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News / Das Atommülllager
29.04.2010   News
Das Atommülllager
 

Die Asse, eigentlich ein Höhenzug nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze, hat in den vergangenen zwei Jahren eine steile Medienkarriere hingelegt. Die Anwohner hätten wahrscheinlich gern darauf verzichtet, genauso wie auf die strahlenden Fässer im einsturzgefährdeten stillgelegten Salzbergwerk. Von Frank Behrens

Noch 2008 sei Beratungsresistenz beim Münchner Helmholtz-Zentrum, dem damaligen Betreiber des Atommülllagers Asse, festzustellen gewesen, sagen Berater einer zwischenzeitlich engagierten Agentur. Mehr als 40 Jahre existierte zu diesem Zeitpunkt das Atommülllager unter dem ostniedersächsischen Höhenzug im Landkreis Wolfenbüttel. Doch kaum jemand außerhalb der Region wusste etwas mit dem Begriff anzufangen. Gorleben? Ja, klar. Schacht Konrad? Auch noch. Morsleben? Selbst das Atommülllager im nahen Sachsen-Anhalt war der Öffentlichkeit ein Begriff. Doch die Asse? Unbekannt.
Das änderte sich im Jahr 2008. Im Juni gab es zunächst einen Bericht in der „Braunschweiger Zeitung“, dass Lauge in der Asse mit radioaktivem Cäsium belastet sei. Im Herbst wurde durch eine Anfrage der fraktionslosen niedersächsischen Landtagsabgeordneten Christel Wegner bekannt, dass jahrelang Lauge aus der Asse in stillgelegte Bergwerke der K+S AG transportiert worden war. Die Asse war zum Medienthema geworden. Die Medien berichteten unter anderem über Gutachten, die bereits Ende der siebziger Jahre die Gefahr von Laugenzuflüssen in die Anlage konstatierten und auch darüber, dass bereits 1965 das Bergbauamt vor der Einlagerung von Atommüll in der Asse gewarnt hatte.
Das Bundesamt für Strahlenschutz übernimmt
Ende 2008 reagierte die Bundesregierung auf die zunehmende öffentliche Kritik. Das Bundesforschungs- und das Bundesumweltministerium entzogen dem Helmholtz-Zentrum die Verantwortung und wiesen sie dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter zu. Damit wehte kommunikativ ein neuer Wind durch die Asse. Das gestehen sogar die Bürgerinitiativen dem neuen Betreiber zu. Udo Dettmann etwa, der die Infosite www.asse2.de betreibt, lobt das BfS dafür, dass es Probleme in der Anlage „nicht mehr nur herunterredet. Das Helmholtz-Zentrum verfolgte in der Kommunikation immer eine Salamitaktik. Das macht Salzgitter nicht. Also kann man schon sagen, dass die Kommunikation wesentlich besser geworden ist.“ Dettmann fungiert mit seiner Site als Online-Dienstleister der regionalen Bürgerinitiativen, die sich seit Jahren gegen das faktische Atommüllendlager in der Asse stemmen. Dies sind die Aktion Atommüllfreie Asse, aufpASSEn e. V. und BASA Bürgeraktion Sichere Asse.
Nach einem Jahr Verantwortung entschied sich das BfS im Januar nach einer Prüfung der Optionen Vollverfüllung und Umlagerung für die auch von den Bürgerinitiativen favorisierte Rückholung des Atommülls. Der Ablauf dieser Rückholung sei häufig Thema von Bürgerfragen, sagt Florian Emrich, Pressesprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz. Andere Themen die an ihn und seine Mitarbeiter – einer, Werner Nording, ist speziell für die Asse-Kommunikation zuständig – gerichtet werden: der Verbleib der radioaktiven Abfälle aus der Asse nach der Rückholung, die Langzeitsicherheit der Schachtanlage und die Gefährdung des Grundwassers. Als vorrangiges Ziel der Asse-Kommunikation bezeichnet Emrich, „verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und transparent über die Asse und ihre Stilllegung zu informieren“. Zu dieser Transparenz gehört für den BfS-PR-Chef auch die Teilhabe der Bürger an allen Entscheidungsprozessen: „Die Öffentlichkeit wird bei allen Schritten zur Stilllegung frühzeitig einbezogen.“
An diesem Punkt widerspricht Dettmann: „Wir fühlen uns trotz aller Fortschritte und partiellen Transparenz am Informationsprozess immer noch nicht genügend beteiligt.“ Die Projekte würden vom Betreiber komplett ausgearbeitet. „Unsere Rolle ist es dann abzunicken oder nicht.“ Er fordert, dass das Bundesamt für Strahlenschutz manche vielleicht auch naiv klingende Laienfrage ernst nehmen sollte: „Das schützt vor einer gewissen Betriebsblindheit.“
Begleitgruppe, Website, Infozeitung
Emrich wiederum verweist in diesem Zusammenhang auf die „Asse-Begleitgruppe“, die den Stilllegungsprozess als institutionalisiertes Gremium auch mit Vertretern der Bürgerinitiativen begleitet. Selbstverständlich betreibt das BfS zur Asse auch ganz klassische Pressearbeit. Zudem gibt es Broschüren, die Website www.endlager-asse.de mit Hintergrundinformationen, historischen Dokumenten, aktuellen Meldungen und Animationen, ein Infomobil, das durch die Region tourt und in Einkaufszentren berichtet, eine Infostelle gegenüber der Anlage, öffentliche Informationsveranstaltungen und die Möglichkeit, an Begehungen des Bergwerks teilzunehmen.
Aus der Pressestelle kommt auch die im Zwei-Monats-Turnus erscheinende Info-Zeitung „Asse Einblicke“. Auf die Qualität der Website www.endlager-asse.de legt Emrich besonderen Wert: „Unsere Website ist eine moderne Informationsplattform, die mit leicht verständlichen Texten und anschaulichen Animationen das Verständnis komplexer Sachverhalte ermöglicht.“ Derzeit evaluiert das BfS gemeinsam mit einem Dienstleister die Information der Öffentlichkeit. Die Ergebnisse lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Das Fachpublikum versucht das BfS ebenfalls mit der Website zu erreichen, allerdings dann eher mit nicht allgemein verständlichen Fachunterlagen.
Und immer wieder ist die Pressestelle auch mit aktuellen Geschehnissen konfrontiert. Mitte April überstürzten sich die Ereignisse. Zunächst stand in Hannover der Auftritt des BfS-Präsidenten Wolfram König an. König, Mitglied von Bündnis90/Die Grünen und seit 1999 Chef in Salzgitter, stand dem Asse-Untersuchungsausschuss des niedersächsischen Landtags Rede und Antwort. Dabei sagte er, dass seiner Auffassung nach niemals Atommüll in die Asse hätte eingelagert werden dürfen. Und er informierte Abgeordnete und Öffentlichkeit darüber, dass Blei sowie Arsen im Bergwerk gefunden worden seien und die Radioaktivität höher sei als angenommen. Es sind unter anderem solche Aussagen, die dem BfS zumindest bei den Medien den Ruf eingetragen haben „atomkritisch“ („Stern“) zu sein; es verwundert daher nicht, dass Spekulationen ins Kraut schießen, nach der die schwarz-gelbe Bundesregierung über einen erneuten Wechsel in der Verantwortung für die Asse weg vom BfS nachdenke. Die verrückte April-Woche wurde für das BfS und seine PR perfekt, als praktisch gleichzeitig Dokumente publik wurden, aus denen hervorgeht, dass die Eignung des Salzstocks Gorleben als End- und Zwischenlager für Atommüll niemals untersucht worden ist und die Wahl des Ortes in den siebziger Jahren offensichtlich rein parteitaktischen Erwägungen folgte.
Emrich nimmt für das BfS in Anspruch, viel zu den neuen Erkenntnissen der letzten Monate beigetragen zu haben. Dass die Behörde von den Bürgern als fairer Ansprechpartner wahrgenommen wird, macht er neben ersten Rückmeldungen auf die bereits erwähnte Evaluation auch an den Besucherzahlen der Asse-Infostelle und den Teilnehmerzahlen von Infoveranstaltungen fest.
Dessen ungeachtet sieht Udo Dettmann bei der Kommunikation von Gorleben und insbesondere Morsleben erheblichen Nachholbedarf beim BfS. Das Atommülllager in Sachsen-Anhalt sei in seinen Augen so etwas wie die „Leiche im Keller“ der Behörde, sagt der Betreiber der Seite asse2.de, allerdings sei dies auch auf die andere Vorgeschichte zurückzuführen. Den Bürgerinitiativen, so Dettmann, gehe es jedenfalls in allererster Linie um Seriosität. „Wir sprechen mit der Bevölkerung, halten auch persönlichen Kontakt ins BfS. Aber wir geben auch Lücken offen zu.“
 

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