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News / Wenn das Staatsoberhaupt Regie führt
Eine PK mit "Überraschungsgast"...
11.07.2010   News
Wenn das Staatsoberhaupt Regie führt
 

Was hat ein Bundespräsident auf der abschließenden Pressekonferenz einer Fußball-Nationalmannschaft verloren? DFB-Mediendirektor Harald Stenger wirkte am Sonntag bei der Eröffnung des live im TV übertragenen Ereignisses beinahe so, als wisse er selbst nicht, warum da soeben Christian Wulff mit ein paar Bodyguards das Podium betreten und sich zwischen den Bundestrainer und den DFB-Präsidenten platziert hatte: Man sei „darüber informiert worden“, dass das Staatsoberhaupt teilnehme, teilte Stenger mit. Vielleicht ahnte der erfahrene PR-Mann da schon, was passieren würde.

Ohne dass Stenger etwas dagegen hätte ausrichten können, übernahm der frisch gebackene erste Mann im Staat die Regie der Pressekonferenz. Eigentlich war die vorgesehene Dramaturgie aus Sicht der DFB-Funktionäre perfekt. Erster Akt: Der Bundespräsident lobt die ganze Welt und natürlich den Bundestrainer und stellt Verdienstorden für Joachim Löw und die Mannschaft in Aussicht. Effekt: Wulffs Anwesenheit auf der PK erklärt sich, und es entsteht ein gewisser Nachrichtenwert. Zweiter Akt: DFB-Präsident Theo Zwanziger ergänzt, wie gewohnt druckreif, die Worte des Bundespräsidenten. Effekt: noch mehr Glanz und, vor allem, Zeitgewinn, um nicht über die ungeklärte Zukunft des Trainer(stab)s reden zu müssen. Denn, wie praktisch, der Präsident und der andere Präsident haben noch eine Verabredung mit der Mannschaft. Ein perfekter Grund, die Bühne nach einer halben Stunde zu verlassen.

Im dritten Akt würden also die bis dahin wortlos dasitzenden, in unterschiedlicher Intensität vergrippten Figuren Löw, Lahm und Schweinsteiger mit Stenger und den Journalisten zurückbleiben. Als Stenger aber nach dem zweiten Akt ins Publikum fragt, ob es noch Fragen an den Bundespräsidenten gebe, fährt Wulff ihm (und damit Zwanziger) in die Parade und fragt, was es denn in einem solchen Moment Wichtigeres gäbe, als die Mannschaft und den Trainer zu Wort kommen zu lassen. Ja gut, dann stelle man die Reihenfolge um, murmelt Stenger, und Zwanzigers Gesicht versteinert für Sekunden. Denn dieser dritte Akt läuft jetzt natürlich so: Löw – krank, genervt, aber stolz – zieht eine angemessen positive Bilanz („weltmeisterlich gespielt“), Lahm – krank, genervt und zwischen dem DFB-Boss und dem Kapitän des letzten Spiels wie ein Schluck Wasser in der Kurve – gibt tapfer ein Statement ab, und „Schweini“ – müde, genervt und erkennbar lieber in der Vorbereitung auf das Finale – sagt auch noch etwas.

Und dann passiert, was Zwanziger wohl am liebsten verhindert hätte: Ein Journalist fragt ihn nach der Roadmap für die Vertragsverhandlungen mit Löw und ob er, Zwanziger, sein Schicksal als Präsident an den Verbleib der erfolgreichen Trainerkonstellation knüpfen werde. Der zweite Teil der Frage ist neu, wie der DFB-Präsident in seiner Antwort selbst bemerkt. Dass es dazu überhaupt kommen kann, war in dem Moment klar, in dem ausgerechnet der Bundespräsident das Protokoll über den Haufen geworfen hatte.

Wulff bleibt sitzen und lässt die DFB-Interna in Ruhe über sich ergehen. Sollte auch nur ein Medienvertreter im Raum noch das Gefühl haben, derlei Fragen – auch zur Finanzlage des Verbandes oder zu Boni, die die Spieler gern mit ihren Betreuern teilen würden – seien in Anbetracht der Anwesenheit des Staatsoberhauptes zu detailliert und unangebracht, so wird er durch den lächelnd ausharrenden Wulff eines besseren belehrt. Die ersten Medienberichte des vergangenen Sonntags haben dann Überschriften wie „Löw lässt Deutschland zittern“, weil der Trainer auf Nachfrage sagt, seine Zukunft sei „offen“.

Warum tut das neue Staatsoberhaupt, das sein Profil noch sucht, sich und seinem Gastgeber Zwanziger solches an? Will Wulff sich besonders volksnah geben? Will er Löw aufwerten, den die ursprünglich vorgesehene PK-Dramaturgie zum Statisten degradiert hätte? War der Bundespräsident schlecht gebrieft oder mangelte es ihm in der Situation an Sensibilität? Wahrscheinlich ist: keines von alledem. Wulff, der durchaus weiß, wie man sich inszeniert, bekam am Ende, was er wollte: ein Foto mit Lahm und Schweinsteiger. Das war es ihm offensichtlich wert. Und die beiden Jungs im Adler-Trikot konnten da auch schon wieder lächeln. (sv)
 

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