlungsinitative zu übernehmen und so seine Mitspieler in die Passivität, also Reaktion anstelle von Aktion, drängt. Ein guter Pokerspieler greift an, ein schlechter verteidigt.

Was macht den Reiz des Spiels aus?
Es ist die Komplexität, das Zusammenspiel mehrerer verschiedener Komponenten. Auf der einen Seite sind vielfältige mathematische Beurteilungen unter Zeitdruck notwendig, auf der anderen Seite kommen psychologische Tools fortlaufend während der gesamten Spielsitzung über Stunden hinweg permanent im Hintergrund zum Einsatz.
Ein weiterer Reiz ist das unmittelbare Ursache-Wirkungsprinzip. Während man bei vielen anderen Aktivitäten die Auswirkungen seiner Entscheidungen erst zeitverzögert und manchmal nur mittelbar erleben kann, erfolgt dies beim Pokern sehr zeitnah und unmittelbar.
 
Wo wird im Alltag, im menschlichen Umgang gepokert?
Auf fast allen kommunikativen Ebenen. In privaten Partnerbeziehungen, Eltern-Kind Konflikten, bei Bewerbungsgesprächen, im Berufsleben unter Kollegen, innerhalb der Firmenhierarchie, im Geschäftsleben zwischen zwei oder mehreren Verhandlungspartnern, in der Politik.

Wann könnte es im Berufsleben angebracht sein zu pokern?
In allen Situationen, in denen ein zu erreichendes Ziel kurzfristig auch jenseits moralischer Ansprüche absolut erstrebenswert erscheint.

Und wann nicht?
In allen fundamentalen Situationen, die auf solider Langfristigkeit aufgebaut sind.

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