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News / Stereotypen
10.09.2010   News
Stereotypen
 

Nachdem sich der Medienkonsument mit den Mechanismen der Skandalisierung in der deutschen Presselandschaft am Beispiel Thilo Sarrazin konfrontiert sah, darf er sich jetzt zur Erholung an der Autobiografie eines Fabian Hambüchen (22) erfreuen oder sich über eine geplante Koran-Verbrennung in einem Kaff namens Gainesville (US-Bundesstaat Florida, etwa 125.000 Einwohner) empören. Derweil muss der eine oder andere Medienproduzent die Routinen der PR ertragen.

Eine solche Routine durchläuft das Thema Glücksspielmarkt, den Impuls gaben Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) am Mittwoch. Unter anderem sei demnach die deutsche Regelung über Sportwetten eine Beschränkung des freien Dienstleistungsverkehrs und der Niederlassungsfreiheit in der Europäischen Union, das für bestimmte Arten von Glücksspielen geltende staatliche Monopol sei mit EU-Recht nicht vereinbar.
So weit, so unklar. „Das Monopol ist gescheitert, jetzt sind die Politiker gefordert zu handeln“, verkündet Norman Faber, Präsident des Deutschen Lottoverbandes. Als eine richtungsweisende Klarstellung und Stärkung des staatlichen Glücksspielmonopols begrüßt dagegen der Paritätische Wohlfahrtsverband das Urteil. Jörg Wacker, Direktor des österreichischen Online-Glücksspielkonzerns bwin, kommentiert wiederum: „Der Glücksspielstaatsvertrag und seine Verbote für private Anbieter sind gemeinschaftswidrig.“ Und Lutz Wieding, Vorsitzender des Deutschen Spielbankenverbandes, lenkt die Aufmerksamkeit per Kurzmitteilung einfach mal auf Spielhallen: „Es ist jetzt Aufgabe der Bundesregierung, das vom EuGH angemahnte Regulierungsdefizit beim gewerblichen Automatenspiel in Spielhallen zu beseitigen.“
Das Durcheinander ist Routine, weil PR nun mal eine von bestimmten Interessen geleitete Angelegenheit ist. Jetzt werden die Lobbyisten etwas mehr aus der Deckung kommen dürfen. Und so werden die Auswertung der Entscheidungen und die Ausarbeitung neuer Rahmenbedingungen ein paar Tage brauchen.
Was allerdings aus den bekannten Bestrebungen der Politik, aus dem Glücksspiel-Staatsvertrag auszusteigen, den Urteilen und den Stellungnahmen deutlich hervorgeht, ist letztlich die Abwesenheit dessen, was zuvorderst doch immer propagiert wurde: Verbraucher- und Jugendschutz in der Praxis. Eine Liberalisierung des Glücksspielmarkts scheint programmiert. Und deutsche Spitzenfunktionäre des Sports reiben sich schon mal vergnügt die Hände. (fo)

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