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07.10.2010   News
Verdeckte PR-Kampagnen für Stuttgart 21?
 

Nun soll es also Heiner Geißler richten. Am Mittwoch hat der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) den ehemaligen Generalsekretär seiner Partei als Schlichter im Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 vorgeschlagen. Zugleich zeigt die von Mappus Anfang September angekündigte Informationskampagne nicht die gewünschte Wirkung. Im SWR-Radio hatte Mappus propagiert: „Ich will alles dafür tun, dass sie [die Menschen] objektive Informationen zur Verfügung gestellt bekommen.“ Doch es ist anders gekommen.

Mit Beginn der Abrissarbeiten am 25. August hat sich, wie die Stuttgarter Agentur LässingMüller Public Relations in einer Analyse herausgefunden hat, die Zahl der Beiträge auf Twitter, Facebook, Blogs und in Foren fast verdreifacht. Von „objektiver Information“ kann da keine Rede sein. Zumal sich einige der Onlineangebote zum Bauprojekt dem Vorwurf des Astroturfings ausgesetzt sehen.
Der Grünen-Politiker Andreas Bühler hatte die Diskussion über die von professionellen PR-Agenturen als vermeintliche Bürgerinitiativen inszenierten Blogs und Foren ins Rollen gebracht. Beispielsweise steht hinter den Seiten „Wir sind Stuttgart 21“ und „Laufen für Stuttgart“ die Firma Sitibi, eine Agentur für Begegnungsmarketing. Dass für dieses Engagement pro Stuttgart 21 Geld geflossen ist, bestreitet Sitibi-Geschäftsführer Christian List vehement. Als das Berliner Blog Metronaut noch einen drauflegt und unmissverständlich schreibt: „Eine PR-Agentur organisiert Demonstrationen für das Milliardenprojekt. Hier werden Events inszeniert und Menschen zu ahnungslosen Claqueuren instrumentalisiert“, äußert List gegenüber sueddeutsche.de, dass die Debatte inzwischen „abstruse Züge“ angenommen habe. Sein Job und das Engagement für Stuttgart 21 hätten nichts miteinander zu tun. Allerdings haben unter anderem die Deutsche Bahn, die Stadt Stuttgart und die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg bereits bei früheren Projekten auf die Dienste Sitibis vertraut.
Auch die Stuttgarter Agentur PR-Spezialisten.de steht in der Kritik. Sie hatte über ihren Firmenaccount unter anderem getwittert: „S21: Robin Wood, Park-Stasi und Öko-Taliban treten die Demokratie in Stuttgart mit Füßen. Bitte spülen & räumen!“ Geschäftsführer André Paris Zachmann weist die Anschuldigungen zurück, für die Tweets bezahlt worden zu sein. Ähnlichen Vorwürfen musste Rainer Benz begegnen, dessen Webeagentur rb.w hinter der Kampagne K21 steht, die sich für den Erhalt des Kopfbahnhofs in Stuttgart einsetzt. Beweise für oder gegen einen bezahlten Auftrag gibt es bei solch emotionalen und öffentlichkeitswirksamen Kampagnen oft nicht. Gerade diese Mischung macht die vom Deutschen Rat für Public Relations (DRPR) als unlauter abgelehnte Praxis des Astroturfings für Auftraggeber und Agenturen so anziehend.
Das Prekäre an der Situation in Stuttgart: Die Deutsche Bahn war erst im vergangenen Jahr mit einer verdeckten PR-Strategie aus dem Jahr 2007 aufgeflogen. Die Initiative Lobby Control konnte nachweisen, dass die Bahn der Agentur Berlinpolis für gefälschte Leserbriefe, Foreneinträge und Presseartikel 1,3 Millionen Euro gezahlt hatte. Bahnchef Rüdiger Grube versicherte im Mai 2009: „Diese Form der PR-Maßnahmen lehne ich entschieden ab.“ Auch dann noch, wenn der Gegenwind wie in Stuttgart rauer wird?  (bb)
 

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