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01.10.2007   News
Lernen statt Kaffee zubereiten
 
Über Praktikanten als Melkkühe ist reichlich diskutiert worden. EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla will deswegen sogar eine „europäische Qualitätscharta“ für Praktika vorschlagen. In der PR ist aber ein Trend zur Professionalisierung zu beobachten. Von Uwe Förster
Der „war for talents“ ist in vollem Gange. Allerdings kommt er nicht so martialisch daher, wie es die Wortwahl vermuten lässt. Die Agentur Koob beispielsweise nimmt eine ganz und gar ungefährliche Waffe zur Hand: Sie verschickt eine Pressemitteilung, in der sie verkündet, jetzt Mitglied der Initiative „Fair Company“ zu sein. Die war im Jahr 2004 von der Zeitschrift „karriere“ ins Leben gerufen worden. Ihr haben sich knapp 800 Unternehmen angeschlossen, die die beruflichen Einstiegschancen von Akademikern verbessern wollen. Der Informationsgehalt dieser Koob-Mitteilung liegt auch darin, dass sie die wichtigsten Kriterien für einen guten Praktikumsplatz enthält:

Praktika dienen der beruf­lichen QualifizierungEs wird eine adäquate Aufwandsentschädigung gezahltEin Praktikum ersetzt keine VollzeitstelleBewerber um Praktikumsplätze werden nicht mit vagen Aussichten auf Vollzeitstellen gelocktUmgekehrt werden Bewerber um Vollzeitstellen nicht mit Praktikumsplätzen vertröstet
Mit diesen Kriterien sind zugleich die wichtigsten Kritikpunkte erfasst, die im Zusammenhang mit Praktika und der Auseinandersetzung um eine neu entstandene „Generation P“ geäußert wurden. Firmen würden schlechte bezahlte Arbeitsplätze als Praktika tarnen und damit Sozialdumping betreiben, sagte etwa EU-Bildungskommissar Jan Figel Anfang September. Die geplante Qualitäts­charta für Praktika soll laut EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla eine Art Verhaltenskodex für Unternehmen darstellen mit Empfehlungen zur Dauer und Vergütung von Praktika sowie zum Ausbildungscharakter.

Teil der Ausbildung


Gemäß den „Fair Company“-Regeln dient ein Praktikum der Qualifizierung, ist also eine mögliche Voraussetzung für einen Beruf und nicht dessen Bestandteil. Ein solches berufsqualifizierendes Praktikum zu finden, ist allerdings nicht ganz einfach. Das betrifft sowohl jene, die ein Kommunikationsstudium absolvieren, als auch jene, die zum Beispiel als Seiteneinsteiger einen PR-Beruf ergreifen wollen. In der Gruppe der Seiteneinsteiger sind es nach Meinung der Kölner Agentur rheinfaktor vor allem die Geistes- und Medienwissenschaftler, die den „Traumjob PR“ anstreben. Und die gehören wiederum zu den Studienabsolventen, die Untersuchungen, aber auch Medienberichten zufolge vergleichsweise häufig Praktika anstreben. Das Problem dieser „Problemgruppe“: Die Entgeltfrage und eine mögliche spätere Übernahme durch den Praktikumsgeber spielen womöglich eine größere Rolle als die Inhalte des Praktikums. Statt der Ergänzung von Lerninhalten haben Praktika hier die Funktion der Überbrückung von Wartezeiten. Schlicht gesagt: Es geht um die materielle Zukunft. Wer da für lau und mit vagen Versprechungen abgespeist wird, ist zu Recht enttäuscht.

Bei Studierenden dürften die Inhalte ihrer Arbeit einen anderen Stellenwert haben. Ihnen wird es weniger ausmachen, als vollwertige Arbeitskraft (aus-) genutzt zu werden, solange sie den Alltag von Kommunikationsexperten kennenlernen und sich nicht mit wenig anspruchsvollen Beschäftigungstherapien wie Kaffeekochen und Kopieren beschäftigen müssen.

Dass es um Praktika in der PR nicht überall gut bestellt ist, bestätigte schon im vergangenen Jahr Ulrich Nies, Chef der DPRG, die im übrigen auch an der Initiative „Fair Company“ beteiligt ist. Zum Thema Praktikumsschleife sagte er: „Wir haben auch schon mal mit der einen oder anderen Agentur gesprochen und denen gesagt: So geht es nicht!“ (PR Report 9/06). Und auch Achim Baum, dem Praktikumsbeauftragten am Institut für Kommunikationsmanagement der Fachhochschule Osnabrück, begegnen beim Durchlesen von Praktikumsberichten hin und wieder „finstere Dinge“. Nicht von ungefähr also verabschiedete das Institut im Juni gemeinsam mit Praktikumsgebern aus der Wirtschaft die „Deklaration Praktikum“. Dabei geht darum, die Arbeitgeber und deren Angebote zu qualifizieren. „Die Unternehmen tragen mit ihren Angeboten zu einer Ausbildung mit hohem Praxisanteil bei“, erläutert Baum. „Hier und da fehlt es aber an einem Konzept für den Umgang mit den Praktikanten.“ Mit der freiwilligen Selbstverpflichtung über die Rahmenbedingungen für ein faires Praktikum soll Abhilfe geschaffen werden. Die „Deklara­tion“ umfasst neun Kriterien, die sich unter anderem mit der Betreuungssituation und der Prak­tikumsevaluation beschäftigen. Die Kooperationspartner dieser Initiative sind allerdings solche Unternehmen, „von denen wir wussten, dass sie gute Bedingungen bieten“, so Baum. Zu den Unterzeichnern zählen Agenturen wie crossrelations und Pleon und Unternehmen wie die Meyer Werft in Papenburg und der Keksfabrikant Bahlsen.

Je länger, desto besser

In Punkt neun der „Deklaration“ heißt es: „Im modularisierten Studiengang Kommunikationsmanagement sind Praktika verpflichtend in die vorleseungsfreie Zeit eingebunden.“ Alle Beteiligten wollen darauf flexibel reagieren. Hintergrund: Der Studiengang Kommunikationsmanagement an der FH Osnabrück war bislang als normalerweise acht­semestriger Diplomstudiengang mit zwei Praxissemestern angelegt. Bis zu sechsmonatige Praktika waren also möglich. Zum Wintersemes­ter 06/07 wurde der Studiengang auf einen Bachelorabschluss umgestellt. Jetzt sollen die Studierenden in sechs Semestern auf eine berufliche Tätigkeit in der Organisationskommunikation mit Schwerpunkt PR vorbereitet werden und ihre Praktika in den Semesterferien absolvieren. Entsprechend verkürzt sich deren Dauer auf maximal drei Monate. Der Trend geht dagegen zu immer längeren Praktika.

Weniger als drei Monate sollten es nach Möglichkeit auch nicht sein, meint rheinfaktor-Geschäftsfühererin Nicole Monz. Zumal ihre Agentur in den Praktikanten potenziellen Mitarbeiternachwuchs sieht und sie dementsprechend ein Bewerbungsverfahren wie für eine Festanstellung durchlaufen lässt. „Innerhalb der drei Monate können die Praktikanten zum Teil eigenständig an Projekten, beispielsweise Marktrecherchen und Wettbewerbsanalysen, arbeiten“, sagt Monz. rheinfaktor beschäftigt höchstens zwei Praktikanten gleichzeitig, wobei die meisten ein Studium absolvieren. 70 Prozent dieser Mitarbeiter auf Zeit bleiben ein Vierteljahr, der Rest bis zu sechs Monate. Mit einem Arbeitsvertrag, 300 Euro Vergütung, einem Zeugnis und einem ausführlichen Beurteilungsgespräch am Schluss hält man sich laut Monz auch an die Forderungen, die der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Initiative „Generation Praktikum.de“ an ein faires Praktikum stellen.

Auch bei der Agentur komm.passion in Berlin bleiben die Praktikanten zwischen drei und sechs Monaten. Halbjahres­praktika werden jedoch bevorzugt. „In dieser Zeitspanne können die Mitarbeiter in Verantwortlichkeiten hineinwachsen“, sagt Markus Gaier, Director Public Affairs. Ob sich durch ein verkürztes Studium in Verbindung mit einem Abitur schon nach dem 12. Schuljahr die Qualität der Praktikanten verringere, will Gaier noch nicht beurteilen. In der politischen Kommunika­tion spielten allerdings Lebenserfahrung und die Fähigkeit, Politik inhaltlich zu hinterfragen, eine wichtige Rolle. Einer Praktikumsinitiative gehört komm.passion zwar nicht an. Dennoch verfahre die Agentur nach solchen Qualtitätskriterien, denn „ein schlechtes Praktikum spricht sich in der Community schnell herum“, erläutert Gaier. „Und wir brauchen gute Leute. Unseren Kaffee können wir selber kochen.“

Ist der Ruf erst ruiniert ...

Angesichts von Internetplattformen, wo Praktikanten von ihren Erfahrungen berichten, kann ein guter Ruf schnell ramponiert werden. Da gibt es etwa unter www.praktika.de zehn Punkte für muehlhaus & moers für „ein durchaus gelungenes Praktikum, bei dem ich sehr viel lernen konnte“. Über Leumedia in München (nach eigenen Angaben ein „Spezialist für Öffentlichkeitsarbeit“) heißt es dagegen bei basepor-tal.de: „Für meine Zukunft habe ich gelernt, wie man nicht mit seinen Praktikanten umgeht!!“ Eine Berliner Agentur beispielsweise ist in der PR-Branche seit Jahren wegen angeblich suboptimaler Arbeitsbedingungen verschrieen, spätestens seit Ende 2005, als eine Auszubildende in einer Tageszeitung „auspackte“. Sie beklagte unter anderem mehr als 70 Überstunden und monatelange Einsätze im Facility Management. Als Recherchequelle nicht zu vernachlässigen sind die Datenbanken der Hochschulen mit Praktikumsberichten. Wenn also einige Agenturen in jüngster Zeit berichten, dass es schwieriger geworden sei, Praktikanten zu bekommen, muss das nicht zwangsläufig ein Beweis für das Aussterben der „Generation P“ sein.

Ein Trend zu immer mehr qualitativ verbesserten Praktiumsangeboten ist jedoch auszumachen. Über Praktika in der PR ist jedenfalls weniger Negatives zu hören als über die im Journalismus, sagt Lena Rütten, die die Praktikantendatenbank des Instituts für Kommunikationswissenschaft an  der Universität Münster betreut. Hinter den Gesuchen aus der PR stehe oft ein guter Plan für die Einsatzgebiete des Mitarbeiters sowie eine bessere Bezahlung. 850 Euro pro Monat seien keine Ausnahme und nicht das Ende der Fahnenstange – wer mehr bezahlt, der sorgt dafür, dass sein Geld gut angelegt ist. Auch bei den angehenden Kommunikationswissenschaftlern der Uni Hohenheim erfreuen sich Praktika in der PR großer Beliebtheit und werden laut Annie Waldher, für die Anerkennung der Praktika zuständig, der Mitarbeit in anderen Bereichen, etwa im Journalismus oder der Marktforschung, vorgezogen. Allerdings würde dies vor allem für Unternehmen, weniger für Agenturen gelten. Grund: die Bezahlung.

Dass sich Agenturen Initiativen für faire Praktika anschließen, um ihr Image zu verbessern, hat durchaus sein Gutes. Die Kriterien geben den Bewerbern Orientierung und zeigen ihnen auf, was sie erwartet. Allerdings müssen diese Regeln auch gelebt werden. Das ist möglicherweise nicht in allen der mehr als 80 Agenturen der Fall, die sich dem Praktikantenprogramm des Art Directors Club (ADC) angeschlossen haben. Bei häberlein & mauerer, dem ADC-Ansprechpartner für die Presse, kannte man das Programm jedenfalls nicht. Einer Mitarbeiterin bei der Agentur fischerAppelt, die sich ebenfalls dem Programm verschrieben hat, war es ebenfalls unbekannt. Anders bei Ute Middelmann PR: Hier werden jene Gutscheine des ADC-Programms, mit denen der Praktikant bestimmte Lerninhalte einfordern kann, tatsächlich ausgehändigt. Und trotz einiger Schwarzer Schafe kommt Ute Middelmann zu dem Schluss, dass sich das Bewusstsein der Branche für den Wert von Praktika positiv verändert hat.

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