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01.11.2007   News
Kinder wollen ernst genommen werden
 

Norbert Neuß, Professor für Erziehungswissenschaften und Medienpädagogik an der FH Holzminden, sagt, Kinder möchten in der Kommunikation als Kinder angesprochen werden: "Was manche Erwachsene unter kindgerecht verstehen, wirkt auf Kinder oft kindisch." Einer von mehreren Aspekten in der Rubrik Perspektiven auf PR (PR Report 11/2007): Kinder sind Hype-Thema, politischer Zankapfel, Mediennutzer - und die Kunden von morgen.

Professor Neuß, nehmen Kinder Medien anders wahr?
Ja. Kinder verstehen die unterschiedlichsten Medienangebote auf der Grundlage ihrer kognitiven Fähigkeiten. Im Vorschulalter nehmen Kinder oftmals nur Einzelheiten medialer Inhalte wahr. Mit zunehmender Medienerfahrung bildet sich Medienkompetenz aus. So werden Kinder nach und nach fähig, auch komplexe Inhalte zu verstehen und einzuordnen.

Nehmen Kinder bestimmte Medien stärker wahr?
Das Fernsehen ist nach wie vor das Leitmedium für Kinder, obwohl die Computernutzung auch mehr und mehr ansteigt. Kinder im Vorschulalter nutzen das Fernsehen täglich im Schnitt 70 Minuten und Grundschulkinder 90 Minuten. Mit der Zunahme der Fernsehnutzung nimmt oft auch die Bedeutung von Büchern ab. Da die Mediennutzung in der Familie erlernt wird, hängt das Verhalten der Heranwachsenden oftmals von dem der Eltern ab. Hier sind auch durchaus Milieuunterschiede feststellbar.

Wie sieht eine kindgerechte Informationsaufbereitung aus?
Dies ist eine sehr komplizierte Frage und kann hier nur grob beantwortet werden. Für die Darstellung von Informationen im Fernsehen ist es wichtig, dass dies den entwicklungspsychologischen Wahrnehmungsfähigkeiten der Zielgruppe angepasst ist. Weiterhin müssen Produzenten etwas über die lebensweltbezogene Situation von Kindern sowie ihren handlungsleitenden Themen wissen. Denn wie wir aus der Rezeptionsforschung wissen, filtern Kinder Informationsangebote auch auf dem Hintergrund ihres ganz persönlichen, lebensweltbezogenen Wissens. Dies bestimmt auch die Aneignung von Medieninhalten. Was zum Beispiel die Internetrezeption angeht, so sind hier andere Kompetenzen notwendig als beim Radiohören oder beim Fernsehen. Während letzteres auch möglich ist, wenn Kinder noch nicht lesen oder schreiben können, ist das Internet noch ein „Lese-Schreib-Medium“ mit einer eigenen Bildsymbolik.

Wie kommuniziert man altersgerecht mit Kindern?

Mediale Kommunikation muss die Kinder erreichen. Dazu ist Wissen aus den Bereichen der Entwicklungspsychologie, der Rezeptions-, Aufmerksamkeits- und Sozialisationsforschung sowie der pädagogischen Anthropologie sinnvoll. Wer etwa die Entwicklungsaufgaben und -themen von Kindern nicht kennt, hat es schwerer, altersgerecht mit ihnen zu kommunizieren.

Wollen Kinder als Kinder angesprochen werden?
Ich meine ja. Allerdings wollen Sie auch ernst genommen werden. Das was manche Erwachsene unter „kindgerecht“ verstehen, wirkt auf Kinder oft „kindisch“. Es geht darum, Kinder ernst zu nehmen, sie aber nicht durch zu viel Kitsch, Albernheiten, Blödeleien, Singsang oder Sprachgequietsche zu karikieren.  

Wie verändert sich die Medienwahrnehmung während des Heranwachsens?
Die Antwort auf diese Frage ist romanverdächtig! Man kann sagen, dass die Medienwahrnehmung durch vier Faktoren geprägt ist. Neben der schon erwähnten kognitiven Entwicklung spielen der Bildungsstand, das Geschlecht und der familiäre Medienumgang eine wichtige Rolle. Mit zunehmendem Alter nimmt der Einfluss der Eltern auf die Mediennutzung und -vorlieben ab und der der Gleichaltrigen zu. Hinzu kommt, dass Medienangebote im Rahmen der Identitätsbildung mehr und mehr als symbolische Versatzstücke für die eigene Identitätsbastelei benutzt werden. Im Internet sind mit dem Web 2.0 Tendenzen zu beobachten, dass diese Identitätsbastelei auch öffentlich gezeigt und kommuniziert wird.
Mit Norbert Neuß sprach Frank Behrens.

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